Digitale Etikette Netzpöbelei elegant überleben. Teil eins

Vor allem Frauen müssen sich im Netz wegen ihres Aussehens von Idioten anpöbeln lassen. Dabei sehen doch wohl auch die Herren der Schöpfung stulle aus. Die Spezies ist ein Schuss in den Ästhetikofen.

Eine Kolumne von


Wenden wir uns noch einmal kurz dem interessanten Feld der Online-Stammtisch-Entgleisungen zu. Was früher Besoffene auf dem Klo mit Schaum vor dem Mund vor sich hin brabbelten, steht heute im Netz. Das ist nicht neu. Für diejenigen, die Opfer des Gesabbers werden, ist es immer ein wenig, als träte einer in ihre Wohnung und setzte einen Haufen Kot auf den Küchentisch. Eklig. Klar. Dass Frauen öfter als Männer Ziel von verbalem Gekote werden, wissen wir auch. Vor einiger Zeit reagierte eine Betroffene, sozusagen, betroffen. Hashtag: Ich bin nicht hässlich. Hashtag: Lass uns mal darüber reden.

Nun ist es generell eine gute Sache zu versuchen, die Mitmenschen auf Fehlleistungen hinzuweisen. Auf alle Arten von auf Unwissenheit basierenden Beleidigungen. Denn nur so kann Evolution funktionieren. Vielleicht entstehen in der nächsten Generation andere Areale im Gehirn unserer Nachfahren, die dann vielleicht ein wenig mehr verstehen, dass die Welt voller unterschiedlicher Lebensentwürfe ist und der Mensch in verschiedenen Darreichungs- und Servierformen hergestellt wird. Bei Affen funktioniert diese Weitergabe von Wissen von Generation zu Generation ja auch.

Hilfreich ist zudem, sich einzelne Spacken vorzunehmen und sie gezielt freundlich zu hinterfragen. "So, lieber Herr Hurlimann: Was finden sie denn so hässlich an mir?" Allerdings: Seine Betroffenheit darüber zu publizieren, dass irgendwer, irgendwas rumpöbelt, erachte ich für so sinnvoll, wie eine heranrasende Lokomotive mit dem Absingen von "Ein bisschen Liebe" zum Anhalten bewegen zu wollen.

"Du bist hässlich" ist ungefähr eine so fundierte Aussage wie das "Du bist doof!" eines schreienden Kleinkindes. Ja, vielleicht ist das andere Kind doof, vielleicht sind Feministinnen hässlich oder alle Frauen. Aber ausweitend kann man sagen: Die gesamte Spezies Mensch ist kein optischer Leckerbissen. Ausgenommen einiger Kinder und Models sehen wir doch alle ein wenig stulle aus. Mit unseren teilbehaarten Körpern, mit den Füßen und Ohren und den Nasen. Und wie so ein Mensch riecht, wenn man ihn nicht pausenlos putzt! Die Spezies ist ein Schuss in den Ästhetikofen. So what. Dafür können wir singen.

Solange eine Person die Höflichkeit besitzt, sich den anderen nicht übelriechend, schmutzig und geschmacklos zu präsentieren, ist doch alles in Ordnung. Was können wir mit unseren seltsamen Körpern und dieser Nase schon großartig anstellen?

Dass Frauen bei blöden Kommentaren immer noch zusammenzucken, ist vermutlich ihrer Angst geschuldet, nicht zu gefallen. Nicht gefallen heißt: kein Partner, keine Aufzucht und so weiter. Aber who gives a fuck in Zeiten, in denen Sperma für die nächsten vier Millionen Jahre in Kühlschränken lagert?

Wer will denn da gefallen? Und vor allem wem? Was ist das für ein Ansatz? Man kann die Welt retten wollen, große Kunst machen, Diktatorin oder Hackerin werden wollen. Aber gefallen? Irgendeinem Assi im Netz?

Wenn man das Vergnügen hat, von einem Menschen mit bekannter Identität bepöbelt zu werden, kann man sich den kurzen Spaß gönnen, Bilder von ihm oder ihr zu suchen. Langes genussvolles Betrachten. Und Ruhe ist.

Wir sehen alle irgendwie aus. Mit Gesichtern und so weiter. Es ist vollkommen egal. So egal wie das besoffene Genöle im Netz, das man hervorragend ignorieren kann.

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Kolumne - Fragen Sie Frau Sibylle


insgesamt 116 Beiträge
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Seite 1
Phil2302 27.08.2016
1.
Also meine Erfahrung in den Social Medias wie Instagram ist eher: Haufenweise werden Bilder von Frauen geliked, mit der Bemerkung, wie hübsch diese doch ist - bei jedem Typen steht standardmäßig nur drunter: Lauch. Also wie immer sehr einseitig. Dazu sei zu sagen: Menschen war die Optik des Gegenübers seit jeher (evolutionsbedingt) sehr wichtig. Das wird sich in der nächsten Generation auch nicht ändern. Ich habe daher Verständnis für jeden, der der Natur etwas nachhilft. Eine sehr gute Freundin hat sich vor Jahren mit 18 (!) ihre Brüst operieren lassen, da sie vorher praktisch keine hatte. Gab natürlich blöde Kommentare von allen Seiten, aber sie selbst sagt, dass sie viel viel glücklicher lebt. Sie hat einen tollen Mann kennen gelernt, etc. Ich gehe auch 5-6 die Woche ins Studio (was wohl nur so lange geht, wie noch kein Nachwuchs da ist) und erfreue mich der ganzen Vorteile, die es mit sich bringt. Ich schaue nicht auf hässliche Menschen herab, wundere mich aber doch, warum man sich das Leben selbst schwer macht. Und machen wir uns nichts vor: Auch Kleidung und Aufmachung macht viel aus. Kaum einer ist von Natur aus pottenhässlich.
Atzen 27.08.2016
2. Ästhetikofen
Dann kann man nur hoffen, dass da kein Brot drin ist.
NetterVersuch 27.08.2016
3.
Verstehe nicht wie einen sowas belasten kann. Das hat man sofort wieder vergessen
Dr. Dr. Arschgeig 27.08.2016
4. Gegenfrage, Frau Sibylle:
Ohne die Empirie an dieser Stelle nochmals genau einzusehen, aber mir scheint es so, dass viele Frauen drauf aus sind, sich hübsch zu machen, mehr jedenfalls, als Männer es sind? Ist dieses Bestreben genetisch bedingt, typisch weiblich sozusagen, oder ist es das Ergebnis patriarchalischer Rollenzuschreibung? Haben Frauen sich also über die Jahrhunderte (von weißen alten Männern) sagen lassen, ihre Aufgabe sei es nicht, zu wheelen und zu dealen, sondern nur, (für das männliche Aufge) hübsch und ansehnlich zu sein, dies zu beurteilen wiederum von den Männern, die solcherart Kontrolle über das weibliche Verhalten ausüben können. Oder trifft doch die erste Variante zu und Frauen interessieren sich genetisch bedingt genuin t a t s ä c h l i c h mehr als Männer für Kleidungsshopping und Nagellack?
hegoat 27.08.2016
5.
Recht haben Sie, Frau Berg, wir sollten Pöbeleien von Assis, wie Sie sie nennen, gelassener nehmen. Pöbeleien sind nicht schön, aber sie ernstzunehmen oder sich gar noch darüber aufzuregen ist vergeudete Lebenszeit. Die Ärzte sangen mal: Lasse reden!
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