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S.P.O.N. - Der Kritiker: Scheinriesin im Reich der Zwerge

Eine Kolumne von

Eine Nullpolitikerin regiert Deutschland: Angela Merkel herrscht nach den Gesetzen des technokratischen Zeitalters, ihre Sprache ist steril - wie die der gesamten politischen Klasse. Das ist nicht mehr auszuhalten.

Kann jemand bitte den Bundestagswahlkampf stoppen? Jetzt, heute, bevor noch mehr Plakate gedruckt werden, die niemand sehen will, bevor noch mehr Personen interviewt werden, die nichts zu sagen haben, bevor wir mit noch mehr Phrasen gequält werden, die wir nicht verdient haben.

Die Welt hängt schief in Angeln, aber der Nussknacker von der Opposition fällt aus dem Kajak, der Vizekanzler schwitzt in Bayreuth, die Rothaarige von den Linken ist wie immer seltsam schlecht ausgeleuchtet, und der Kandidat der SPD ist nach langer Zeit mal wieder im Fernsehen - um Norbert Lammert in dieser Plagiatssache zu verteidigen.

Er hatte dabei diese pampige, passiv-aggressive Art, die manche noch vor ein paar Monaten mit Eigensinn und schroffer Unabhängigkeit verwechselt haben. Aber ich will keinen Kanzler, der den Journalisten den Finger abbeißt, wenn sie die falsche Frage stellen, und nachher doch wieder weint.

Ich will allerdings auch keine Kanzlerin, die ins Stottern gerät, wenn man sie fragt, warum sie ihren Job behalten will. Ich will keine Kanzlerin, die ihr Land mag, weil es dort "dichte und schöne Fenster" gibt. Ich will eine Kanzlerin, die auch mal Mittagsschlaf macht.

Der Historiker Timothy Garton Ash hat das Zitat von Angela Merkel gerade mal wieder ins Gespräch gebracht: Sie sei schon froh, dass das Klima in Deutschland so ist, wie es ist, hat Merkel mal gesagt, denn das muss man keine Siesta halten - wie die unglücklichen Spanier.

Es ist, was ist

Timothy Garton Ash hatte auch noch ein paar lakonische grausame Sätze über unsere Politiker parat, die besonders weh tun, weil er sich in seinem Essay über die "neue deutsche Frage" vorher so viel Mühe gegeben hatte, fair und freundlich zu sein.

"Die gesamte politische Klasse in Deutschland spricht diese sterile Lego-Sprache", schreibt er in der "New York Review of Books", "sie zimmern vorgefertigte Phrasen zusammen aus hohlem Plastik. Die meisten deutschen Politiker fliegen eher allein zum Mond, als dass sie einen bleibenden Satz formulieren."

Wie eigentlich alle, die etwas von Politik verstehen und keinen deutschen Pass haben, sagt auch Timothy Garton Ash, dass Merkel etwas tun muss, um den Euro, um Europa zu retten. Dumm nur, meint er, dass das Land immer provinzieller geworden ist seit der Wende. Dumm nur, meint er, dass niemand mit ein wenig Verstand hier Politiker werden will. Dumm nur, dass "Deutschlands Macht gewachsen ist, während die politische Klasse geschrumpft ist".

Bleibt also sie, die Scheinriesin im Reich der Zwerge. In ein paar Jahren, wette ich, werden sich viele wundern, wie wir auf diese Nullpolitikerin hereinfallen konnte. In der Zwischenzeit allerdings regiert sie uns nach dem Gesetz der reinen Evidenz: Es gibt keine Prinzipien, Vorstellungen, Ideale, es gibt nicht mal Gründe - es gibt nur das, was es gibt.

Zum Glück fängt die Bundesliga wieder an

Die Fluglinie EasyJet hat diese begründungsfreie Kommunikationspraxis seit längerem perfektioniert: Wenn es Verspätung gibt, liegt das immer an dem Flugzeug, was zu spät gelandet ist, "due to late incoming plane".

Klar, sagt man sich, sonst wäre der Flug ja auch pünktlich. Die Verspätung wird also mit der Verspätung begründet - aber was wie ein schlechter Scherz klingt oder absurdes Theater, ist tatsächlich die Episteme unserer Epoche, unser "strategisches Dispositiv", wie es Michel Foucault nennt: Es ist, was ist.

Das ist das Gesetz des technokratischen Zeitalters. Es ist etwas anderes als der klassische Realismus, der noch auf eine Welt verwiesen hat, voller Gründe, Zwänge, Möglichkeiten. Merkels EasyJet-Pragmatismus verweist nur noch auf sich selbst: Ich will Kanzlerin sein, weil ich Kanzlerin sein will.

Man kann das lustig finden, so wie man ein Stück von Eugène Ionesco lustig findet, "Die Nashörner" zum Beispiel. Man kann das tragisch finden, so wie man ein Stück von William Shakespeare tragisch findet, "Macbeth" zum Beispiel. Was es aber bedeutet, ist die Abschaffung von Alternativen, von Politik.

Kann also bitte jemand den Wahlkampf stoppen?

Nächste Woche fängt zum Glück die Bundesliga wieder an.

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Kolumne - Der Kritiker
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insgesamt 180 Beiträge
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1. Es ist alles noch viel schlimmer
Hank_Chinaski 02.08.2013
Nicht nur, dass kein Politiker mehr eine Meinung hat. Sie haben auch keine Ideologie mehr. Spätestens in Regierungsverantwortung wird jede Entscheidung und wenn sie auch noch so sehr der Parteilinie widerspricht mit dem "Sachzwang" begründet.
2. ein kleiner trost,
k.villon 02.08.2013
ich hätt's nicht genauer auf den punkt bringen können. Es ist so unglaublich traurig. Empörend, ekelhaft. Als man Kohl überstanden hatte, dachte man doch – schlimmer kommt's nimmer. Kohl hatte ja noch wenigstens einen willen und ziele – auch wenn sie mir nicht gefielen. Aber das jetzt – und dann diese umfragewerte – da kommt man schon ins grübeln. Diese zeilen geben mir wenigstens das gefühl, nicht ganz allein zu sein. … viele grüsse aus dem sonnigen schland.
3. Die politische Klasse passt sich Ihrer Klientel an,
woodeye 02.08.2013
und zusammen (mit Ausnahmen) sind sie so, wie sie sind: Schrecklich ! Man sehe sich allein im Spiegel-Forum um, was da an Ego-Trips abgeht. Ein Ergebnis der ueberindividualisierten Gesellschaft. Solange die Wirtschaft laeuft, moegen die maroden Polit- und Gesellschaftsmauern halten. Dann hoffentlich kracht der Laden zusammen. Die Deutschen waren schon immer gut beim Wiederaufbau. Dabei haben sie weniger ideologisch-uebersaettigte Flausen im Kopf "(Uebermut tut selten gut").
4. Nicht Merkel Mus, Nicht Merkel Müsste:
WernerS 02.08.2013
Zitat von sysopEine Nullpolitikerin regiert Deutschland: Angela Merkel herrscht nach den Gesetzen des technokratischen Zeitalters, ihre Sprache ist steril - wie die der gesamten politischen Klasse. Das ist nicht mehr auszuhalten. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/diez-kolumne-zur-bundestagswahl-bitte-den-wahlkampf-stoppen-a-914420.html
Warum _Wirr_ jetzt alle ... Euro/Europa/Wale/Klima/Ordnung/Leben/Buch/Schwarzweißgeflecktetrockensumpfkeinohreule/Welt/Sicherheit/Kultur/Christentum/Sozialstaat/Kinder/Konkurrenzfähigkeit/Wald/Privatsphäre/Natur ... retten müssen. Alternativlos und zu recht! Ich finde Wahlkampf spannend, es ist doch immer wieder schön, mit welcher Penetranz die Parteien mit professioneller Hilfe zeigen, warum ihnen so ziemlich alles fehlt, weshalb man ausgerechnet sie wählen sollte. Und wenn mir noch ein Grund fehlt, warum ich eine der DBP* wählen sollte, 99,99% aller Wahlplakate bestätigen mich in meiner Meinung. Die wähl ich nicht. *DreiBuchstabenPartei
5. und wir wollen Journalisten,die objektiv denken können,
analyse 02.08.2013
unabhängig sind,nicht mal die Kanzlerin als Verursacheri nalles Bösen darzstellen vor der Europa zittert,die mit der Knute in der Hand die hohe Jugendarbeitslosigkeit im Süden steuert und sie wenns paßt als Scheinriesin darstellt die "nichts tut" ,Journalisten die vor der Entscheidung von Politikern ihre Meinung äußern und nicht hinterher alles besser wissen,Journalisten die sich ihrer Verantwortung bewußt sind,die sie durch ihre Privilegien haben ! Sie kosten schamlos ihre Mach aus :diffamieren und schreiben Politiker nieder,wohl wissend,daß die sich nicht wehren können ! Nicht alle Journalisten sind aber so gemein und verantwortungslos !
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Georg Diez
Autor des SPIEGEL. Er schrieb für die "Süddeutsche Zeitung" über Theater, für die "Zeit" über Literatur und für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" über alles. Sein Buch "Der Tod meiner Mutter" (Kiepenheuer & Witsch) wurde kontrovers diskutiert. Gerade erschienen ist sein Essay "Die letzte Freiheit" (Berlin Verlag) über Selbstbestimmung und das Recht am eigenen Tod. Georg Diez ist Mitbegründer der experimentellen Journalismus-Plattform www.60pages.com.

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