Jimi Bowatski hat sieben Jahre für seinen Chef gebuckelt, hat sich drei- oder viermal die Hand fast abgesägt, hat sich die Schulter zerschlissen - und ist dann entlassen worden. Eine Schweinerei, findet er, eine Schweinerei, die mit einem Schweinebolzenschussgerät bereinigt werden soll.
Sein arbeitsloser Freund Markus hat ihn auf die Idee gebracht, eine Schnapsidee natürlich, entstanden in seiner Stammkneipe Monie's Eck, authentisch geschrieben mit Deppen-Apostroph. "Weisu wenns n Film wär", hat Markus in lallendem Ruhrpott-Deutsch erklärt, wenn es also ein Film wäre, Jimis Leben, dann "gehssu dein Scheff un knallsn ma or'ndlichermaßn die Meinung vors Zelt. Ich würd sa'n dudu gehssu dein Scheff un sachsu ihm: Scheff, ich willmein Pos'n zurück, mein Schob. Un wennich, binnich gezwung' Ihnen die Freude Amlehm sunehm". Kurz und klar: Nimmt er dir deinen Job, nimm du ihm seine Freude am Leben. "Rasional'siern hinoderher, sachsu ihm, da is immer einer, der was wechgenomm kriecht. Die Freude Amlehm unso".
Tragikomisches Arbeitslosenabenteuer
Natürlich war Jimis Job nicht seine Freude am Leben, weshalb der Vergleich hinkt, natürlich ist Jimis Leben auch kein Film, weshalb die Idee ja auch eine Schnapsidee ist. Aber: Das weiß Jimi beides nicht immer so genau. Schließlich heißt er eigentlich Jochen und nennt sich nur Jimi, weil alle großen Jimi hießen: "Hendrix. Dean. Morisson." Nun ja. Wieder nüchtern, schnappt Jimi sich ein Schweinebolzenschussgerät und fährt mit Markus zur Villa des Chefs. Das Ziel: Bossnapping. Ein tragikomisches Arbeitslosenabenteuer beginnt.
Ausgedacht hat es sich Dirk Laucke, 30, der sich einen Namen gemacht hat mit Stücken über Verlierertypen, bevorzugt aus der ostdeutschen Provinz. Dieses Mal hat er sich Verlierern im Ruhrpott gewidmet, als Auftragsarbeit des Schauspielhauses Bochum, an dem die junge Christina Pfrötschner sein Stück am 3. Februar uraufführt. Es ist ihre erste eigene Regiearbeit, und Laucke liefert ihr dafür eine hochkomische und temporeiche Vorlage, die sich verwandeln lassen sollte.
Den Menschen aufs Maul geschaut
Das Stück hat zwei große Qualitäten. Erstens: Laucke ist kein Salonakademiker, der aus sicherer Distanz über die Unterschicht schreibt, er ist bekannt dafür, seine Stücke akribisch zu recherchieren und seine Stoffe aus realen Begegnungen zu schöpfen. Seine Figuren reden wie Menschen auf der Straße, weil er diesen Menschen auf der Straße genau zuhört, ihnen aufs Maul schaut. So entsteht ein semiauthentischer Kunstton aus schroffen und scharfen, derben und direkten Dialogsätzen, für den er bereits mit dem Kleistförderpreis, dem Förderpreis zum Lessingpreis, dem Dramatikerpreis des Kulturkreises der Deutschen Wirtschaft und dem Georg-Kaiser-Förderpreis ausgezeichnet wurde; hinzu kamen zwei Einladungen zu den Mülheimer Theatertagen. Ziemlich viel Ehre für einen 30-Jährigen. Auch "Jimi Bowatski hat kein Schamgefühl" lebt von Lauckes lebendigem Ton. Er trägt dazu bei, Szenen voll filmischer Dynamik zu erzeugen, wie sie selten in Theaterstücken zu finden sind.
Die zweite große Qualität des Stückes: Laucke ist kein Haudrauf-Linker wie etwa der Regisseur Volker Lösch, er macht aus seiner Grundidee, was nahe liegend gewesen wäre, kein Rächerepos eines kleinen ehrlichen Arbeiters gegen einen großen bösen Kapitalisten, er schreibt keinen Beitrag zum Klassenkampf des letzten Jahrhunderts. Nein, Laucke schreibt über einen Kampf, der schon verloren ist, als er beginnt, über einen Kampf ohne Gegner. Ihm gelingt es, in einem unterhaltsam-rasanten Plot voller Wendungen eine grundsätzliche Frage offenzuhalten: Was macht die Arbeit im Kapitalismus mit den Menschen, mit den armen wie mit den reichen?
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