Dirndl, Janker, Sepplhosen Eintracht Deutschland

Ja, servus! Nicht nur auf dem Münchner Oktoberfest schunkeln die Deutschen in Dirndl und Lederhosen. Auch in Berlin, Köln oder Hamburg wollen die Leute plötzlich "feiern wie die Bayern" - und das in zünftiger Tracht. Nun hat sich eine Wissenschaftlerin des Trends angenommen.

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In den Münchner Einkaufsstraßen geht es dieser Tage drunter und drüber. Die Bayern sind ausgeschwärmt, um das perfekte Outfit für das Oktoberfest zu erhaschen - Modehäuser befinden sich fast schon im Ausnahmezustand. Das weltberühmte Bierfest feiert sein 200. Jubiläum, da will man in einer ordentlichen Tracht über die Wiesn flanieren.

Doch nicht nur die Münchner kaufen fleißig Dirndl und Lederhosen - was früher den eingefleischten Bayern vorbehalten war, findet immer stärkere Verbreitung im ganzen Land. Modehäuser in allen Teilen Deutschlands bieten zur Wiesn-Zeit eine Auswahl an Trachtenmode, so dass die Trachten- und Landhausbranche jedes Jahr größere Umsatzsteigerungen verzeichnet.

Sogar Wissenschaftler treibt das Thema inzwischen um. Simone Egger, Ethnologin an der Ludwig-Maximilians-Universität München, beschäftigt sich seit mehreren Jahren mit dem "Phänomen Wiesntracht". Sie hat beobachtet, wie sich Dirndl und Lederhosen vom Mode- zum Gruppenphänomen entwickelt haben.

Angefangen hat der Trend der Expertin zufolge schon vor etwa zehn Jahren. Da hingen in Münchner Second-Hand-Läden plötzlich Lodenjanker und Lederhosen. Junge Bayern kamen wieder auf den Geschmack. Die Münchner Modedesignerin Lola Paltinger schnappte den Trend schnell auf und machte mit modernen, aber kostspieligen Kreationen das Dirndl zum Fashion-Objekt. Üppiger, ausgeflippter und vor allem kürzer musste es sein: Das so genannte Mini-Dirndl ist heute der Verkaufsschlager der Trachtenbranche.

Mit Promi-Unterstützung zum Modesymbol

Kein Wunder - das knappe Kleidchen bekam jede Menge prominente Unterstützung. Auf Dirndl-Modenschauen wie in der Münchner Promi-Disko P1 hüpfen junge Mädchen in kurzen, knallbunten Trachten-Kleidchen über Laufstege oder präsentieren die angesagtesten Dirndl-Dessous. Berühmtheiten wie Paris Hilton oder die mexikanische Schauspielerin Salma Hayek zeigen sich im Bayern-Look. Und auch den Lederhosen wird ausgeholfen: Zum Beispiel von der Chiemseer Blasmusikpopkapelle LaBrassBanda, die mit ihrem Trachten-Style deutschlandweite Erfolge feiert.

Doch Simone Egger ist sich sicher: "Eine Inszenierung funktioniert nicht ohne etwas dahinter." Einerseits habe der Promi-Hype den Trend zwar unterstützt, aber das Gemeinschaftsgefühl beim Tragen von Dirndl oder Lederhosen sei nicht zu unterschätzen. Allein gemeinsam mit den Freundinnen zum Dirndl-Shopping zu gehen, ist eben schon ein Erlebnis, das verbindet.

Mode- und Gruppensymbol seien beim Trachtenphänomen dennoch nicht komplett voneinander zu trennen. "Mit dem Tragen der Tracht verortet man sich mit einer Stadt, einer Region oder seinem Freundeskreis. Man kennzeichnet sich als Gruppenmitglied", erklärt die Wissenschaftlerin. Andererseits überbieten sich die Designer gegenseitig mit Extravaganzen und erweitern das Angebot, so dass für jeden etwas dabei ist: "Was zu Beginn dieser Trachten-Welle noch etwas Besonderes war, ist mittlerweile Standard."

Neue, kleine Labels haben sich auf Trachten spezialisiert: Eines davon ist Kaisergwand aus München. Besitzer Peter M. Kaiser bekommt Anfragen aus ganz Deutschland. "Die Tracht ist einfach am boomen", schwärmt er, "Mit Dirndl oder Lederhosen ist man halt immer gut angezogen - sie sind mittlerweile ein Mode-Must-Have." Auch Axel Munz, Geschäftsführer von Angermaier Trachtenmoden in München, freut sich, dass die Tracht auch außerhalb Bayerns immer mehr Wertschätzung genießt. Er war es, der zur Fußballweltmeisterschaft Fußballdirndl im Angebot hatte und kürzlich die neuen Lederhosen für Frauen vorstellte - in knallrot, grün, blau oder lila. Entscheidend sei für ihn, dass sich durch das Tragen von Tracht ein Zusammengehörigkeitsgefühl entwickelt.

"Höhepunkt des Booms"

Die Nachfrage ist so groß, dass sogar Billigdiscounter und Modehausketten ins Trachtengeschäft einsteigen. Sie bieten eine preiswerte Alternative zu exklusiven Designerstücken, was wiederum zu einer größeren Nachfrage aus den Regionen führt, in denen Dirndl und Lederhosen auf Mottopartys getragen werden. "In den letzten Jahren gab es eine vermehrte Nachfrage in Berlin, Köln und Hamburg, weil auch dort spezielle Wiesn-Partys veranstaltet werden, bei denen es einen Dresscode gibt", erzählt Julia Ley von C&A Deutschland. Tatsächlich finden im ganzen Land Oktoberfest-Imitate statt. Besonders beliebt ist das Nachahmen der bayerischen Tradition im Rheinland, aber auch im Norden wird immer häufiger zum "Feiern wie die Bayern" aufgerufen.

Die ständige Medienpräsenz des Münchner Oktoberfests sei es gewesen, die das Interesse dort geweckt hat. Den Nichtbayern geht es also eher ums gemeinsame Feiern als um die Kultur des Freistaats. Frank Klüter, Mitveranstalter des Oktoberfests in Hamburg-Wandsbek, vergleicht das nachgemachte Bierfest gar mit einer Schlagerparty: Genau wie man sich da in Fummel aus den siebziger Jahren schmeiße, trage man beim imitierten Oktoberfest eben Tracht. Viele leihen sich ihm zufolge ihr Outfit beim Kostümverleih.

So ganz kann sich Simone Egger diese Nachahmungsfreude auch nicht erklären - Gemeinschaftsgefühl hin oder her. Es muss wohl an der Beliebtheit der Stadt München liegen: "Heutzutage sind für die Menschen Städte und Regionen wichtig, die sich durch Charakteristika auszeichnen. München hat wieder Oberwasser." Es gebe viele Exil-Münchner, die ihre Bräuche in die neue Heimat tragen, und umgekehrt sorgt die hohe Zuwanderungsrate der Stadt dafür, dass Menschen aus allen Teilen Deutschlands und der Welt mit der Trachten-Tradition in Berührung kommen.

Manchen Trachtenmode-Verkäufern macht die Popularität trotz der erfreulichen Umsatzzahlen Sorgen. Claus Hammerschmid aus Marquartstein fürchtet eine Überflutung des Marktes durch Billiganbieter: "Irgendwann ist der Markt gesättigt. Dann kann das für Leute zum Problem werden, die ausschließlich vom Trachtengeschäft leben." Er sieht den Aufschwung von Dirndl und Lederhosen ganz klar als Modetrend. "Gerade befinden wir uns auf dem Höhepunkt des Booms", prophezeit er, "Für viele ist die Tracht aber nur eine Art Verkleidung. Deswegen denke ich, dass die Erfolgswelle langsam wieder abebben wird."

Die Forschungsergebnisse von Simone Egger könnten zumindest Hammerschmid beruhigen: Das Trachten-Theater nimmt vorerst kein Ende. Die neuen, ausgeflippten Varianten der Tracht sind mehr als Weiterentwicklung denn als Modeerscheinung zu betrachten. Diese Neuerfindung des Traditionellen war wichtig, um überhaupt das Interesse junger Leute zu wecken. Auch die Ethnologin hatte zunächst angenommen, dass der Boom nach ein paar Jahren wieder vorüber sein wird. Und obwohl auch Egger keine definitive Erklärung für den plötzlichen Hype hat, ist ihr klar: "Eine Mode wäre nach ein paar Jahren vorbei gewesen. Da muss mehr dahinterstecken als nur ein Trend."



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Mannskerl 19.09.2010
1. Heimatsimulation Heimatloser
Naja, das ist eine Art Simulation von Bodenständigkeit, im Sinne einer Selbstvergewisserung, zu einer diffus formulierten Gruppe "traditionelles Deutschland" dazu zu gehören. Natürlich lachhaft, denn die Leute, die das Geld haben, selbiges auf dem Oktoberfest zu versaufen, haben auch das Geld, zum "internationalen Jetset" zu gehören. Mutet etwas "reaktionär" an. So ähnlich wie "Du bist Deutschland" oder irgendein überregionales Fußball-Event.
Resident.Rhodan, 19.09.2010
2. titellos
Es gibt übrigens seit längerem auch den Trend, dass die Leute im Sommer bei gutem Wetter alle baden wollen. Sollte auch mal untersucht werden...
Jan B. 19.09.2010
3. ...
Wissenschaftliche Erforschung der Gründe, warum menschen Trachten tragen? Joa....wers braucht
Beduine, 19.09.2010
4. Endlich wieder Wiesn!!!
Wiesn macht in Lederhosn zehnmal so viel Spaß. Man ist kein Gast mehr auf der Wiesn, man wird Teil der Wiesn. Und textsicher muss man natürlich auch sein. Und Finger weg von den Damen, wenn sie an ihrer Schürze den Anstich rechts tragen. Oans zwoa Gsuffa!!!!
Coz, 19.09.2010
5. antworten
Wie sagte Sepp Daxenberger, als er darauf angesprochen wurde, warum er auf der Wiesn keine Tracht trägt: "Die passt nicht hierher" Mit Tracht hat das, was auf der Wiesn getragen wird, meistens wenig zu tun. Eher ist es ein Karnevalskostüm. Die Bayern sollten aufpassen, dass die eher kulturlosen Restdeutschen ihre Traditionen nicht kaputtmachen. Wobei der preußelnde Lederhosenträger schon fast amüsant ist in seinem verzweifelten Versuch, sein Schicksal als Nichtbayer zu ertragen.
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