Dieter Roths "Hirnbonbon" in Stuttgart Die Bombe im Heuhaufen

Theater-Exkursion ins Werk von Dieter Roth: Im Projekt "Hirnbonbon" beschäftigt sich das Schauspiel Stuttgart mit den Texten des großen Universal-Phantasten.

Conny Mirbach

Von Jürgen Berger


Worte seien "billige Bilder", hat er gesagt, als er seine eigenen Texte charakterisierte. Der Autor und Künstler Dieter Roth (1930-1998), der sich zwischenzeitlich auch nur Diter Rot nannte, war vieles in einem, mit sich im Reinen war er nicht. Interviews gab er gerne, meinte aber entgegen aller journalistischen Logik, jedes seiner gesprochenen Worte sollte veröffentlicht werden. Also suchte er zusammen, was er jemals gesagt hatte. Auszüge aus diesen Interviews und andere Texte aus dem umfangreichen Oeuvre Roths kamen am Wochenende in Stuttgart zur Sprache.

"Hirnbonbon" nennt sich ein am Staatsschauspiel uraufgeführtes Roth-Projekt. Am richtigen Ort angekommen ist der ruhelose Grenzgänger insofern, als er Zeit seines Lebens nicht nur in New York und Reykjavík, sondern auch in Stuttgart Station gemacht hat. Platziert ist der Abend, dem Thema angemessen, im multifunktionalsten Raum des Staatstheaters: der Spielstätte Nord. Man sitzt in langen Reihen, sieht auf eine Cinemascope-Bühne und meint, ein Abbild von Roths dadaistisch angehauchtem Werk zu sehen.

Was da steht, wirkt wie eine hinfällige Addition objekthafter und grafischer Elemente, die zusammengenommen Sinn ergeben sollten, es aber nicht so tun, wie der bürgerliche Gefühlshaushalt es gerne hätte. Die Bühnen- und Kostümbildnerin Maria-Alice Bahra hat zusammenhanglos nebeneinander gestellt, was man für so einen Abend brauchen könnte: eine Draisine auf Schienen mit einer Kamera, die in Richtung einer Hundehütte bewegt werden kann; irgendwo rechts oben rattert ein antiker Nadeldrucker und sondert Text ab; ganz in der Nähe steht ein kleines Zelt und in der Mitte dampft ein Heuhaufen.

"Eine Dynamit-Explosion"

Links endet das Bühnenensemble mit einem großen Glaskasten, der Rückzugsort, Schlafraum, Komponierbude und Aufnahmestudio sein kann. In diesem Glaskasten interviewt gleich zu Beginn eine Schauspielerin einen Schauspieler. Man meint, in einem der Projektabende gelandet zu sein, die sich mit eigens improvisierten Texten über Wasser halten, hört aber Ausschnitte aus einem Gespräch Dieter Roths mit einer Journalistin. Es geht um alles, was einer so sagt, wenn er keine Lust auf eine Botschaft hat. Etwas später tritt eine Schauspielerin nach vorne und zeigt, was den Autor und Künstler ausmachte, um den es an diesem Abend geht.

In Dieter Roths Texten stößt man auf sprachmelodische Kleinkunstwerke und wundersam sich schlängelnde Satzkonstruktionen. Das ist auch so, wenn es in Stuttgart um einen Friederich, Frieder oder vielleicht doch Fritz geht, der sein Büro verwüstet vorfindet. Eine Erzählung könnte beginnen, Roths Syntax verfängt sich aber gewollt in Minimalvariationen des Satzes "Er nahm an, der Augenschein sage ihm, eine Dynamit-Explosion habe stattgefunden". Der Monolog des deregulierten Fritz ist lang und anspruchsvoll. Anne Greta Weber meistert ihn wie eine suizidgefährdete Borderlinerin und schwimmt derart im eigenen Sprechfluss, dass man auch nach mehr als einer Viertelstunde gebannt hinhört.

Sie kommt wie Franziska Benz, Philip Dechamps und Johannes May von der Ludwigsburger Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg. Leo van Kann, Manja Kuhl und Christian Schneeweiß dagegen sind Ensemblemitglieder des Staatsschauspiels und Teil einer Inszenierung, die sich Roths Dramaturgie der Sinnlosigkeit mehr dienend widmet, als dass sie einen eigenen künstlerischen Standpunkt entwickeln würde.

Auf den Punkt brachte Roth seine Wortmalkunst 1974 im Bühnenstück "Murmel Murmel", ausgestattet nur mit dem Wort "Murmel". Herbert Fritsch hat an der Berliner Volksbühne daraus eine Raumsymphonie mit artistisch zuckenden und tänzelnden Schauspielerkörpern gemacht. Die Regisseurin des Stuttgarter Abends, Christiane Pohle, nähert sich dem hybriden Werk des Wahlschwaben aus der gleichen Richtung, biegt aber immer wieder in Richtung Stillstand ab.

Auch Pohle will, dass Körper ein Eigenleben entwickeln. Dann zuckt, schlängelt und peitscht es auf der Bühne, als habe ein Hobbygärtner den Wasserhahn aufgedreht und zuvor vergessen, den Gartenschlauch in die Hand zu nehmen. Zu oft agieren die Stuttgarter Schauspielerinnen und Schauspieler aber nur wie sprechende Installationen, und am Ende meint eine von ihnen auch noch lächelnd, eigentlich sei ja alles längst vorbei, man mache aber trotzdem weiter. Sekunden werden zu Stunden, irgendwann hat sich das Ganze dann aber doch ausgemurmelt.


Hirnbonbon, Ein Dieter Roth-Projekt. Wieder am 18. und 19. 7. im Stuttgarter Staatsschauspiel, Tel. 0711 - 202090, www.schauspiel-stuttgart.de

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