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S.P.O.N. - Der Kritiker: Philosophie des Flüchtlings

Eine Kolumne von

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Was es jetzt braucht in der Flüchtlingskrise? Es braucht den Blick auf jeden einzelnen Menschen, ohne rassistisches Gehabe, ohne Plan, ohne Absicht, ohne Vorurteile. Denn erst, wenn man etwas denken kann, kann man etwas tun.

Die Flüchtlingskrise ist auch eine philosophische Krise, eine Krise der Worte und Begriffe, eine Krise der Weltanschauung im ganz grundsätzlichen Sinn; und damit eine Krise der Gestaltungsmöglichkeiten: Denn erst, wenn man etwas denken kann, kann man etwas tun.

Was es also braucht, ist eine Philosophie des Flüchtlings, die erst einmal nicht von der eigenen Wahrnehmung ausgeht, sondern den anderen als den anderen gelten lässt, wie es Emmanuel Lévinas in der fernen Postmoderne einmal gesagt hat.

Was es braucht, ist der Blick auf jeden einzelnen Flüchtling, der kommt, eine Annäherung ohne Hintergedanken, ohne rassistisches oder paternalistisches Gehabe, ohne Plan, ohne Absicht, ohne Vorurteile - ein Blick, der von sich selbst absieht.

Was es braucht, ist eine Akzeptanz des anderen als autonomes Wesen, als ein Mensch, der unabhängig davon existiert, ob ihn die anderen mögen oder wollen oder was sich der deutsche Staat oder die europäische Union für ihn oder sie ausgedacht oder nicht ausgedacht hat.

Was es braucht, ist die Einsicht, dass jeder Flüchtling erst einmal ein Mensch ist voll subjektiver Energie, ein aktives Individuum und nicht das Not leidende Wesen, erniedrigt durch Kriege, Zäune, Grenzen, wie es die Nachrichtenbilder, und das ist gewollt, zeigen.

Politik der Abschottung

Das ist das Ziel der Bilder, die die Politik gegenwärtig durch immer extremere Maßnahmen etwa in Mazedonien produziert - vor diesem nur durch polizeiliche Maßnahmen zu bändigenden Wesen soll sich der Zuschauer fürchten, er soll sich gruseln vor der Bedrohung oder Invasion, das ist die Botschaft dieser Bilder.

Gleichzeitig wird dem Flüchtling zuerst durch die Maßnahmen und dann noch einmal durch diese Bilder sein eigenes Wesen, sein eigenes Wollen und letztlich seine Existenz verweigert.

Deshalb sind diese Nachrichtenbilder Teil einer Propaganda, einer Politik der Abschottung und der Verletzung der Menschenrechte - und diese Politik repräsentiert einen Verrat an allem, wofür die EU stehen sollte, die geboren ist aus der historischen Lektion des Zweiten Weltkrieges.

Wie traurig, wie erbärmlich waren etwa die Worte von EU-Ratspräsident Donald Tusk in der vergangenen Woche: "Wo auch immer Sie herkommen: Kommen Sie nicht nach Europa", sagte er. "Es ist alles umsonst."

Die Bilder helfen dieser Botschaft, sie ermöglichen es, den Flüchtling nicht nur in eine sicherheitstechnische, sondern auch in eine symbolischen Unterwerfungshaltung zu zwingen.

Dem Flüchtling werden nicht nur grundlegende Rechte verwehrt, er hat auch kein Mittel, darüber zu entscheiden, wie über ihn gedacht wird - die Borniertheit der Macht regiert, indem sie den Blick auf das Fremde als das Erschreckende konstruiert.

"Wir haben unsere Heimat verloren"

Und das war ja alles schon einmal so, das war alles schon einmal da, es war das Gründungsversprechen der EU, dass es nie mehr so sein sollte.

Hannah Arendt hat das alles an ihrem eigenen Beispiel beschrieben, sie hat den Flüchtling, den Staatenlosen zum Ausgang einer politischen Philosophie der Gegenwart gemacht - das galt für das 20., es gilt aber noch viel mehr für das 21. Jahrhundert.

"Wir haben unsere Heimat verloren", schrieb sie 1943 in dem Text "We Refugees", "und damit unser gewohntes alltägliches Leben. Wir haben unseren Beruf verloren und damit die Zuversicht, dass wir zu etwas nutze sind in dieser Welt. Wir haben unsere Sprache verloren und damit die Natürlichkeit unserer Reaktion, die Einfachheit der Gesten, den unaffektierten Ausdruck von Gefühlen. Wir haben unsere Verwandten in den polnischen Ghettos zurückgelassen und unsere besten Freunde wurden in Konzentrationslagern ermordet, und all das bedeutete einen Riss in unserem privaten Leben."

Aber, und das macht die Flüchtlingsfrage universell, das verbindet sie mit der Frage nach den universellen Menschenrechten: "Wir wollten unsere Leben wieder aufbauen, das ist alles. Um sein Leben wieder aufbauen zu können, muss man stark und optimistisch sein. Deshalb sind wir sehr optimistisch."

Stark darf der Flüchtling nicht sein

Stark und optimistisch aber, so ist die herrschende Doktrin, darf der Flüchtling nicht sein - er muss abhängig sein, er muss gefährlich sein, er muss sexuell oder religiös unkontrolliert sein, er muss ein Problem sein, dem man mit Pessimismus begegnet.

Und mit dem Polizeistaat. Auch das hatte Hannah Arendt gesehen, sie schrieb darüber in ihrer Studie über die Ursprünge des Totalitarismus, die in den Fünfzigerjahren erschienen ist.

Sie ging dabei vom Begriff und Wesen des Staatenlosen aus, dem "Massenphänomen der Gegenwart", und endete mit einer vernichtenden Kritik des Nationalstaats, der nicht in der Lage ist, dem Einzelnen seine Rechte zu garantieren, sondern im Gegenteil der Grund dafür ist, dass er seine Rechte verliert - erst der Nationalstaat produziert Staatenlose.

In der Logik des Nationalstaates liegt es gleichfalls, schrieb Arendt, dass sich angesichts der Flüchtlinge alles um die Frage dreht: "Wie kann man die Flüchtlinge wieder loswerden?"

Die einzige praktische Antwort darauf, so Arendt, ist das Internierungslager - wie sie heute in Syrien, in Jordanien, in der Türkei existieren oder geplant werden.

Was aber passiert, fragte Arendt weiter, wenn dauerhaft Menschen in Gruppen mit unterschiedlichen Rechten unterteilt werden: "Die ganze Hierarchie der Werte, wie sie in zivilisierten Ländern gelten, wird auf den Kopf gestellt."

Es kann keine Teilung von Rechten geben ohne Schaden für die Grundlagen der Demokratie, das ist das Fazit von Hannah Arendt - oder besser: die Zwischenbilanz, denn sie beschreibt ja, was daraus folgt.

Vom Nationalstaat zum Polizeistaat

Der Nationalstaat, das ist die historische Parallele zu heute, sieht sich machtlos und verschiebt das Problem vom Politischen auf die Polizei: "Je größer der Anteil an Staatenlosen", schrieb sie, "desto größer ist die Gefahr einer schrittweisen Umwandlung in einen Polizeistaat."

Wie das aussieht, konnte man vergangene Woche sehen: "Ankara hat unter humanitären Gesichtspunkten zuletzt Bemerkenswertes geleistet", sagte Bundesinnenminister de Maizière am Tag, als die türkische Polizei die Redaktion der oppositionellen Zeitung "Zaman" stürmte.

Und er fügte hinzu: "Wir sollten nicht der Schiedsrichter beim Thema Menschenrechte für die ganze Welt sein."

Der Nationalstaat, die Grundlage unserer weltpolitischen Ordnung, beruht auf der Gleichheit der Rechte, der Menschenrechte, die, egal ob Thomas de Maizière das so sieht oder nicht, für alle gelten - er zerbricht, das zeigte Hannah Arendt, wenn diese Gleichheit zerbricht.

Die Historikerin Anne Applebaum hat gerade in einem als Weckruf gedachten Artikel darauf hingewiesen, dass der Westen zwei oder drei Wahlen davon entfernt ist, sich aufzulösen, seine Grundlagen zu verlieren: Donald Trump, Marine Le Pen, der Brexit.

Denkmuster der Unterdrückung

Die EU, die Nato, die Basis würden erodieren, die Folge wäre eine neue historische Epoche, deren Grundzüge sich klar abzeichnen, neue Form der "totalen Herrschaft", wie sie Hannah Arendt beschrieben hat, mit neuen Gesichtern, aber ähnlichen, polizeistaatlichen, überwachungstechnischen, sicherheitsdienstlichen Mitteln.

Die Worte von de Maizière weisen in diese Richtung. SeehoferOrbanCalais weist in diese Richtung. Idomeni weist in diese Richtung: Grausamkeit an den Grenzen bleibt nicht ohne Konsequenzen im Inneren.

Der Notstand ist ein Denkmuster, ein Denkmuster der Unterdrückung und der Unfreiheit.

"Denk dir doch den Flüchtling anders", hat neulich mein Freund, der indische Schriftsteller Aman Sethi zu mir gesagt. "Es gibt einen alten Begriff, er ist im Arabischen, im Persischen, im Türkischen, in Urdu gleich. Wir sprechen vom Musafir. Es ist ein Reisender, ein Pilger, ein Wahrheiten Suchender, ein Gast."

Wir haben keine Flüchtlingskrise, meinte Aman, wir haben eine Krise des Menschenbildes.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 62 Beiträge
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1. gut gemacht,
ambulans 06.03.2016
herr diez - auch wenn es schon wirklich beschämend ist, angesichts der vorhandenen bilder definieren zu müssen, was ein flüchtling überhaupt ist, wie so einer ausieht und sich ggfs. dann auch verhält. alles denen, dies wissen wollen, längst bekannt - warum also nicht bei denen, die z.zt. überall herumpöbeln und -marodieren?
2. Absurd
fuer-wahrheit 06.03.2016
Die Argumentationsketten werden hier immer absurder. Erst einmal fehlt hier wieder jede Differenzierung. Jeder ist ein Flüchtling. Und wieso verweigern wir jemandem seine Existenz der aus Marokko oder Pakistan aus wirtschaftlichen Gründen hierher kommen möchte? Wieso werden nicht die dortigen Regierungen als Veranwortliche für das Schicksal genannt? Wieso wird uns dafür ein schlechtes Gewissen eingeredet? Und dieser absolut absurde Vergleich mit dem WWII. Deutschland hat die Welt in Schutt und Asche gelegt - deshalb gab es Flüchtlinge. Dies ist doch derzeit mitnichten der Fall für Menschen die aus vielen Teilen der Welt gerne zu uns kommen wollen. Den Schaden dieser verfehlten Weltsicht haben die wirklich politisch Verfolgten die im Rahmen dieser Abschottung nun tatsächlich nicht mehr aufgenommen werden oder die Menschen die aufgrund der 'open door policy' in den Meeren ertrinken.
3. Da braucht es keine besondere Philosophie
DadaSiggi 06.03.2016
Bevor wir uns den Luxus leisten den Blick auf jeden einzelnen Flüchtling als Individuum zu sehen, müssen wir in Europa erst einmal innehalten und uns über die Konsequenzen dieser hehren und sehr moralischen Sichtweise im klaren sein. Was bedeutet diese Haltung für die Zukunft. Können wir diese Haltung auch 100 Mio. Menschen entgegenbringen? Wollen wir das??? Das sollte erst einmal klar sein. Vielleicht bringt uns das zu der Einsicht, den Menschen lieber an Ort und Stelle zu helfen und nicht hier.
4. Grossartiger Kommentar !
postmaterialist2011 06.03.2016
In der Tat, die zu uns kommenden Flüchtlinge sind als erstes Menschen, egal welche Religion, Kultur oder Herkunft sie haben. Ich reise beruflich sehr häufig im Mittleren Osten und selbst in Saudi-Arabien stelle ich bei Gesprächen mit den Menschen dort fest, dass uns sehr viel mehr verbindet als trennt. Wir haben die selben Wünsche, Träume, Schmerzen und Probleme. Dass gerade diejenigen die weder deutsche Literatur lesen, noch klassische Musik kennen, denen Kant, Hegel, Marx und andere gänzlich unbekannt sind, sich so sehr auf die deutsche Kultur berufen und in jedem 8-jährigen Syrer, der noch ein komplett leerer Canvas ist eine Gefahr für unsere Werte und Normen sehen, ist schon erschreckend. Geht hinaus lernt die neuen Mitbürger kennen und ihr werdet sehen es sind nicht die bösen Muslims die zu uns kommen, sondern Menschen die alles aufgegeben haben um einem Krieg zu entfliehen und den Kindern eine bessere Zukunft bieten wollen.
5. Und was ist jetzt die Quintessenz?
munsterm 06.03.2016
Natürlich ist jeder Flüchtling ein Individuum, das streitet niemand ab. Dass jeder Mensch egal wo er geboren wurde, die gleiche Chance haben soll wie alle anderen, ist ein nobler Gedanke. Leider ist er nicht umsetzbar. Was Diez nicht schreibt, aber die logische Schlussfolgerung aus seinen Gedanken ist folgendes: Alle Grenzen fallen weg, alle Menschen dürfen nach Europa kommen. Die Folge wäre eine Massenmigration von dutzenden Millionen Menschen, die Europa nicht stemmen kann. Die humanitäre Hilfe für Flüchtlinge soll und muss man gewährleisten aus meiner Sicht, aber diese Leute alle integrieren zu wollen, ist zum Scheitern verurteilt. Integration muss, wenn sie gelingen soll, in Maßen, nicht in Massen stattfinden.
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Georg Diez
Autor des SPIEGEL. Er schrieb für die "Süddeutsche Zeitung" über Theater, für die "Zeit" über Literatur und für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" über alles. Sein Buch "Der Tod meiner Mutter" (Kiepenheuer & Witsch) wurde kontrovers diskutiert. Gerade erschienen ist sein Essay "Die letzte Freiheit" (Berlin Verlag) über Selbstbestimmung und das Recht am eigenen Tod. Georg Diez ist Mitbegründer der experimentellen Journalismus-Plattform www.60pages.com.

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