Von Lowtzow und Pollesch Walverwandtschaften

Oper? Nun ja. Gentrifizierungsrevue? I wo! Großer Theaterspaß? Aber hallo! An der Berliner Volksbühne hat "Von einem der auszog, weil er sich die Miete nicht mehr leisten konnte" von René Pollesch und Dirk von Lowtzow Premiere gefeiert.

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"Von einem der auszog...": Bezaubert vom begehbaren Wal
LSD-Berlin/ Lenore Blievernicht

"Von einem der auszog...": Bezaubert vom begehbaren Wal


Ach, was man sich nicht alles so einredet über die anderen! Da verbringt man zehn Jahre damit, all die traumschönen Vorstellungen unverrottbar einzuwecken, das Bild, das man sich vom abwesenden anderen gemacht hat, mit immer neuen Glanzlackschichten zu überziehen - dann ein zufälliges Wiedersehen nach all der Zeit, und alles ist verdorben. Mit den zerdepperten Ideen vom anderen schnurzelt gleich auch die mühsam aufgepumpte Erzählung der eigenen Biografie zur Hutzelrosine zusammen. Und plötzlich bemerkt man, dass das unendliche Meer, in dem sich die funkelnden Sterne spiegeln, nur eine Lache ist, die billiges Lametta reflektiert.

Die Idee von sich selbst, die Idee vom anderen und all die Malaisen, die sich drumherum so auftun, darum geht es (sehr grob) in "Von einem der auszog weil er sich die Miete nicht mehr leisten konnte", der gemeinsamen Oper von René Pollesch und Tocotronic-Sänger und -Gitarrist Dirk von Lowtzow. "Als ich dich wieder sah, ist meine Realität kollabiert", sagt Lilith Stangenberg und spannt dabei einen Flitzebogen zwischen nagetierhaftem YouTube-Beautytutorial-Stimmchen und ernüchtertem Diskursbeitrag, gleichzeit tüllig-bauschig und mit scharfem Skalpell: "Ich bin meinem fantasmatischen Objekt zu nahe gekommen".

Die olle Subjektivität mal wieder, die nicht behaglich in einem inneren Tabernakel schlummert, sondern immer ausgelagert ist: in die Dinge um uns herum, oder eben in den anderen. Nachzuschlagen wie immer bei Jacques Lacan, Slavoj Žižek und in diversen anderen zitierten Quellen, etwa der Tierfreundschaftssage "Cap und Capper" oder dem Google-Geschäftsbericht.

Eine extra große Fruchtblase

Allen Pollesch-Ungeübten, die aufgrund des Operntitels eine lustige Gentrifizierungsrevue live aus dem Schufa-Palast (featuring den Chor der Staffelmieten-Versehrten und Backshop-Partisanen) erwarteten, muss man sagen: Pech! Um Mietbremse und Airbnb-Besetzer geht es in "Von einem der auszog, weil er sich die Miete nicht mehr leisten konnte" nur ein paar Minütchen, in einem klamaukigen Kleinstdramolett-Einschub.

Statt Miethaien bietet die Inszenierung dafür einen kapitalen, begehbaren Killerwal auf. Bühnenbildner Bert Neumann hat in seine schwarze Lamettaunterwelt ein großartiges mächtiges Tier gesetzt, das sachte immer ein gutes Stück über dem Bühnenboden schwebt und in dessen Innerem neben Lilith Stangenberg die weiteren Pollesch-Stammdiskursler Martin Wuttke und Franz Beil trudeln wie in einer Raumsonde oder extra großen Fruchtblase, wo sie ihrer zweiten Geburt harren wie seinerzeit der biblische Jona. Zusammengeknäuelt als Walverwandtschaft, die einander nahe ist, ohne sich wirklich wahrhaftig zu kennen. Oder, wie es in einem von Lowtzows Opernlieder heißt: "Ich klebe an dir / wie eine Zecke an einem Tier". Und weiter: "Wir haben nie gelebt / doch sind wir miteinander veklebt."

Die Themen, die das Schauspieler-Trio aneinander hinspricht, sind polleschig wie immer: Wie viel unserer Subjektivität quetschen wir aus dem Partner? Und war unser Leben nicht schöner, als wir noch als selbstgenügsame Amöben in der Ursuppe dümpelten? Bevor der ganze hassle mit Selbstfindung und -erfindung anfing, die Aufpuschelung dessen, was wir für unseren ureigensten Charakter halten, die umständliche Ziselierung unserer eigenen Story.

Kein schwitziges Brainstorming

Wie verändert nun die Lowtzowsche Musik, arrangiert und für das Filmorchester Babelsberg orchestriert von Thomas Meadowcroft, die Wirkung der Worte? Musik vom Band gab es bei Pollesch schon oft, Lieder der Beastie Boys oder von Tocotronic, damals, in seinem Erfolgsstück "Stadt als Beute". Lowtzows Kompositionen für "Von einem der auszog" sind schmiegsam-schwelgerischer Pop, die Texte, gesungen vor allem von Stangenberg und Wuttke, würden problemlos auch im Tocotronic-Kontext funktionieren.

Musik und gesprochene Texte entstanden bewusst neben- und nacheinander, als Aktion und Reaktion: Weil beide Beteiligten die typische Kreativenfolklore, das schwitzige Brainstormen und nächtliche Kompromissverhandlungen verabscheuen, hielten sie es bei der Entwicklung ihrer Oper so: Lowtzow komponierte und textete die Musik, Pollesch reagierte darauf.

Als Zuschauerin kann man sich nun aussuchen, ob man die Verse der Lieder als lyrischen Haupttext lesen möchte, zu dem die gesprochenen Pollesch-Passagen als Erläuterungen und Materialien funktionieren, wie diese schmalen Heftchen, die man als ambitionierter Eierkopf damals zu den Dramen im Deutschunterricht las und die den soziologisch-philosophischen Kontext lieferten.

Oder doch lieber umgekehrt die Lieder als unmittelbar verständliche Zusammenfassungen für Polleschs Diskursslalom sehen, bei dem das träge Hirn von jeher ab und zu aus der Spur getragen wird, die besser zu verarbeiten sind, wenn dazwischen der Rundfunk-Kinderchor Berlin mit Lillith Stangenberg "Ich kann die Kämpfe nachvollziehn / Ich brauche Tulpen und Benzin" oder "Werden wir jemals zufrieden sein? Nein, nein, nein!" singt?

Ob all das zusammen nun wirklich eine Oper ist, fragt am Ende nur ein Erbsenzähler, dem die Hülsenfrüchte ausgegangen sind. Immerhin unterstreichen die Schauspieler ihre Sätze mit genretypischem Fliegenfänger-Gefuchtel, und der junge Bariton Martin Gerke tritt auf, das muss genügen. Als Theaterstück mit ausgedehnter Musikbegleitung oder Konzert mit längeren Sprechpassagen funktioniert "Von einem der auszog, weil er sich die Miete nicht mehr leisten konnte" ganz wunderbar wie das offene Buch, von dem im Lied "Jungfernfahrt" die Rede ist. Jeder kann sich daraus die Seiten rausreißen, die er brauchen kann.

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