Die Welt am Runden Tisch "Ist es Mord, einen Mörder zu töten?"

Das Projekt "dropping knowledge" hat sich viel vorgenommen: Die 100 wichtigsten Fragen dieser Erde sollen an einem einzigen Abend von Prominenten beantwortet werden - Ziel der Initiatoren ist es, die Welt gerechter zu machen.

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Die Schaltzentrale für eine bessere Welt steht in Berlin Mitte. Ein unauffälliger Hauseingang führt in große Büroräume mit hellen Holztischen und zu einem Garten mit einem Baum, an dem Traumfänger hängen. 150 Menschen - die meisten zwischen 25 und 35 - arbeiten hier an einem riesigen Projekt. Sie nennen es "dropping knowledge" - was in etwa so viel bedeutet wie "Wissen abwerfen". Die ganze Sache ist so kompliziert, dass auch Ralf Schmerberg, einer der Gründer, manchmal Probleme bekommt. "Dropping knowledge ist so komplex, dass ich manchmal selber nicht mehr alles überblicke", sagt er.

Plakat von Fragen-Animateur "dropping knowledge": Wie viele Bäume müssen sterben, damit ich 100 km mit meinem Auto fahren kann

Plakat von Fragen-Animateur "dropping knowledge": Wie viele Bäume müssen sterben, damit ich 100 km mit meinem Auto fahren kann

Der 41-Jährige steht im Garten vor den vielen Büroräumen, aus denen abwechselnd konzentriertes Tastaturklackern und angeregte Diskussionen zu vernehmen sind und erinnert sich daran, wie das Projekt vor etwa drei Jahren begann. Zu Beginn des Krieges der Amerikaner im Irak im Jahr 2003 hat Schmerberg, der, wie er selbst sagt "international als Werber bekannt wurde", eine Dokumentation über die Friedensbewegung in den USA gedreht. Er habe damals gemerkt, wie sehr die amerikanischen und britischen Medien und die Think-Tanks die Menschen "etwas sehen und empfinden lassen wollten", etwas, das sich "sehr ungerecht angefühlt hat". Er erinnert sich an den "emotionalen Aktionismus", der ihn und drei amerikanische Freunde deswegen ergriffen hat, und an die Gewissheit, dass "die Zivilgesellschaft und die, die für sozialen Wandel kämpfen in einer sehr miesen Position" sind. "You got to do something" - habe er dann gedacht - Schmerberg benutzt oft englische Formeln. Und zusammen mit drei Amerikanerinnen "dropping knowledge" gegründet.

Ihr Ziel war es, etwas anderes auf die Beine zu stellen, eine Plattform für soziale Ideen. "Nicht einfach nur mit der Peace-Flagge rumrennen", sagt Schmerberg. Sondern die digitalen Möglichkeiten der neuen Welt zu nutzen. Sie sammelten Fragen - über ihre Homepage , die durch Mund-Propaganda und berufliche Kontakte immer mehr Menschen erreichte. Zusätzlich reisten Schmerberg und seine Leute mit Kameras durch die Welt. Er selbst nach China, nach Indien, nach Ramallah, nach Tel Aviv, nach Mexiko. Um Menschen vor die Kameras zu bekommen, deren Fragen sonst wohl niemals gehört oder gelesen worden wären. Mit Fragen beginne alles, Menschen sollten wieder lernen, Fragen zu stellen, "dropping knowledge" will Apathie durchbrechen und Dialoge schaffen. Spender finanzieren das Projekt, die Homepage und die Löhne der Mitarbeiter.

"Was ist die größte Erfindung aller Zeiten?"

Insgesamt sammelte das mittlerweile auf hunderte Menschen angewachsene Projekt "dropping knowledge" über 30.000 Fragen. Mark aus Kanada fragt: "Was ist die größte Erfindung, die jemals gemacht wurde?", Lennart aus Amsterdam fragt, ob Religion das Verderben der Menschheit ist. Internet-User haben die Fragen nach einem Punktesystem bewertet und die Projektmacher haben daraus 100 Stück ausgewählt.

Diese 100 Fragen, zusammengetragen aus der ganzen Welt, werden am 9. September auf dem Berliner Bebelplatz gestellt. "dropping knowledge" hat 112 Intellektuelle, Künstler und Denker - darunter der ehemalige Botschafter Israels in Deutschland Avi Primor, der deutsche Physiker und Träger des Alternativen Nobelpreises Hans-Peter Dürr, Schauspieler Willem Dafoe, die Menschenrechtlerin Monira Rahman aus Banglades und Regisseur Wim Wenders - nach Berlin geladen.

"Eine Mischung aus Menschen, die man kennt und Unbekannten, die etwas zu sagen haben - aus allen Bereichen und aus vielen Gegenden der Welt", erklärt Schmerberg. Die Gäste werden an einem riesigen runden Tisch sitzen und jeder von ihnen wird seine Antwort auf jede der hundert Fragen parallel in 112 Kameras sprechen. Auf der Homepage von "dropping knowledge" wird das Spektakel in einem livestream übertragen.

Auf dem Holzfußboden in einem Raum im zweiten Stock in dem Haus in Berlin-Mitte liegen Flyer. "Why am I me and not you?" - "Warum bin ich ich und nicht du?", steht auf einem. Daneben die Konterfei von Angela Merkel und Condoleezza Rice. Auf einem anderen Flyer ist das Foto von Saddam Hussein zu sehen. Daneben die Frage: "Is it a murder to kill a murderer?" "Ist es Mord, einen Mörder zu töten?"

Jeden Tag werden neben die vielen Fragen der Internet-User neue Videos auf die Homepage von "dropping knowledge" gestellt. Wie das, in dem die 17-jährige Sima, die in dem größten Slum der Welt in Bombay lebt, zu sehen ist. "Wir haben große Probleme mit Wasser. Könnt ihr uns helfen?, fragt sie.

In einem Büro von "dropping knowledge" läuft Smudo von den Fantastischen Vier parallel auf drei Bildschirmen. Schmerberg war bei Smudos Hochzeit in Hamburg und hat einen kleinen Film darüber gedreht. Und auch Smudo hat Fragen gestellt: "Wissen wir, wie teuer Frieden ist?", "Geht der Frieden des Einzelnen immer zu Lasten des Friedens anderer?

"Fragen sind das Saatgut"

Aber mit dem großen Runden Tisch, den Fragen und Antworten auf dem Berliner Bebelplatz ist "dropping knowledge" nicht am Ende, sondern soll eigentlich erst richtig durchstarten. Mit den Fragen sollte der Dialog nur initiiert werden. Das langfristige Ziel ist es, eine riesige Plattform mit Wissen zu sozialen Themen im Internet aufzubauen. "Die Fragen sind nur das Saatgut zur Plattform", sagt Ralf Schmerberg. In Kooperation mit NGOs, dem Saarbrückener Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz und Fachleuten aus allen möglichen Bereichen haben die Mitarbeiter von "dropping knowledge" einen Katalog von 25.000 Problemen erarbeitet. Über alle diese Probleme, die die "globale Welt beschäftigen" sollen sich Menschen auf der Internet-Plattform, deren Liste von A wie "Aaskog Syndrom" bis Z wie "Zoosadismus" reicht, austauschen und Antworten und Lösungen finden. Jeder kann sich einklinken, Menschen aus Reykjavik sollen auf Menschen in Kapstadt treffen, die sich Gedanken über die selben Probleme machen. "Wenn in Südafrika jemand fragt, wie dem Zoosadismus zu begegnen sei, dann rät ihm vielleicht jemand aus Indien, reiß den Zaun ein und befrei' die Giraffe", erklärt Schmerberg. Zugegeben, ein etwas profanes Beispiel, aber man müsse es ja auch verständlich machen, sagt er.

"Am Ende wollen wir etwas geschaffen haben, dessen Größe alles, was es bisher gibt, in den Schatten stellt", sagt Eric aus Frankreich, der vor allem an der Wissensplattform von "dropping knowledge" arbeitet. "Es soll ein ganz neues Navigationserlebnis sein". Die Menschen müssen nicht mehr Suchbegriffe eingeben, um zu den Themen zu kommen, die sie interessieren, sondern sie können über eine animierte Grafik surfen - die optisch alle Verbindungen und Schnittpunkte jedes der 25.000 zusammengestellten Probleme aufploppen lässt.

"Wer fragt: Wie kann man die Welt verbessern? hat den Jackpot geknackt", sagt Ralf Schmerberg. Er wird 25.000 Treffer kriegen- denn mit einer besseren und gerechteren Welt hat bei "dropping knowledge" alles zu tun.



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