Digitalisierung Liebe Leute, Ihr werdet abgeschafft!

Der Mensch macht erst mal und schaut dann, wie es weitergeht. Auch bei der Digitalisierung. Könnte sein, dass dagegen nur die Flucht auf die sprichwörtliche einsame Insel hilft.

Apple Campus im Silicon Valley
REUTERS

Apple Campus im Silicon Valley

Eine Kolumne von


Hach, die Digitalisierung! Die uns retten wird. Moment mal. Also, in den letzten Wochen gab es die Intel-Panne und Indiens biometrische Datenbank wurde gehackt. (1)

(Ich verlinke den Text nicht, weil ich las, dass Links den Lesefluss stören und die Fähigkeit zum kreativen Denken und Verstehen ruinieren. Deshalb die guten alten Fußnoten.)

Der lustigste Bericht stammt von dem Ex-Silicon-Valley-Gewinner Antonio García Martínez. (2)

Herr Martínez hat seinen Job bei Facebook gekündigt und sich eine Insel in Kanada gekauft. Inseln in Kanada sind der heiße Scheiß bei Top-Playern des Zukunftslabors der Welt. Möglichst abgelegen, schwer erreichbar und das schlechte Wetter interessiert die Leute nicht, wenn es ums Überleben geht.

Ja, wie denn das jetzt, fragt man sich, wo doch gerade im Silicon Valley an dieser tollen Zukunft gearbeitet wird? Wo alle Bereiche der Gesellschaft ersetzt werden, durch neue unglaubliche Systeme, die endlich dafür sorgen, dass die Welt besser wird und funkelnder? Das geht am besten, indem sie frei von Menschen sein wird. Ein kolossal guter Gedanke. Warum haben die Firmenbosse, die Start-uper und Nerd-Genies nicht vorher klar davon gesprochen? Liebe Leute, wir arbeiten gerade daran, euch abzuschaffen. Wir nennen es Revolution 4.0.

Keiner soll mehr so komplizierte, mühsame Tätigkeiten ausüben müssen: Laster, Züge, Autos fahren, Autos bauen, überhaupt etwas bauen. Wir ersetzen das durch Roboter, die sind kostensparender, anspruchsloser. Euch, liebe Menschen, überlassen wir Jobs, die so beschissen bezahlt werden, dass die Entwicklung von Maschinen in diesen Bereichen nicht lohnt. Also ihr könnt weiter putzen, Pflegekräfte sein, oder im Service arbeiten. Deal?

Die 50 Prozent freigestellter Menschen können ja programmieren lernen, sich anpassen, mit Kiemen oder großen Hirnen, mit mathematischem Wissen. Aber wer soll das zahlen? Und wie lange geht das? Und wie gut wird eine Ü40-Jährige im Programmieren werden, wenn sie sich mit einer minderjährigen Konkurrenz um die wenigen Arbeitsplätze balgt, deren Hirne per Geburt aus einem Smartphone bestehen? Egal.

Das hormonbedingte Voranpreschen hat auch viel Gutes gebracht

Nach der maschinellen Revolution vergingen nur 50 Jahre, bis die Menschheit sich an die neuen Arbeitsbedingungen angepasst hat. Hey, 50 Jahre, das ist ja nichts. Die wartet man einfach ab. Zum Beispiel - auf einer Insel. Was Herr Martínez mit all den großen Nerds gemein hat, ist, dass ihnen, falls sie darüber nachdenken, kein Ausweg aus dem kommenden Elend einfällt. Wir machen erst mal, und schauen dann weiter, haben sie sich gedacht.

Ich möchte nicht sexistisch werden und behaupten, dass dies eine sehr männliche Herangehensweise ist. Obwohl. Eigentlich schon. Und - es hat ja auch viel Gutes gebracht. Das hormonbedingte Voranpreschen. Hey, wir fliegen mal zum Mond und schauen dann weiter. Sie wissen schon, der Mond, oder der Mars. Oh ja, lass uns den Mars besiedeln. Es war wichtig, ihn zu erforschen. Und man sollte auf keinen Fall damit aufhören.

Das Traurige ist doch, dass der Mensch trotz seiner großartigen Intelligenz das absurd blödeste Lebewesen der Welt ist. Wir machen mal weiter, bis es nicht mehr geht... Scheint er sich zu denken, der Mensch. Auf seiner einsamen Insel in Kanada. Auf dem Festland randalieren die Massen. Aber auf so einer Insel, arschkalt, im Meer vor Kanada, ob links, rechts oder oben, ist das egal. Mit Notstromaggregaten, einem Atomschutzbunker und stillem Mineralwasser im Keller. Da sitzt man dann. Und sieht den Sonnenaufgang. Oh super, wie die Sonne aufgeht. Und wieder unter. Und wieder auf. Hauptsache überleben.

Und der Rest? Der nicht inselerwerbsfähige? Wir machen weiter, was sonst, und hetzen gegen Menschen, die anders aussehen als der weiße, naturgegeben überlegene Mensch. Sie wissen schon. Der auf der Insel. Mit dem Sonnenuntergang. Prost.


(1) www.reuters.com/article/us-india-economy-biometric/india-probes-report-on-breach-of-national-identity-database-idUSKBN1ET1IX
(2) www.antoniogarciamartinez.com
(3) Nur so: www.3sat.de/page/?source=/wissenschaftsdoku/sendungen/180296/index.html
(4) Ach so, und: www.t3n.de/news/intel-sicherheitsluecke-amt-910657/
(5) und dann: www.informationisbeautiful.net/visualizations/worlds-biggest-data-breaches-hacks/

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Kolumne - Fragen Sie Frau Sibylle


insgesamt 26 Beiträge
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Seite 1
gerhard.heinzmann 20.01.2018
1. Griesgrämig
Die Autorin erinnert mich stark an den Journalisten Peter Scholl-Latour der in seinen alten Jahren in jedem Ereignis immer nur noch das Ende der Spaßgesellschaft gesehen hat. Wenn man älter wird und die Welt um sich herum nicht mehr versteht dann sollte man sie besser auch nicht mehr kommentieren; man stellt dadurch nur seine eigene Inkompetenz zur Schau. Früher was alles besser, na klar. Da ist man noch an einer bakteriellen Entzündung gestorben weil es keine Antibiotika gab, von Pest, Lepra und anderen schönen Dingen der Vergangenheit ganz zu schweigen. In meiner Jugend gab es TV und Videorecorder, dann kamen die Playstations und PC's, heute sind es Smartphones. Maschinen nehmen uns zunehmend anstrengende und gefährliche Arbeiten ab; wie schrecklich. Das Ende ist nah. Die Autorin sollte sich zumindest ein warmes Plätzchen am Ofen suchen wenn Sie sich schon keine Insel in Kanada leisten kann und den Lauf der Welt mit großen Augen verfolgen auch wenn sie ihn nicht mehr versteht.
m.p 20.01.2018
2. Das Problem ist nicht die Digitalisierung
Warum sollte es falsch sein, Menschen von Arbeit zu befreien? Das Problem ist nicht die Digitalisierung - das Problem ist allein, dass Kapitalismus nicht mehr funktionieren kann, wenn eine gewisser Automatisierungsgrad überschritten wurde. Das heißt - es bedarf einer neuen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung. Dann wird es Menschen auch sehr gut gehen, ohne dass sie dafür ihre knappe Lebenszeit vermarkten müssten. ... Da hat sich vor Jahren einer bereits einmal Gedanken gemacht, wie eine solche postkapitalistische Gesellschaft aussehen könnte. ;-) https://www.amazon.de/Das-Natürliche-System-R-Evolution-ebook/dp/B00BLMD120
DelegierterNull 20.01.2018
3. Kleingeistig und ängstlich
...was für ein kleingeistiger Text voller Angst und Rückwärtsgewandtheit. Genau diese Meinungsbilder bringen unsere Gesellschaft in Gefahr, weil sie das Gefühl vermitteln es könnte immer so weitergehen. Tut es aber nicht, ansonsten gäbe es keine Züge, Flugzeuge, Fahrzeuge, Computer und Roboter. Wir würden uns keineswegs weiter entwickeln und sicherlich noch mit Pferdekutschen durch die Gegend fahren. Fortschritt lässt sich nicht aufhalten und wer es versucht wird einfach hinfortgespült. Viel hilfreicher ist es doch in einem solchen Text über zukünftige Gesellschaftsmodelle nachzudenken, die es allen Menschen erlauben positiv teilzuhaben am Fortschritt und der Digitalisierung.
marcus-manta 20.01.2018
4. @Mitglieder des Bundestags
.....bitte alle mal diese Kolumne lesen. Und mal das Gehirn einschalten. Und mal das dumpfe 'wir wollen die Digitalisierung voranbringen' sein lassen. Sondern endlich an alternativen Lösungen für die Gesellschaft arbeiten. Dafür werden Sie verd.....t noch mal auch bezahlt. Von den Steuerzahlern. Danke.
dämonstrant 20.01.2018
5. Das Elend der Menschheit begann mit einem angebissenen Apfel...
Das Elend der Menschheit begann mit einem angebissenen Apfel... Heut gilt der Mensch am End, nur noch als Konsument. Bald gibt’s das BGE. Das will nicht der DGB, das will die IHK. Fr… eibier ist für alle da. Dann tragen fast alle Leute ein smartphone als digitale Beute stets brav vor sich her, und der Mensch denkt nicht mehr. Darüber freut sich der „Herr“. Von „Gott Markt“ heißt er drum: „Leb als Mensch dem Konsum!“ Sein Gesetz ist so schlicht, weil bei übermäßigem Verzicht die Weltwirtschaft zusammenbricht.
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