Dieselaffäre Schmutzig ist nicht nur der Motor

Das Automobil ist das Rückgrat deutschen Selbstverständnisses. Unheilige Verwebungen zwischen Politik und Industrie wurden dafür jahrelang in Kauf genommen.

Der Auspuff eines Audi
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Der Auspuff eines Audi

Ein Debattenbeitrag von


Als ich ein Kind war, in der alten Bundesrepublik, da war das Auto die Religion dieses Landes, das vor sich selbst und seiner Geschichte davonzurasen schien. Und es war klar, dass es für die Vergangenheitsbewältigung kein Tempolimit geben durfte.

Es war ein Land, das auf den automobilen Konsens aufgebaut war, das stolz war auf seine rasanten Autobahnen und die sauberen Raststätten, das seine Mission darin gefunden hatte, die besten Autos der Welt zu bauen und allen davon zu berichten, das den Autobau als staatliche Priorität ansah und kein Problem damit hatte, Industrie und Politik zu vermischen, etwa im Aufsichtsrat und in der Anteilsstruktur von VW, eine Art softer Staatskonzern.

Es ist dieses VW-Deutschland, dieses ADAC-Deutschland, dieses Genosse-der-Bosse-Deutschland, dieses selbstgewisse und siegessichere und kritikresisente Exportweltmeister-Deutschland, das da auf der Bühne steht, bei der Pressekonferenz zum"Nationalen Forum Diesel", gestern in Berlin. Es ist dieses Mogel- und Mauschel-Deutschland, das hier eine ganz besondere Art von etwas scheibengebremstem Staatstheater aufführt, bei dem vor allem Männer die Welt und alles für gut und sicher und im Griff erklären und ihnen leider keiner so richtig glauben will.

Die Autoindustrie präsentiert sich als innovative Branche

Wie aber auch, wenn sie, diese Männer mit Stimmen wie ausgeleierte Zahnriemen, einfach weitermachen, als sei nichts geschehen, als habe es nicht die Recherchen gegeben über die Manipulationen und Absprachen. Als sei nicht klar, dass die meisten von ihnen die Zukunft verschlafen haben mit ihrem Heruntergebete vom sauberen Diesel, einer der Gründungsmythen der alten BRD, wenn ich mich recht erinnere, und schon damals klang das alles widersprüchlich, denn wie sollte das, was da so stank, nicht, wie sich später herausstellte, besonders krebserregend sein?

Es ist dieses Bild des Weiter-so-Deutschlands, das die Männer hier abliefern, das Bild eines Landes, das noch nicht im 21. Jahrhundert angekommen ist - und das fängt nicht bei der Farbe der Krawatten an, sondern direkt beim Namen dieser Veranstaltung: Wirklich, "Nationales Forum Diesel", im Sinne von, meine Aufgabe und mein Interesse als Bürger dieses Landes ist es, das Funktionieren und Überleben und die Nicht-Stinkigkeit dieser Konzerne zu garantieren?

Schon dieses NFD zeigt, wie schief diese Diskussion läuft, bei der die Autoindustrie auf widersinnige Art die Politik vor sich hertreibt und sich allen Ernstes als innovative Branche präsentiert - weil eben überhaupt nicht klar ist, um was für eine Veranstaltung es sich hier handelt, Politik oder Industrie oder doch nur eine protektive oder protektionistische PR-Veranstaltung mit politischer Symbolbeteiligung.

Alle diese Männer sind letztlich Vertreter einer alten Spezies

Am dubiosesten ist dabei jemand wie Matthias Wissmann, der ja genau das gut geschmierte Scharnier ist zwischen der Parteiendemokratie und der Industriedemokratie. Ein Mann, der sich als Bundesverkehrsminister für so gelungene Projekte einsetzte wie den Transrapid (gescheitert), den -Flughafen Berlin Brandenburg (tja, was eigentlich?), die Bahnreform (danke für das Bremsendebakel und die kaputten Klimaanlagen), ein Mann, der die Flugbereitschaft des Bundes für private Zwecke nutzte und bei Reisen zu angeblichen Konferenzen seine Golfausrüstung im Gepäck hatte.

Aber auch die anderen Männer auf dem Podium, ob Bundesverkehrsminister Dobrindt oder der baden-württembergische Ministerpräsident Kretschmann, ob VW-Chef Matthias Müller oder Mercedes-Boss Zetsche, sie alle sind letztlich Vertreter einer alten Spezies, einer alten Struktur. Sie sind Chefs, die hier stehen, weil sie signalisieren sollen, dass sie Lösungen haben - aber für die Transparenz und Glaubwürdigkeit etwa der Zahlen von Dobrindt, der maximal vertrauensvoll ist zu dieser Branche des Betrugs, wäre es sicher besser, weniger Entscheider und mehr Experten hier zu haben.

So ist das ganze Schauspiel etwas vernebelt - was zur Frage führt, was hier tatsächlich zu besichtigen ist. In der vor allem amerikanischen Literatur darüber, wie die neue Ökonomie funktioniert, gibt es einen Begriff, der die Widersprüche dieses Lösungs-Theaters ganz gut zusammenfasst: der HiPPO, eine Abkürzung für die "Highest Paid Person's Opinion". Dieser Begriff steht für die ganze Anmaßung eines solchen Entscheider-Schaulaufens, für die ganze Zweifelhaftigkeit von Chefs, die so tun, als wüssten sie, was Sache ist. Dieser Begriff verweist auf das Denken und die Strukturen des 20. Jahrhunderts, weil die HiPPOs die hierarchiefreie Entscheidungsfindung der neuen Zeit ignorieren und sich ihre Legitimation vor allem über ihren Kontostand erwerben.

Die Erfindung einer dreckigen Sauberkeit

Wenn dann aber Matthias Wissmann eilfertig von einem Flottenerneuerungsprogramm spricht, als stünde der Erste Weltkrieg unmittelbar bevor, wenn sie von Klasse 5 und 6 reden, als sei diese neue Klassengesellschaft irgendwie vertrauenserweckend, wenn sie sich bei der Lösung der selbst herbeigeführten Probleme auf die Erneuerung von Software kaprizieren, wo doch der Abgasbetrug genau im Bereich der Software stattgefunden hat, und dann VW-Chef Müller auch noch sagt, Ironie, Zynismus, Verarschung, "wie Sie wissen, wir sind in diesen Dingen relativ erfahren" - dann wird deutlich, dass das Problem der BRD AG sehr tief reicht.

Diesel also als kulturelles Phänomen, die Erfindung einer dreckigen Sauberkeit, der Bürger als Autofahrer und die Regierung als Lobbyist und Spritlieferant, der Popanz der Mobilität in einer Zeit der digitalen Ortlosigkeit und der allgegenwärtigen Anwesenheit, die Frage also, ob die Pendler, diese Dieseler und Drängler par excellence, die Entscheidungen der Politik so maßgeblich prägen sollten, dass Fahrverbote für Innenstädte als letzte Rettungsmaßnahme ergriffen werden müssen. Überhaupt die allgemeine Verrußung der Gesellschaft - es ist dieses ganze System, das auf dem Prüfstand steht.

Es geht nicht nur um den Schadstoffausstoß der Diesel-Motoren. Es geht auch um den Schadstoffausstoß der Demokratie-Maschine.



insgesamt 207 Beiträge
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karl-der-gaul 03.08.2017
1. Traurig
Die Welt rast in eine neue Technologie Direktion aber alt Technologie Diesel und verbrenner Autos Deutschland steckt in einem Sumpf ohne es zu begreifen oder es zu entkommen. Amis mit neuen Technologien sind Lichtjahre voraus.
think-twice 03.08.2017
2. Kundenorientiert
Der Autofahrer ist der Dumme, genauso wie der Steuerzahler. http://weact.campact.de/petitions/diesel-betrug-stoppen
genervtneu 03.08.2017
3. Von welchem Land reden Sie ?
"Es war ein Land, das auf den automobilen Konsens aufgebaut war, das stolz war auf seine rasanten Autobahnen und die sauberen Raststätten, das seine Mission darin gefunden hatte, die besten Autos der Welt zu bauen und allen davon zu berichten, das den Autobau als staatliche Priorität ansah und kein Problem damit hatte, Industrie und Politik zu vermischen, etwa im Aufsichtsrat und in der Anteilsstruktur von VW, eine Art softer Staatskonzern. ...." Das mit dem sauberen Raststätten zu Zeiten der alten Bundesrepublik kenne ich nur aus Skandinavien und Österreich, in Deutschland brauchte man zu der Zeit keine Toiletten auszuschildern, man musste nur dem Gestank folgen.... mal ganz abgesehen von dem ungeniessbaren, überteuerten Essen, dass man nur mittels Rennie (....räumt den Magen auf !) bei sich behalten konnte. Die Kumpanei der großen deutschen Autokonzerne mit der Politik muss und musste man ja auch nicht unterstützen, es gibt auch andere Marken und bevor ich mir einen Hecktriebler oder einen KdF-Wagen kaufe, müsste noch einiges passieren.
nixproblem 03.08.2017
4. Überflüssiges Dreckschleudern
Wir alle (!) haben mit dem Dieselskandal ein Riesenproblem am Hals . Da brauchen wir nicht noch einen Überflieger, der uns zur Unzeit mit überflüssiger Systemkritik nervt!
gernotkloss 03.08.2017
5. Wie dreist.
Herr Wissmann hatte schon während seiner Zeit als Verkehrsminister inhaltlich wenig vorzuweisen. Um ihn vor Kritik zu schützen wurde er von Frau Merkel in seine jetzige Funktion hineingelobt. In Kumpanei mit der Kanzlerin hat er dann dafür gesorgt, dass die bereits geplanten, strengen Abgasgesetze der EU entscheidend verwässert wurden. Wenn Herr Wissmann jetzt nach strengeren Abgasgesetzen der Eu ruft, ist das nicht nur dreist, sondern schmierig. Merke: Dadurch, dass die Politik - allen voran Frau Merkel - über unsere Auto-Industrie immer nur schützend die Decke gehalten hat, wurden dringend erforderliche Innovationen verhindert. Aus dieser schützenden Decke ist jetzt ein Leichentuch geworden.
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