Steinbrücks Strategie: Schach der Kanzlerin!

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Zu wenig Gehalt für Kanzler, dummer Frauen-Bonus - was nur treibt Peer Steinbrück dazu, sich schon zu Beginn des Wahlkampfs um das Kanzleramt mit solchen Themen in die Nesseln zu setzen? Die Antwort liegt möglicherweise dort, wo der SPD-Mann sich wirklich auskennt: auf dem Schachbrett.

Steinbrück gegen Schachweltmeister Wladimir Kramnik im März 2005: Da kennt er sich aus Zur Großansicht
dapd

Steinbrück gegen Schachweltmeister Wladimir Kramnik im März 2005: Da kennt er sich aus

Fassungslos seine politischen Freunde, grinsend seine Gegner, irritiert allesamt: Die politische Klasse der Republik rätselt über den sozialdemokratischen Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück (SPD). Was treibt ihn nur dazu, sich nach der gerade mit Ach und Krach überstandenen Debatte über seine hoch dotierten Vortragsreisen sogleich wieder in den Verdacht zu bringen, ein Raffzahn zu sein? Und welche Überraschungen wird er demnächst präsentieren?

Mag ja sein, dass das Amt des Bundeskanzlers im Vergleich zu leitenden Posten in der freien Wirtschaft eher mickrig bezahlt ist - aber warum um Himmels Willen muss Steinbrück das Thema ausgerechnet jetzt ansprechen? Und möglicherweise stimmt es ja sogar, dass Angela Merkel (CDU) auch deshalb allgemein geschätzt wird, weil sie eine Frau ist, die sich im männerdominierten Politik-Geschäft nach ganz oben gekämpft hat - aber was bringt Steinbrück nur dazu, diese These zu ventilieren, und ausgerechnet noch das Reizwort "Frauen-Bonus" in den Mund zu nehmen?

Ein Irrläufer? Nein, dafür ist Steinbrück zu beherrscht

Wie kann man es sich nur in kürzester Zeit und mutwillig mit zwei wesentlichen potentiellen SPD-Wählergruppen verscherzen? Gering- und Normalverdiener werden kaum verstehen können, dass monatliche Bezüge von 16.600 Euro nicht ausreichend sein sollen. Und bei Frauen wird Steinbrück kaum positive Gefühle auslösen, wenn er unterstellt, dass sie nur deshalb erfolgreich sein können, weil die Öffentlichkeit ihnen gnädig einen Geschlechts-Bonus zugesteht.

Was also treibt Steinbrück? Eingehende Analysen und tagelanges Nachgrübeln führen zu dem Ergebnis, dass es nur drei mögliche Gründe für das seltsame Gebaren des Spitzensozis geben kann.

Die erste Möglichkeit wollen wir "Irrläufer-These" nennen: Peer Steinbrück weiß nicht, was er tut. Er redet einfach so daher, spricht aus, was ihm gerade durch den Kopf geht, ohne jedes Bewusstsein dafür, wie seine Aussagen interpretiert werden können. Genervt von der ständigen Fragerei zu seinen privaten Finanzen setzt er trotzig noch eins drauf, gibt dann der ollen Kanzlerin noch eins mit, alles nur aus Frust über den vermasselten Wahlkampfstart. Steinbrück muss Dampf ablassen, mal alles rausschimpfen, was ihm auf der Seele liegt, Wahlchancen hin oder her.

Ein zutiefst menschliches, wenn auch möglicherweise nicht sehr kluges Verhalten. Immerhin: Die Stimmen von frustrierten Männern sind ihm sicher, die beim dritten Bier darüber schwadronieren, dass sie viel zu wenig verdienen und dass diese doofe Kuh aus dem Controlling doch nur deshalb die Abteilungsleitung bekommen hat, weil sie eine Frau ist. Ob die ausreichen, um im Herbst die Wahl zu gewinnen, ist eine andere Frage. Nein, die "Irrläufer-These" ist sogleich zu verwerfen. Dafür ist Steinbrück zu beherrscht - man denke nur an sein unbewegtes Gesicht, als er Anfang Oktober 2008 als Finanzmininster auf dem Höhepunkt der Bankenkrise gemeinsam mit Angela Merkel den Deutschen garantierte, dass ihre Spareinlagen nicht in Gefahr seien.

Zunächst wirr, am Ende überraschend erfolgreich

Realistischer ist der zweite mögliche Grund - die sogenannte "Großmeister-These". Peer Steinbrück, das ist bekannt, ist ein leidenschaftlicher und anerkannter Schach-Amateur. Seit er im Alter von 13 Jahren seine Großmutter erstmals schlagen konnte, ist er immer besser geworden im Spiel der Könige. 2005 hielt er sich respektable 37 Züge lang in einem Schaukampf gegen den damaligen Weltmeister Wladimir Kramnik, auch gegen den ehemaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt spielt er ab und an, und dass die beiden auf dem Cover ihres gemeinsamen Gesprächsbands "Zug um Zug" (2011) an einem falsch aufgestellten Schachbrett posieren und auch noch gleichzeitig und also regelwidrig die Finger an den Figuren haben, tut seinem Ruf keinen Abbruch: Steinbrück ist ein Schach-Stratege.

Betrachtet man seine irritierenden Interviewäußerungen unter diesem Aspekt, ergeben sie schlagartig Sinn: Steinbrück spielt den Wahlkampf wie eine Partie Schach - und die hat gerade erst begonnen. Die Schach-Geschichte kennt große Spieler, die am Anfang ihrer Partien mutwillig eine Figur nach der anderen verloren geben, um dann, in höchst überraschender Wendung, das Spiel doch noch zu gewinnen.

Berühmt ist beispielsweise der österreichische Großmeister Rudolf Spielmann (1883-1942), der es meisterhaft verstand, Figuren zu opfern, um sich einen zunächst schwer durchschaubaren Stellungsvorteil zu verschaffen. Echte Figuren-Opfer in Spielmanns Sinn sind allerdings nur solche, die auf Intuition basieren. Der Spieler gibt Figuren preis, ohne bis zum Ende vorausberechnen zu können, zu welchem Ergebnis seine Aktion letztlich führt. Mögen die Opfer zunächst augenscheinlich auch keinen Sinn ergeben, sie dienen doch dazu, den Gegner zu verwirren und aus dem Konzept zu bringen.

Eine strategische Meisterleistung!

Die Parallele zu Steinbrücks skandalösen Sätzen ist offensichtlich: Sein Pochen auf mehr Kanzler-Kohle, seine abschätzige Äußerung über Merkels Frauen-Bonus mögen wirr erscheinen - aber genau so sind sie gemeint. Wir alle, und vor allem die Kanzlerin, können es noch nicht erkennen - aber der geniale Stratege Steinbrück wird gegen alle Wahrscheinlichkeit zum Wahltermin einen entscheidenden Vorteil gegen die Amtsinhaberin herausgespielt haben.

Wenn Steinbrück in den nächsten Wochen noch wie beiläufig äußert, dass Deutschland unbedingt atomar bewaffnet werden müsse, dass künftig jeder selbst seine Krankenhausrechnung bezahlen soll und dass er als Kanzler keinen Champagner unter 1.000 Euro die Flasche anrühren würde, dann ist die Verwirrung perfekt. Eine Meisterleistung! Allerdings muss man wissen: Trotz aller Brillanz konnte selbst der Opfer-Meister Rudolf Spielmann nicht verlässlich gewinnen - oft kostete ihn seine Risikobereitschaft auch den Sieg.

Bleibt noch der dritte mögliche Grund für die Kamikaze-Kommunikation des Kandidaten, die Synthese aus beiden vorherigen: Steinbrück hat insgeheim keine Lust aufs Kanzleramt. Er ist jetzt schon genervt davon. Zu viel Stress mit Kleingeistern, zu wenig Geld für viel Arbeit - Peer Steinbrück betätigt sich lieber rein intellektuell, hält weiterhin gut bezahlte Reden und spielt interessante Schachpartien. Und er tut schon jetzt alles dafür, dass er beides auch im Herbst 2013 noch ungestört tun kann.

Gar nicht so unwahrscheinlich.

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insgesamt 142 Beiträge
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1.
Subtuppel 07.01.2013
Zitat von sysopZu wenig Gehalt für Kanzler, dummer Frauen-Bonus - was nur treibt Peer Steinbrück dazu, sich schon zu Beginn des Wahlkampfs um das Kanzleramt mit solchen Themen in die Nesseln zu setzen? Die Antwort liegt möglicherweise dort, wo der SPD-Mann sich wirklich auskennt: auf dem Schachbrett. Die wirre Wahlkampfstrategie von Peer Steinbrück - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/die-wirre-wahlkampfstrategie-von-peer-steinbrueck-a-875573.html)
"Der SPD-Mann" kennt sich auf dem Schachbrett so gut aus, dass er sich für sein dolles Buch mit Herrn Schmidt für das Cover mit einem falsch aufgebauten Brett hat ablichten lassen ...
2. Schach kann man das auch nennen,
inqui 07.01.2013
Zitat von sysopZu wenig Gehalt für Kanzler, dummer Frauen-Bonus - was nur treibt Peer Steinbrück dazu, sich schon zu Beginn des Wahlkampfs um das Kanzleramt mit solchen Themen in die Nesseln zu setzen? Die Antwort liegt möglicherweise dort, wo der SPD-Mann sich wirklich auskennt: auf dem Schachbrett. Die wirre Wahlkampfstrategie von Peer Steinbrück - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/die-wirre-wahlkampfstrategie-von-peer-steinbrueck-a-875573.html)
nämlich dass Steinbrück überhaupt kein Kanzler werden will. Das ist nur ein Schauspiel von Peer für die Wählerschaft. Für Merkel gilt als ausgemacht dass sie bis 2017 Regentin bleibt.
3. These 3
Hank the voice 07.01.2013
er ist nie als ernsthafter Anwärter fürs Kanzleramt angetreten. Er scheint mir nur als Lückenbüßer eingesprungen zu sein, bis sich Hanelore Kraft 2018 um die Kanzlerschaft bewerben kann.
4. !
janne2109 07.01.2013
danke Spon für die so großartige Erklärung meiner drei Sätze an ähnlicher Stelle.
5. Steinbrück hat recht und ist ehrlich
rascher 07.01.2013
Zitat von sysopZu wenig Gehalt für Kanzler, dummer Frauen-Bonus - was nur treibt Peer Steinbrück dazu, sich schon zu Beginn des Wahlkampfs um das Kanzleramt mit solchen Themen in die Nesseln zu setzen? Die Antwort liegt möglicherweise dort, wo der SPD-Mann sich wirklich auskennt: auf dem Schachbrett. Die wirre Wahlkampfstrategie von Peer Steinbrück - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/die-wirre-wahlkampfstrategie-von-peer-steinbrueck-a-875573.html)
Steinbrück hat recht und ist ehrlich. Offensichtlich ist dies für viele irritierend. Um von den Medien geliebt zu werden, muss man offensichtlich dem Zeitgeist huldigen, den diese Medien selbst geschaffen haben.
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