S.P.O.N. - Der Kritiker: Nur die Sünde macht selig

Eine Kolumne von Georg Diez

Können Sie sich ein Leben ohne Angst vorstellen? Ohne diese dumme Liebe zum Leiden und Verzicht, die uns das Christentum einredet? Wie eine Welt voller Freude und Genuss aussehen könnte, malt der US-Historiker Stephen Greenblatt aus - jetzt erhielt er dafür den Pulitzerpreis.

Haben Sie schon mal versucht, Ihrer fünfjährigen Tochter zu erklären, warum es gut und richtig war von Gott, dass er sein Kind geopfert hat? Dass das ein Zeichen der Liebe war? Dass Jesus unsere Sünden auf sich genommen hat?

Aber wenn es gar keine Sünden gibt? Wäre Jesus dann umsonst gestorben? Mussten die Christen also die Sünde erfinden, damit ihr Glaube funktioniert? Mussten sie sagen, dass der Mensch schlecht ist, weil sonst die Sache mit den Sünden nicht aufgehen würde? Haben sie sich ein Menschenbild geschaffen, damit ihr Gotteskonzept hinhaut?

Der Jesus am Kreuz ist ein leidender Jesus - die Christen haben das Leiden nicht erfunden, aber sie haben es erhöht und verklärt zum Zeichen der Liebe. Ist aber damit an Ostern die Hoffnung in die Welt gekommen oder die Angst? Denn erst die Angst macht ja die Hoffnung plausibel. Ohne Angst braucht man auch keine Hoffnung. Ohne Angst kann man einfach leben, im Hier und Jetzt, ohne auf Erlösung, Vergebung, das Jenseits oder andere metaphysische Tricks zu warten.

Suche den Genuss

Hoffnung und Angst, sagt Lukrez, sind eine giftige Form des Aberglaubens - und jetzt fragen Sie sich natürlich, wer Lukrez war. Keine Sorge, ich kannte ihn auch nicht, die Christen haben schon dafür gesorgt, dass er vergessen wurde. Seine Botschaft war aber auch zu gefährlich für die Angst-und-Leidens-Religion Christentum: Suche den Genuss, sagte Lukrez, meide den Schmerz, und du wirst nicht nur ein glücklicher, sondern auch ein guter Mensch sein. Denn: Es gebe "kein höheres ethisches Ziel, als sich und anderen Genuss zu verschaffen. Alles andere, der Dienst am Staat, die Verherrlichung der Götter oder der Führer, die harten Prüfungen der Tugend durch Selbstaufopferung, ist zweitrangig, irregeleitet und betrügerisch."

So fasst der amerikanische Historiker Stephen Greenblatt die Philosophie von Lukrez zusammen, in seinem klugen, neuen Buch "Die Wende: Wie die Renaissance begann", das gerade den Pulitzerpreis gewonnen hat und nächste Woche auf Deutsch erscheint. Greenblatt erzählt darin unter anderem die Geschichte der frühchristlichen Propagandaschlacht gegen den römischen Dichter Lukrez - dessen Tod im Jahr 55 vor Christus zum Selbstmord eines Wahnsinnigen umgedeutet wurde, dessen Philosophie bekämpft wurde und dessen Welterklärungsriesengedicht "De rerum natura" nur durch Zufall das Mittelalter überlebte.

Was sollte die Kirche aber auch mit jemandem machen, der schon vor 2000 Jahren erkannte, dass die Welt aus Atomen besteht, aus Materie und sonst nichts? Der daraus schloss, dass es keinen Schöpfer gibt und der Mensch nicht im Mittelpunkt des kosmischen Geschehens steht? Der erklärte, dass die Erkenntnis der menschlichen Bedeutungslosigkeit aber kein Grund für Angst und Verzweiflung ist, sondern der erste Schritt zum Glück?

Blick auf die Gegenwart

Lukrez glaubte nicht an ein höheres Schicksal und nicht an ein Leben nach dem Tod, er dachte sich den Menschen damit im modernen Sinn frei von allen Bindungen und auch frei von Angst, sein proto-aufklärerisches Denken lebte weiter etwa in den Utopien von Thomas Morus, der gleich alles Privateigentum abschaffen wollte, und lebte auch weiter in Albert Camus' schönem und klarem Existentialismus. All das konnte natürlich nicht im Sinn der Kirche sein, die ja ihre Macht und ihren riesigen Besitz genau auf die Angst der Menschen aufbaute. Die die Frage nach Opfer und Leid stellte, damit sie sie in ihrem Sinn beantworten konnte. Die, und das macht Greenblatts Buch deutlich, eine Welt erschuf, um sie dann erklären und beherrschen zu können.

Und in dieser Welt leben wir bis heute. Oder wenigstens in den Ruinen dieser Welt. Denn auch das schafft Greenblatt: Indem er bis zur Renaissance zurückgeht, zu der Zeit, in der die Moderne entstand, legt er den Blick frei auf unsere Gegenwart, in der die Moderne taumelt, bröckelt, sich verändert, so sehr wie nie seit der Aufklärung. Was das bedeutet? Wir können uns mal kurz umschauen. Wir sehen in die Tiefen unserer Zeit. Wir erkennen, dass alles auch anders sein könnte.

Was wäre zum Beispiel, wenn wir uns die Welt als eine heitere, offene, freundliche vorstellen würden? Wäre sie dann auch heiterer, offener, freundlicher? Was wäre, wenn wir uns den Menschen als frei von Angst vorstellen würden? Wäre er dann auch frei?

Es ist ein anarchischer, poetischer, schöner Gedanke, den Lukrez da hat. Erst mal ist es nur ein Gedanke.

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insgesamt 103 Beiträge
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1.
Oback_Barama 19.04.2012
Schon wieder mal ein "aufklärirescher Artikel" über das Christentum im SPON.. der gefühlte Zweihunderttausendste... Die Aufklärung des Herrn Diez bzw. des erwähnten US Autors, kommt vielleicht ca. 400 Jahre zu spät. Im Jahre 2012 muss man an nichts glauben und sich an keine Regeln halten. Niemand ist gezwungen gläubig zu sein. Die 68-er haben vor ca 40 Jahren doch alle Ketten, und gesellschfatlichen Normen und Regeln gesprengt, und ist man glücklicher geworden als davor ? Ganz und gar nicht. Irgendwie wollen diese viele blöde Leute doch die ganzen Regeln, Gebote, etc..., lieber als gar keine.. Und zwar frewillig.
2. Das Interesse eines Menschen
caecilia_metella 19.04.2012
muss sich nun einmal einschränken. Das bedeutet: Nicht jeder Mensch kann sich für jeden einzelnen Menschen interessieren. Herr Stephen Greenblatt z.B. interessiert mich persönlich nicht so, dass ich nun unbedingt mehr über ihn wissen muss. Aber: Eine der Töchter des Caecilius Metellus (wer?) kann Ihnen jetzt noch einmal in Kurzform demonstrieren, wie man seiner kleinen Tochter heute die Welt erklären kann. Kinderlieder (23): "Ich lieb den Frühling" | Kultur | ZEIT ONLINE (http://www.zeit.de/kultur/musik/2012-03/kinderlied-23) Liederbuch: Zwei kleine Wölfe (http://de.wikibooks.org/wiki/Liederbuch:_Zwei_kleine_W%C3%B6lfe) http://media.kunst-fuer-alle.de/img/37/m/37_56529.jpg Die beiden kleinen Wölfe laufen nämlich im Wald herum und sprechen miteinander.
3.
Whitejack 19.04.2012
Zitat von sysopKönnen Sie sich ein Leben ohne Angst vorstellen? Ohne diese dumme Liebe zum Leiden und Verzicht, die uns das Christentum einredet? Wie eine Welt voller Freude und Genuss aussehen könnte, malt der US-Historiker Stephen Greenblatt aus - jetzt erhielt er dafür den Pulitzerpreis. S.P.O.N. - Der Kritiker: Nur die Sünde macht*selig - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,828492,00.html)
Auch wenn der Artikel einige interessante Gedanken enthält, fehlt letztlich doch der Tiefgang. Die Angst ist also mit Ostern gekommen, mit dem Christentum? Heißt das im Umkehrschluss, dass in Ländern, in denen kein Christentum existiert, auch keine Angst zu finden ist? Dass die Menschen in China, Japan, in den nicht-missionierten Stammesgesellschaften in Afrika oder Amerika, im Judentum oder im hinduistischen Indien keine oder nur wenig Angst kennen (den Islam nehme ich mal aus der Aufzählung heraus, er ist de facto dem Christentum zu ähnlich)? Nein. Auch im restlichen Teil der Welt, der von den Gedanken des Christentums weitgehend unbeeinflusst geblieben ist, ist die Angst als Konzept weitverbreitet. Das geht bis hin zu Staaten wie Nordkorea, die nur mit Angst funktionieren und ganz bestimmt keinerlei christliche Prägung aufweisen. Es finden sich keine Hinweise dafür, dass im Rest der Welt weniger Angst vorzufinden wäre; diese Behauptung wird lediglich oft von Zweck-Misanthropen aufgestellt, die sie benötigen, um die eigene erlebte Welt möglichst schlecht zu reden. Insofern ist es besonders befremdlich, dass ein ausgewiesener Misanthrop, als der sich Diez so oft selbst präsentiert (man nennt das dann lieber "Kritiker", aber die Botschaft ist dieselbe), nun auf der gegensätzlichen Gitarrensaite spielt. Es ist ja durchaus eine richtige Erkenntnis: Wenn man die Welt freundlicher, heller und aufgeschlossener sieht, dann ist sie das tatsächlich auch ein Stück weit. Aber es steht zu befürchten, dass diese Erkenntnis nur deshalb von Diez niedergeschrieben wurde, um gegen das Christentum zu stänkern. Ein Einfluss auf das eigene Verhalten ist bei ihm selbst, der dafür bekannt ist, in härtester Weise über ihm missfallende Werke herzuziehen (stellvertretend sei hier der Fall Kracht genannt), wohl nicht zu erwarten. Insofern hat er das christliche Klischee des Wasser-Predigens und Wein-Trinkens schon sehr gut verinnerlicht.
4. So ein Quatsch
chrimi 19.04.2012
---Zitat--- Der Jesus am Kreuz ist ein leidender Jesus - die Christen haben das Leiden nicht erfunden, aber sie haben es erhöht und verklärt zum Zeichen der Liebe. Ist aber damit an Ostern die Hoffnung in die Welt gekommen oder die Angst? ---Zitatende--- Vor dem Christentum gab es auf der Welt also keine Angst...
5. Schade! Links zu sein heißt doch allzuoft:
acyonyx 19.04.2012
Zitat von sysopKönnen Sie sich ein Leben ohne Angst vorstellen? Ohne diese dumme Liebe zum Leiden und Verzicht, die uns das Christentum einredet? Wie eine Welt voller Freude und Genuss aussehen könnte, malt der US-Historiker Stephen Greenblatt aus - jetzt erhielt er dafür den Pulitzerpreis. S.P.O.N. - Der Kritiker: Nur die Sünde macht*selig - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,828492,00.html)
...man biegt einfach an der nächsten "Denkecke" ab, hin zu netten kindlichen oder kindischen "Glaubensmustern". Die nächsten Denkecken sollen doch "Philosophen" oder Parteitheoretiker denken.... Denken wir mal einfach weiter wohin eine Welt ohne Schuld und Angst führt. Fragen: Warum soll ich die Umwelt nicht zerstören? Es macht mir doch Spass. Warum soll ich meinen Nachbarn nicht ermorden? Warum soll ich nicht an der Börse in größtem Maßstab armen Rentnern und Arbeitern ihre Rieserrente wegzocken ? etc..... Schuldgefühle und Angst sind integrale Bestandteile einer Gesellschaft, die gemeinsame Ziele hat oder haben will. Wenn man das nicht will muß man mit der Angst leben, daß sich der Nächste die "Freiheit" nimmt meine Freiheit zu beschneiden, wie auch immer....
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Georg Diez

Autor des SPIEGEL. Er schrieb für die "Süddeutsche Zeitung" über Theater, für die "Zeit" über Literatur und für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" über alles. Seine Bücher handeln von den Beatles, den Rolling Stones, vom Theater oder von Berlin. Gemeinsam mit Christopher Roth veröffentlicht er eine Buchreihe über den Epochenbruch der Jahre 1980 und 1981.
Bei Kiepenheuer & Witsch erschien 2009 sein autobiografischer Bericht "Der Tod meiner Mutter" (im SPIEGEL-Shop...).
Am 24. und 25. März veranstaltet er gemeinsam mit Christopher Roth in den Berliner Kunst-Werken den Kongress "2081 - What Happened".
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