"Dirty Dancing"-Parodie Biedermann tanzt den Trashdance

"Dirty Dancing"-Fans müssen jetzt ganz stark sein: Denn für seine Serie "Funny Movies" hat ProSieben den Tanz-Klassiker in ein plumpes Trash-Format namens "Dörte's Dancing" verwandelt. Wer lacht eigentlich noch bei lahmen Witzen über Rosetten-Rumba und Anal-Alphabeten?


Eigentlich möchte man es für eine dankbare Aufgabe halten, "Dirty Dancing" zu parodieren. Der Blockbuster mit Jennifer Grey und Patrick Swayze, der in den späten Achtzigern einen Mambo-Boom auslöste, ist schließlich immer noch als Bühnen-Musical präsent und bietet mehr als genügend Ansatzpunkte. Allein der Titel der Klischee-Romanze zwischen einer naiven Arzttochter und einem Ferien-Ressort-Animateur lässt einen sofort an zeittypische Föhnfrisuren, überchoreografierte Tanzszenen und legendäre Oneliner denken ("Ich habe eine Wassermelone getragen"). Leichtes Spiel für die Akteure also?

Leider nein. Dass eine bissige Parodie auch bei bestem Ausgangsmaterial kein Selbstgänger ist, beweist Pro Sieben heute Abend mit dem Streifen "Dörte's Dancing". Der Auftaktfilm zur vierteiligen "großen Film-Verarsche" (Eigenwerbung) "Funny Movie" ist so zutiefst unwitzig, dass es wehtut.

Die Produktion aus dem Hause Rat Pack, das schon das plumpe Trash-Format "Märchenstunde" herstellte, bringt den Zuschauer nicht mal in die Nähe eines Schmunzelns – sondern erzeugt ein Gefühl dumpfer Ratlosigkeit.

Die Story von Drehbuchautor Tommy Krappweis schickt Pop-Sternchen Jeanette Biedermann als unglücklich liierte Chemielaborantin Dörte mit ihrem bebrillten Schlaffi-Freund Jens (Sven Waasner) in den Urlaub nach Virginia – an den Drehort des von ihr verehrten "Dirty Dancing". Dort endet die Fahrt mit dem Mietwagen rasch an einem Baum, und Dörte erwacht in jenem Ferienpark, in dem im Original "Baby" Jennifer Grey mit ihren Eltern die Sommerfrische verbrachte. Fortan durchlebt sie mehr oder weniger synchron die Filmhandlung; Zweifel an der Realität des Geschehens redet sie sich beherzt aus: "Wenn ich im Koma bin, muss ich nur abwarten, bis ich wieder aufwache."

So ähnlich verhält es sich auch mit dem Zuschauer, der in eine Art lähmende Schreckstarre fällt.

Zwar dauert "Dörte’s Dancing" ohne Werbung dankenswerterweise nur 70 Minuten, zieht sich aber: Kaum hat sich das Entsetzen über die erbärmlich chargierende Allzweck-Moderatorin Sonya Kraus als Biedermanns Mutter gelegt, gilt es zu verkraften, wie Dörtes Freund sich nach dem Unfall durch Gothic-Schlösser und HipHop-Höhlen schlägt, weil quasi im Vorbeigehen noch die "Rocky Horror Picture Show" und "8 Mile" persifliert werden sollen.

Manta statt Chevrolet

Fast verzweifelt wirkt es, wie Regisseur Andi Niessner mit fortwährendem Brachial-Slapstick Pointen zu erzeugen versucht: Da werden Leute aus Versehen mit Golfschläger-Taschen niedergerammt, überhaupt geht ständig jemand zu Boden; die Swayze-Figur, hier Jimmy (Tom Beck) genannt, spricht Bayerisch und fährt statt eines Chevrolets einen Fuchsschwanz-verzierten Manta. Und dann taucht auch noch Oli Petszokat als hyperventilierender Nebenbuhler Neil Killerman auf, der in seinem Kühlschrank Eigenurin und Sperma lagert und von "Rosetten-Rumba" faselt – eine üble Beschäftigungsmaßnahme fürs Pro-Sieben-Hauspersonal.

Passend zur inszenatorischen und schauspielerischen Qualität bewegen sich die Dialoge auf ungelenk-pubertärem Zoten-Niveau: Dörtes hüftsteifer Brillenfreund, inzwischen ebenfalls vor Ort, schimpft den Swayze-Verschnitt einen "Anal-Alphabeten" und fordert ihn auf, seine "ungewaschenen Witwentröstergriffel" von seiner Freundin zu lassen.

Sonya Kraus klagt beim Golfen: "Ich glaube, zwischen dem ersten und dem zweiten Loch hat mich was gestochen", und ihr Film-Mann antwortet: "Ich hab’ doch gesagt, du sollst dich nicht immer so breitbeinig hinstellen."

In derartiger Trash-Atmosphäre können nicht mal die kitschigen Tanz- und Musikeinlagen des Originals in Lacher umgemünzt werden: Szenen wie das Schleppen phallischer Riesenmelonen, das Tanztraining auf einer Brücke und auf einem Baumstamm und die Hebefigur im Wasser werden entweder schlicht nachgespielt oder in grelle Travestien umgewandelt. Bis schließlich alle "(I've had) The time of my life" anstimmen, müssen überdies noch die "Blues Brothers" und "Pulp Fiction" dran glauben.

Für die nächsten Wochen hat ProSieben den Gruselklamauk "H3 – Halloween Horror Hostel" (mit unter anderem Christian Tramitz und Mike Krüger), die Teenkomödien-Veralberung "Eine wie keiner" (mit Josefine Preuß) und die Western-Parodie "Spiel mir das Lied und du bist tot" (mit Katy Karrenbauer und Ralf Richter) angekündigt.

Wenn der Eindruck der Auftaktfolge nicht täuscht, heißt es, sich weiter auf totale Regression einzustellen – Irrwitz für Unterstufler nach dem Vorbild von Kalkofes Kino-"Wixxer". Schon oft ist der Münchner Sender zurecht für seine Formattreue gelobt worden ("Stromberg", "Dr. Psycho") – im Fall der Rat-Pack-Zitateverwurstung aber geht das beim besten Willen nicht.


"Dörte’s Dancing", heute, 20.15 Uhr, Pro Sieben



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