Theater-Telenovela "Die Welt mein Herz" Glücksritter und Ghetto-Schönheit

Was dem Fernsehzuschauer das Wegzappen, das ist dem Theaterzuschauer das Wegdämmern: Das Schauspiel Köln hat den neuen Text von Mario Salazar uraufgeführt - ein Stück, so breiig wie eine Vorabend-Soap.

Klaus Lefebvre

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Einmal eine Serie für den amerikanischen Pay-TV-Sender HBO schreiben: Das ist der Traum vieler Autoren. Vielleicht auch der von Mario Salazar, 33. Sein neues Stück "Die Welt mein Herz" hat er in einer Episodenstruktur geschrieben. Das ästhetische Vorbild: Fernsehserien.

Salazar stößt die Leser in eine bereits laufende Handlung hinein, in einen Ablauf ohne sichtbaren Anfang und ohne absehbares Ende, bestehend aus vier Handlungssträngen und noch viel mehr Figuren: der Kleinkriminelle PRI, der Polizist Rodriguez Vásquez, die Ghetto-Schönheit Princesa del Bronx, der Zuhälter El Rey de Retiro, die Hure Amanda, die Hilfsarbeiterin Janine, die demente Rentnerin Irmgard, der Glücksritter Conhielo, und, und, und.

Sie alle sind Randexistenzen, mehr existierend als lebend, an entgegengesetzten Rändern der Welt: in Berlin-Moabit, im anhaltinischen Stendal-Süd, in der New Yorker Bronx, in einer Favela von Buenos Aires. Sie eint der Konflikt zwischen Fern- und Heimweh, die Sehnsucht nach mehr Geld und nach mehr Glück, die Suche nach einem Weg von den Rändern in die Mitte der Gesellschaft.

Eine gemächliche Seifenoper

Mit seinem Stück hat der Glücksritter Salazar es zwar nicht bis ins Programm von HBO geschafft, aber immerhin bis ins Schauspiel Köln. Das Problem: Auch dafür reicht's nicht. Dramaturgie und Figurenzeichnung des Stückes erinnern nicht an Emmy-gekrönte TV-Perlen, sondern an eine der Seifenopern im Vorabendprogramm. Wie in einer Soap hält die verschiedenen Handlungsstränge nichts zusammen, außer einer Grundstimmung, einem Milieu, einem vagen Oberthema.

Wie in einer Soap ist das Erzähltempo sehr gemächlich, zumindest in der ersten Hälfte des Stückes und noch ein wenig darüber hinaus. Wie in einer Soap gibt es kein Ziel, auf das die Handlung hinsteuert: Wir schauen den Figuren einfach beim Leben zu. Wie in einer Soap kommen die Figuren authentisch und ungekünstelt daher, sind aber in ihrer inszenierten Authentizität klischeehaft: keine Charaktere, sondern Typen. Wie in einer Soap sind die Dialoge der Figuren merkwürdig unverdichtet, unpointiert, breiig.

Man muss annehmen, so verrückt es klingt, dass Salazar das alles mit Absicht so angelegt hat. Von wegen Authentizität und so. Gelungen ist es deshalb noch lange nicht. Das Stück lesend, 128 Seiten lang, will man wieder und wieder einen Stift zücken und Worte, Sätze, ganze Seiten streichen. Das Stück anschauend, zweieinhalb pausenlose Stunden lang, will man nur noch weg. Und so war der Saal bei der Premiere zwar voll, aber die Einschaltquote sicher nicht hoch: Was dem Fernsehzuschauer das Wegzappen, das ist dem Theaterzuschauer das Wegdämmern.

Schmachtende Gesänge

Salazar spielt nicht mit den Mitteln der Soap (und immer wieder auch mit denen des Trashfilms). Er bleibt in ihnen stecken. Dem Uraufführungsteam um Regisseur Rafael Sanchez mutet er damit ganz schön was zu. So redlich sie sich auch mühen, sie können das Stück gar nicht retten: nicht mit dem gelungenen Bühnenbild, das die Weite der ehemaligen Industriehalle Depot 2 nutzt, um wie in einer Studiohalle verschiedene Schauplätze parallel anzuordnen. Nicht mit den schmachtenden Gesangseinlagen der Schauspieler, die der Soap einen Hauch von Telenovela verpassen. Nicht mit dem Kniff, manche Rollen gegengeschlechtlich zu besetzen: Frauen mit Männern und Männer mit Frauen.

Zumal letztgenannter Kniff zwar klug gewählt ist, wenn es darum geht, zwei mexikanische Huren und ihren Zuhälter als sexuelle Wesen überzubetonen und so ihr Rollenspiel auszustellen: ein Rollenspiel, in dem sie unidentisch sind mit sich selbst. Jedoch ist er ungeschickt gewählt, wenn es darum geht, die ebenso drolligen wie traurigen Dialoge zweier Seniorinnen in Szene zu setzen. Sie mit zwei Männern zu besetzen, lässt sie völlig überdreht wirken: grelle Karikaturen. Und so treiben Regie-Mätzchen den beiden einzigen Figuren, die beim Lesen menschlich und nicht blutleer wirken, auf der Bühne das Menschliche aus. Es soll einfach nicht sein an diesem Abend.

Immerhin: In Szenen wie denen mit den Seniorinnen merkt man, dass der Autor Salazar nicht völlig untalentiert ist (auch wenn das beim Kölsch nach der Premiere mancher behauptete). Ihm gelingen traurigschöne und amüsante Momente, er beherrscht leises Pathos und feine Pointen. Leider versenkt er sie in einem unpointierten, ungestalteten Textbrei.


Mario Salazar: "Die Welt mein Herz"; Uraufführungs-Inszenierung von Rafael Sanchez im Depot 2 des Schauspiels Köln. Nächste Vorstellungen am 4., 13., 18., 19. und 20. Februar, Karten unter Telefon 0221/22128400.

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