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Lokalzeitungen: Jede Kuh eine Top-Story

Von , Münster

Lokalreporter: Chronist des Absurden Fotos
DPA

Das Leben eines Lokalreporters ist eintönig. Der Münsteraner Journalist Ralf Heimann hat die Erfahrungen aus 1001 Ratssitzungen aufgeschrieben. Sein Buch ist eine Hommage an die Provinz - und zugleich eine Abrechnung mit ihr.

Eines vorweg: Den "Borkendorfer Boten" gibt es nicht, aber es gibt Hunderte Blätter, die der fiktiven Zeitung in Ralf Heimanns halbdokumentarischem Buch "Die tote Kuh kommt morgen rein" sehr ähnlich sind. Es sind Lokalzeitungen, die ihren Lesern harmlose Themen und sperrige Texte servieren, Variationen des Immergleichen. Bei Heimann verfasst sie der freie Mitarbeiter Hermann Noltenhans, der über die Eröffnung der Freibadsaison berichtet:

Wer kennt das nicht? Kaum ist der Sommer da, lockt die Sonne die Kinder und natürlich auch ihre Eltern ins Freibad. Aber der Wettergott war in diesem Jahr erneut nicht gnädig.

Wenn Noltenhans reportiert, wird es noch schlimmer:

Gestern traf sich der Borkendorfer Anglerverein von 1947 zu seiner traditionellen Generalversammlung. "Ich begrüße Sie ganz herzlich und möchte direkt zum ersten Punkt der Tagesordnung überleiten", verkündete Karl-Heinz Kramer, Erster Vorsitzender. Im Anschluss erhoben sich die Angler, um der Toten zu gedenken.

Heimanns Buch, das sich auch aus seinen Erfahrungen als Redakteur der "Münsterschen Zeitung" speist, ist nicht nur unterhaltsam, sondern steckt voller kluger Beobachtungen zu den Absurditäten, die Lokaljournalisten verzapfen.

Da wird der Redaktionsfrischling zur grauslichen Karnevalssitzung entsandt und bekommt dort umgehend einen Waschzettel in die Hand gedrückt, verbunden mit der klaren Order: "Dat kannste allet so übernehmen!" Da schreibt ein Redakteur das völlig verunglückte Schützenfest gnadenlos schön, auf dass bloß niemand sein Abonnement kündige. Da tauschen Sportreporter und Kreisliga-Trainer Woche für Woche dieselben Platituden aus, die im Wesentlichen besagen: Ja, wir wollen gewinnen, aber es wird schwierig. Gedruckt werden die Belanglosigkeiten anschließend trotzdem. Und zuletzt bügeln altgediente Schreiber des "Borkendorfer Boten" jegliche Rufe engagierter Kollegen nach mehr Qualität im Blatt ab: "Wir sind ja nicht die 'Süddeutsche'."

Wie hält man das aus?

Der Autor und Lokalredakteur Heimann sitzt an einem Freitagnachmittag, es sind nur noch wenige Stunden bis Redaktionsschluss, in einem Café in der Innenstadt Münsters. Er trägt einen schwarzen Pullover, eine blaue Jeans, seine Haare sind sorgsam verwuschelt, er sieht nicht so aus, wie man sich den klassischen Lokalreporter vorstellt, eher wie ein Feuilletonist der "Zeit". Er trinkt Kaffee, schwarz, und Mineralwasser. Es ist sein erstes Interview, in dem er Antworten geben soll, statt Fragen zu stellen. Ganz wohl ist ihm dabei nicht.

SPIEGEL ONLINE: Herr Heimann, was sind die drei goldenen Regeln für jeden Schützenfest-Reporter?

Heimann: Erstens: den Alkohol außer Acht lassen. Zweitens: an Übertreibungen sparen. Drittens: nicht boshaft sein.

SPIEGEL ONLINE: Sie meinen, den Spießbürgern möglichst stark schmeicheln?

Heimann: Ach, das ist gar nicht nötig. Schützenfeste sind ja nichts Böses, im Gegenteil: Sie halten die Dorfgemeinschaft zusammen. Darüber kann man doch ganz sachlich berichten. Dass dabei viel getrunken wird, gut...

SPIEGEL ONLINE: Könnte eine Lokalzeitung wie der "Borkendorfer Bote" eigentlich die Schmiergeldpraktiken von Karnevalsvereinen oder Schützengesellschaften enthüllen?

Heimann: Es käme auf einen Versuch an.

SPIEGEL ONLINE: Warum versucht es kaum jemand?

Heimann: Vielleicht weil nur wenige dazu bereit sind, sich in dem Ort, in dem sie leben, unbeliebt zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Ist diese Nähe zum Leser der Grund, warum viele Lokalzeitungen in Deutschland so beliebig und harmlos sind?

Heimann: Ich weiß nicht, ob das wirklich der Grund ist. Aber es spielt sicher eine große Rolle. Kritisch über Menschen zu berichten, mit denen man ständig zu tun hat, ist jedenfalls schwerer, als man sich das vorstellen mag. Es lebt sich immer schlecht als Nestbeschmutzer. Und für den wird man schnell gehalten.

SPIEGEL ONLINE: Will der Leser einer Lokalzeitung keinen kritischen Journalismus?

Heimann: Doch, das glaube ich schon - aber in Maßen. In kleinen Gemeinschaften ist der Zusammenhalt hoch, was für den Reporter bedeutet: Mit Kritik trifft er häufig nicht nur den Adressaten, sondern alle. Zudem nimmt die Lokalzeitung eine besondere Position ein. Je kleiner das Dorf, desto größer die Identifikation mit ihr. Die Lokalzeitung ist für viele noch immer das, was für andere heute soziale Netzwerke sind: Lieferant von Nachrichten, aber auch Heimat.

SPIEGEL ONLINE: Dann hat die Lokalzeitung also Zukunft?

Heimann: Das weiß ja leider niemand. Aber auf jeden Fall hat die Lokalberichterstattung Zukunft. Menschen sind neugierig. Menschen lieben Geschichten. Und jeder will doch wissen, was in seiner unmittelbaren Umgebung passiert.

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1. Lokalschreiberling
josefdaffner 20.10.2013
... bin ich auch seit einem Jahr, jedoch mit Pseudonym: Eine Gemeinderatssitzung steht an mit entsprechenden vordefinierten Tagesordnungspunkten, bzw. Themen, die zu entscheiden sind. Ein paar Tage vorher trifft sich die Mehrheitsfraktion zur Fraktionssitzung, berät sich und legt fest, wie sie zu den entsprechenden Punkten entscheidet, bzw, abstimmt. Und oh Wunder: Am Tag der Gemeinderatssitzung gehen alle Punkte entsprechend der Mehrheitsfraktion durch, kein Abweichler ist zu finden, da jeder Abweichler bereits in der Fraktionssitzung zuvor"überzeugt" wurde. Blöd nur, dass seit einem Jahr die Ergebnisse der Fraktionssitzung genau am Tag der Gemeinderatssitzung in der Zeitung erscheinen, inklusive der Methoden, wie potentielle Abweichler überzeugt wurden... Achja, zu Vereinen und deren Versammlungen werden keine Reporter mehr entsandt. Das schicken die Vereine selbst ein. So füllt sich auch eine Zeitung
2. Es geht auch anders
Pfaffenwinkel 20.10.2013
Man kann eine Lokalzeitung sehr wohl pfiffig machen, aber dazu braucht es einen sehr mutigen leitenden Redakteur. Und gute freie Journalisten, die Geld kosten.
3. Erspar mir die grosse Politik
tailspin 20.10.2013
Baeuerliche Grundregeln gehoeren selbst im gehobenen Geschaeftsleben zum Alltag, und verdienen Verbreitung. Ein ehemaliger Geschaeftspartner, von Natur aus misstrauisch, vertraute auf: "Ein guter westfaelischer Bauer kennt seine Schweine von hinten am Gang." Wer keine hoeheren Weihen anstrebt, sondern wie meine Vorfahren einmal in der Woche mit dem Bus in die naechste Kreisstadt fahren, sind mit unaufgeregten Lokalnachrichten, "Gaensetod in Garbolzum", bestens bedient. Waehrend die Standuhr in der Ecke tickt.
4. Kuh vs. Tebartz
biobayer 20.10.2013
Eine lokale tote Kuh scheint mir allemal origineller zu sein als der "tägliche Tebartz" in der Quaitätspresse.
5. Herzlichen Glückwunsch
mr-mg 20.10.2013
Herzlichen Glückwunsch zu diesem Artikel, der vor allem offenbar, wie herablassend Menschen schon mit Mitte 30 sein können. "Es sind Lokalzeitungen, die ihren Lesern harmlose Themen und sperrige Texte servieren, Variationen des Immergleichen" - so einen Satz kann ich als Lokalredakteuer, nicht frei sondern hauptberuflich, nur zurückweisen. Natürlich müssen wir uns durch den Wust des Immergleichen arbeiten. Und ebenso natürlich macht das ein Redakteur in Berlin, München oder Düsseldorf ebenso. Billig auch, jene Kollegen, die immernoch die Mehrheit der deutschen Journalisten stellen, als radebrechende Satzvergewaltiger darzustellen, die offenbar nicht in der Lage sind, eigenständig zu recherchieren und eigene Themen ins Blatt zu nehmen. Sicher gibt es auch lieblos zusammenredigierte Lokalzeitungen. Aber gerade was das sprachliche Niveau angeht, heben sich viele kleine Blätter gegenüber dem sogenannten "Qualitätsjournalismus" ab. Der hat übrigens das Heer günstiger Wühlknechte, während der Lokalredakteur sich seine Informationen meist mühsam selbst zusammensuchen darf. Schön also, dass jemand sich ein Urteil erlaubt, der offenbar noch nie eine echte Lokalzeitung von Innen gesehen hat. Herzlichen Glückwunsch, Herr Diehl, dass Sie es zum Spiegel geschafft haben...
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