Digitale Vernetzung Der Tod ist nicht das Endgerät

Das Internet macht die Welt nicht besser oder schlechter - sondern einfach nur anders. Es ist Gehirn für die Menschheit und Zentrum des Ekels zugleich. Und was ändert das für uns?

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Ein Running Gag in der TV-Serie "Silicon Valley" sind die Pitches und TED-Talks der jungen Start-upper, die alle irgendwann damit enden, dass ihr Shit die Welt revolutionieren, alle alten Systeme gegen neue austauschen und die Erde zu einem besseren Ort machen wird. Der letzte Gedanke ist natürlich Quatsch, denn das Netz und die Technologien machen die Welt nicht besser, sondern einfach anders.

Ein paar neue Milliardäre (männlich) entstehen, die Masse wird korrekt überwacht. Gut und Böse wie immer gerecht verteilt, und jede darf bestimmen, auf welcher Seite sie steht, solange bis eine Diktatur darüber befindet. Viele Wissenschaftler wollen unser Leben aufrichtig verbessern. Das ist rührend.

Einer von ihnen ist Professor Helbig von der ETH Zürich, der zusammen mit anderen eine Art Welthirn entwickelt. Wenn es schon menschenunmöglich ist, die komplexen Zusammenhänge auf unserem Planeten zu begreifen, dann gelingt es vielleicht den Rechnern. Der Living Earth Simulator ist eine riesige Datenbank, die mit jedem noch so kleinen Ereignis weltweit gefüttert werden kann. Vielleicht wird es uns bald gelingen, den Einfluss des umgefallenen Sackes Reis in China auf eine Überschwemmung in Unna zu verstehen und vorsorglich einen Sandwall zu bauen.

Das Projekt wird jedem auf der Welt zur Verfügung stehen, dezentral und demokratisch. Es wird nicht nur den Zustand der Gesellschaft, der Umwelt und des Finanzmarktes begreifbarer machen, sondern auch frühzeitig Chefinnen weltweit über Katastrophen, Konflikte und daraus folgende Flüchtlingsbewegungen informieren.

Ein Ort, an dem sich Menschen radikalisieren

Das ist meiner Meinung nach das Gute. Das Böse, und ich teile hier fast jeden Satz aus Jarett Kobeks Buch "Ich hasse dieses Internet", wohnt dicht bei all den Projekten, die zum Beispiel das zentralisierte Bankensystem stürzen oder Kunst und Kultur für alle zugänglich machen wollen - das Böse ist das Netz als Zentrum des Ekels, von dem aus gerade die liberale Demokratie ausgehöhlt wird. Ein Ort, an dem sich Menschen radikalisieren, in jeder Art von unzivilisierter Blödheit und Aggression: Das Netz als Bootcamp der Aggression, als Beschleuniger des Kapitalismus, der Finanzwirtschaft, der Ungleichheit.

Wie es eben ist bei jeder technischen Revolution - irgendwie verbessert sich der Lebens- und Wissensstandard für die Weltbevölkerung. Aber nur wenn man die Bevölkerung außerhalb unseres direkten Umfeldes vergisst.

Gutes gegen böses Netz, die Fortsetzung des ewigen Kampfes mit neuen Mitteln. Aber vermutlich ist das egal, denn es sind nur Endgeräte, in die Milliarden starren, während die Welt sich gerade - von den meisten unbeobachtet - zu etwas transformiert, das keiner voraussagen kann. Vielleicht kommt der Living Earth Simulator zu spät, also für uns. Für die Menschen.

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insgesamt 41 Beiträge
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Seite 1
B!ld 18.03.2017
1.
Sich das Internet in gut und böse zu unterteilen ist etwas zu einfach.
der_unbekannte 18.03.2017
2. Das Netz
ist weder böse noch gut, es eröffnet aber Möglichkeiten. Wie sie genutzt werden, hängt von jedem einzelnen ab.
GinaBe 18.03.2017
3. Schönes Wochenende.
Letzter Fortschritts- und Zukunftshype war der mit dem Raumfahrtprogramm nach der Mondlandung. In den 70ern erfolgte die Ölkrise und das Abflauen des ewigen Wirtschaftswachstums. Heute ist es das Netz, welches tatsächlich (irgendwie, wirgendwo) für einen Quantensprung sorgt. Wenn nicht heute, so wird den die nächste Generation ausführen, die das Netz fast mit der Muttermilch einsaugen und eher einen DVD- Player bedienen konnten als auf eigenen 2 Bein(ch)enzu laufen. Ja. Der Zugang zum Internet verändert Kommunikationsstrukturen und die neuronale Vernetzung in jedem einzelnen Gehirn, wenn das Individuum mit dessen einfluss nicht mehr zur Ruhe kommt. Gut und böse? Nee, Frau Sibylle, das hat hier nun wirklich kaum Platz oder ist hier kaum der richtige Ort, ideologisch geprägte Moralbewertungen anzubringen, wenn es lediglich um 0en und 1en geht. Um die Auswirkungen geht es, um user, Produzenten, Plattformen, um die Freiheit, (fast) alles posten, schreiben, auf webseiten veröffentlichen zu können und nicht zuletzt, um Geschäfte zu machen. WELCH furchtbaren Aufträge erteilt werden können, belehrte mich wohl ein dänischer Rentner, der Vergewaltigungen von Kindern bestellte, die prompt ins Netz gespeist wurden. Oh Gott! Illegale Geschäfte werden genauso besteuert wie legale...Oh Gott? Heinrich Heine verurteilte am lebensende selbst den Idealismus seiner Zeit, Hegel dafür, daß er Menschen zu Göttern machte und kehrte der Philosophie den Rücken zu. WEDER die Dampfmaschine, noch das Flugzeuig, noch die Elektrizität, noch das Auto oder das Telefon haben die Welt besser gemacht, sondern immer nur anders, das Gesicht der Welt verändert nämlich. Denn jede Erfindung und Errungenschaft trägt auch seine dunkle Seite, Erderwärmung etwa, Kohlenmonoxyde, Rohstoffverschleiß, ...und immer noch Kinderarmut und erbärmliche lebensbedingungen für einen großen teil der Menschheit. Ich fürchte, daran wird auch das Internet nichts ändern. Es schluckt wahnsinnig viel Zeit und das Leben wird zunehmend flüchtig, weil Daten in Sekunden um den Globus "fliegen", in Konkurrenz selbst zum gesprochenen Wort, einem ausführlichen Vortrag etwa. Aufhalten können wir die Entwicklung nicht, aber beeinflussen in eine gute Richtung können wir es schon, wenn wir den markt-politischen Willen dazu haben. Nein, ich hasse das Internet nicht. Zum Teil ist auch mein Leben mit ihm verbunden. Aber eben nur zum Teil. Gibt es eigentlich schon Beipackzettel zum Internet über Nebenwirkungen? ;-) Sicherlich aber gibt es auch damit weiterhin Konjunktur in psychotherapeutischen Praxen, Schuldnerberatungen und Firmen, die ausschließlich im Netz ohne eigenen Betriebsstandort billiger Waren verkaufen und günstig in einer Steueroase versteuern. Nein, das ist kein darknet, sondern nur reine kapitalistische Verführung, zu sparen, weil ja von oben der Geldhahn nicht nachbessernd aufgedreht wird. In 5? Jahren sind dann die Innenstädte auch völlig platt. Ich glaube, der Zug nach Nirgendwo rast immer noch auf der einbahnigen Strecke...
zimond 18.03.2017
4. (männlich)
Natürlich bringt es Frau nicht fertig in einen Betrag nicht doch irgendwo einen Seitenhieb gegens böse Patrichart einzubauen. Hat irgendwer Frauen daran gehindert ein Facebook oder Twitter zu erschaffen? Oder eine erfolgreiche Kommunikationsapp? Oder einen florierenden Videospielemarktplatz (Steam) ? Oder ein völlig neues Spielkonzept mit Klötzchengrafik? (Minecraft) Man mag von den Leuten ja halten was man will aber es sind eben Selfmade Milliardäre die zur richtigen Zeit die richtige Idee hatten UND das Knowhow diese Idee umzusetzen. Das Geschlecht interressiert dabei keine Sau. Warum sind sie Schriftstellerin und nicht in der IT tätig? Genau.. weil ihre Interessen bei der Literatur liegen. Niemand hat sie gehindert Programmieren zu lernen und die nächste große App zu erfinden.
thdenell 18.03.2017
5. ... das Bessere ist der Feind des Guten ...
... heisst, etwas zu verbessern kann nie schaden. Auch der Menschenverstand kann verbessert werden, selber nachdenken, krude Sprüche ignorieren, oder z. B. auf Facebook einfach Kommentare löschen, die MIR nicht gefällt. Denn: Wenn's mir NICHT gefällt, was da so kommentiert wird, und ich missbillige das, indem ich den gleichen Schwachsinn hinterherwerfe, nur um das letzte Wort zu haben, dann ist das Schulhof-Mentalität von 13-jährigen. Darauf haben die Verursacher kruder Ideen oder Kommentare doch nur gewartet. Benehmen wir uns wie Erwachsene, also halten uns an die Netiquette, sprich Höflichkeit. Und diese Höflichkeit ist es auch, die heute so manchen (gebildeten) Politikern abhanden zu kommen scheint. Und DIE kommen damit auch durch, wie man ja sieht oder besser: liest. Auf dieses Niveau sollte sich niemand begeben. Und nächstes Mal zur Wahl gehen.
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