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03. September 2016, 14:14 Uhr

Digitale Etikette

Netzpöbelei elegant überleben. Teil 2: Liebe für die Hater

Eine Kolumne von

Ja, es stimmt schon: Wer im Netz gegen Minderheiten und "die da oben" hetzt, ist kein angenehmer Zeitgenosse. Doch ohne ein wenig Verständnis für die Online-Krawallos kommen wir gar nicht voran.

Hass im Netz bekämpfen. Wie soll das gehen, wenn man die Probleme der kleinsten Zelle - des Menschen - nicht begreift?

Der Mann läuft durch den Regen. Er friert. Es regnet unentwegt in diesem Sommer. Pah, Sommer. Den haben sie auch versaut, vermutlich wegen der Flugzeuge, wegen der Schornsteine, wegen irgendwas - das kann ihm doch keiner erzählen, dass es normal ist, diese Sommer, die nach Herbst riechen und sich nach Winter anfühlen. Er erinnert sich an früher, an Wiesen, auf denen er gelegen hat, an den blauen Himmel, der weit war und dieses Versprechen, das nur er hörte: Du wirst alles erreichen, was du willst.

Er weiß nicht mehr, was er will heute, irgendwie mehr, irgendwie etwas anderes, als auf der Abschussliste der Evolution zu stehen. Er ist doch noch jung. Also, noch nicht 60. Nicht mehr 40. Dazwischen. Aber eben ein Mann, also noch jung. Er streckt seine Zunge aus, leckt ein Metallgeländer, erwartet, dass die Zunge kleben bleibt, wenigstens ein ordentliches Gefühl erzeugend - nichts. Scheiß-Sommer.

Eine Gruppe junger Weiber kichert. Scheißweiber. Sie sehen durch ihn, als wäre er aus Glas. Dann kommt er heim, da ist es leer, seit die Frau gegangen ist. Das Kind studiert irgendwo, irgendwas. Es meldet sich zu Weihnachten. Die Frau hat gesagt: Du nimmst mich nicht wahr, ich verkümmere, oder irgend so einen Quatsch, den Frauen aus Frauenmagazinen haben. Dann ist sie gegangen. Und er sitzt in der Küche und starrt an die Wand, und das kann es doch nicht gewesen sein. Die Wand nickt.

Das Leben, das er sich vorgestellt hat, also nicht konkret, aber irgendwie, war sonnig gewesen, es hat eine Familie beinhaltet und eine Karriere, Ferien und gute Laune, und nun sitzt er hier in einer unaufgeräumten Küche, es regnet im Sommer, und die Heizwerke machen die Heizung natürlich nicht an. Es sind 12 Grad, ihr Idioten.

Je klarer wird, dass alles schiefläuft, um so deutlicher wird, wer Schuld daran ist. Die linke Politik, die Journalisten, der Kapitalismus - und die Weiber. Aber wie kann man das ändern. Was kann er als kleiner Mann da nur unternehmen. Demonstrieren, ja klar, das tut er, mit anderen, die ähnlich betrogen worden sind wie er, aber bringt das etwas? Seine Meinung im Netz sagen, ja ok, aber auch da versuchen sie, ihn zum Schweigen zu bringen. Er steht auf, holt sich ein Bier, dabei sieht er sich im Spiegel an. Unverständlich, warum er keine neue Frau findet. Er sieht noch gut aus, für unter 60, also eher an die 40 als an die 60, ein kleiner Bauch, die Haare sind, naja, weg, aber sonst?

Manchmal besucht er seinen Vater im Pflegeheim. Und er sieht seine Zukunft, in diesem Mehrbettzimmer, das nach Urin riecht. Den Vater, um den er sich nicht kümmern kann weil, egal. Kein Geld. Genau. Das Land teilt sich in arm und reich, und er ist ein Verlierer. Nie wird er ein Haus mit Pool und einer jungen Freundin haben. Er kann froh sein, wenn er die Wohnung hier behalten kann. Aber - da wird schon renoviert, da gegenüber, für Ausländer Wohnraum geschaffen und links und rechts für Yuppies. IT-Schwuchteln, und er hatte nie etwas gegen Homosexuelle, wenn sie nur nicht so laut wären. Wir wollen gleiche Rechte, wäh, wäh. Soweit kommt's noch.

Er steht wieder auf, holt sich noch ein Bier, er würde so gerne eine junge Frau flachlegen. Ja, das ist eigentlich alles, was er will. Kriegt er nicht. Gibt's nicht. Also Computer an. Denen wird er's jetzt zeigen.

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