Diskriminierende Sprache Lob des alten weißen Mannes

Wenn es sich linke Empörte leicht machen wollen, schimpfen sie auf den alten weißen Mann. Aber wen meinen sie damit genau?

Leonard Cohen
Neal Preston/ Reel Art Press

Leonard Cohen

Eine Kolumne von


Da sitzt er, der alte weiße Mann und weiß nicht, was auf einmal los ist. Jetzt ist er also schuld. Na super! Er - das ist das Synonym für die Gruppe von Menschen, die die Welt ruiniert hat. Er ist der Waffenlobbyist, der Frauenverachter, der Vorstandsvorsitzende, der Politiker, die Dumpfbacke und Nestlé in Personalunion.

Er verkörpert alles, was die, zu denen er sich eigentlich gehörig fühlte, verachten. Sie wissen schon, die coolen tätowierten Umweltschützer, die jungen Frauen, die die Nasa hacken. Die verachten ihn plötzlich.

So sehr ich den Hang zur Vereinfachung verstehe - man könnte sagen: Ich habe ihn erfunden - tut es mir jedes Mal weh, wenn ich vom alten weißen Mann lese. Ich kenne zu viele von ihnen. Zu viele Männer über 40, die ratlos in ihren Küchen sitzen, auf die Wand starren und sich alles anders vorgestellt hatten.

Sie waren gestern zu Bett gegangen, nach einer Nacht voller Drogen, lauter Musik und lustigem Quatsch, den sie geredet hatten. Plänen, die sie erörtert hatten, von Hanfplantagen in Guatemala, ihrer Band, die sicher bald groß rauskommen würde. Sie hatten von den Filmen, die sie machen wollten, den Büchern, der großen Kunst geträumt. Und waren davon überzeugt gewesen, dass sich da bald etwas ergeben würde. Die Welt, die nur dadurch existierte, dass sie sie durch ihre Augen wahrnahm, würde sie entdecken. For sure.

Worüber mit dem Kind reden?

Sie haben sich also zu Bett begeben, wie immer, ohne sich zu waschen und ohne die Lederhose auszuziehen. Das war nicht schlimm, wenn man jung ist, riecht das nicht schlimm, und es sieht reizend aus. Und dann waren sie aufgewacht, vorhin, und irgendjemand hatte ihnen ihre Jugend gestohlen. Sie riechen nicht mehr gut, die Haare sind dünn geworden, und viele Buddys sind gestorben.

Sie hatten was mit dem Herz, den Drogen, einen Unfall, einen Krebs, und waren nicht mal 50 geworden, und was ist das da im Spiegel? Das ist wirklich kein junger Mensch mehr. Das ist ein alter weißer Mann, und was gerade noch möglich war, geht nicht mehr. Billig wohnen, auf dem Boden schlafen, irgendwie bei Konzerten jobben, das machen jetzt die anderen. Die Jungen.

Und der alte weiße Mann trifft die, die noch leben, und die gerade mit ihm in einer Bar gestanden waren, und die haben Glatzen und Bäuche, und die Frau ist weg, das Kind sehen sie alle zwei Wochen, das ist in der Pubertät, und der Mann mit dem Bauch weiß nicht, was er mit dem Kind reden soll. Eltern sind doch nicht dazu da, um mit Kindern zu reden. Sie sollten sie beim Wachsen beobachten und füttern und blöde Witze vor dem Einschlafen machen, aber so - was redet man mit einem fremden jungen Menschen.

Und die anderen, die noch bei ihrer Frau wohnen, und die heißt immer Beate, haben einen müden Zug um den Mund, sie machen drei Jobs, und es langt immer noch nicht, für nichts langt es. In der Wohnung ist Schimmel, und sie haben trotzdem Angst, dass sie bald rausgeschmissen werden.

Die Reizenden, die Erfreulichen

Eine der nervigen Spießigkeiten jener, die sich im Recht glauben, und das tun eigentlich alle Menschen, ist die Verallgemeinerung und die Abwertung von Menschengruppen, zu denen sie sich nicht zugehörig wähnen. Der "alte weiße Mann" ist Sammelbegriff für das Böse der Welt geworden. Als gäbe es keine alten schwarzen Diktatoren, junge weiße Faschisten, dumpfe weiße Frauen. Natürlich leuchtet die Metapher ein, wenn man rudelweise hellhäutige Ü-40-Vorstandsvorsitzende oder Heimatminister sieht, aber alte weiße Männer sind eben einfach nur keine jungen Menschen mehr.

So what, das passiert schon mal, wenn man die Jugend überlebt. Alte weiße Männer sind Leonard Cohen gewesen und Stephen Hawking, sie sind die Väter und Brüder, die müde gewordenen Rockstars und Künstler, die Gescheiterten, die Reizenden, die Erfreulichen, die Seenotretter und Ärzte, die Kindergärtner und Kranken, die Feuerwehrmänner und Schauspieler. Man kann doch nicht für eine Gleichberechtigung sein und verbal einen großen Teil der Bevölkerung davon ausnehmen.

Um sie nicht weiterhin mit Bullshit zu kränken, empfehle ich allen, die es sich ein wenig zu einfach gemacht haben, ein neues Framing zu entwickeln. Irgendetwas präziseres. Machtgeile Faschisten, emotional unterentwickelte Egomanen. Verhaltensauffällige Auf-die-Welt-Scheißer. Mit dieser kleinen Denkaufgabe verabschiede ich mich in ein beschauliches Wochenende.

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Kolumne - Fragen Sie Frau Sibylle


insgesamt 103 Beiträge
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Seite 1
Das Pferd 18.08.2018
1.
Huch, Frau Berg, alles noch in Ordnung? Menschen nicht mehr wegen Gruppenzugehörigkeit diffamieren? Wollen Sie sich den Spaß nehmen, auf eine Gruppe einzudreschen? Wozu ist man denn Teil einer Bewegung? Nur noch konkrete Kritik an konkreten Handlungen? Na gut, die Vorstandsvorsitzenden haben Sie sich offen gelassen, einfach wegen der Gruppe, nicht wegen konkreter Handlungen, so ein Wenig alte Frau Sybille blitzt noch durch. Ihre drei Vorschläge sind übrigens durchgefallen, schon weil es sich nicht um Eigenbezeichnungen von Gruppen handelt. Warum brauchen Sie überhaupt eine definierte Gruppe, der Sie sich als Mitglied einer anderen überlegen fühlen? Sie sind klug genug zu wissen, daß das Chauvinismus in seiner ursprünglichen Bedeutung ist. Kann man nicht konkrete Handlungen und Meinungen kritisieren? Ich der Ersten Hälfte der Kolumne haben Sie doch gezeigt, daß Sie konkrete Menschen zur Kenntnis nehmen. Warum suchen Sie neue Gruppen, um sie mit neuen Chauvinismen zu überziehen? Die zu verachtenden Gruppen sich selbst zu definieren, ist übrigens tiefe DDR-Ideologie. Ich dachte, Sie sind weiter.
mayazi 18.08.2018
2. Vorschlag:
Trumps.
TLB 18.08.2018
3. die Selbstkritik...
..oder ist es ein Lob? dass sei die Vereinfachung ja praktisch selber erfunden hätten, lese ich mit höchster Verwunderung. Trifft aber zu. Und nun wollen Sie auf einmal irgendwie differenzierter vorurteilen? Ach nee, sollen ja nur die anderen! Na dann bleibt Ihre Welt ja in ihren Grundfesten bestehen
Achmuth_I 18.08.2018
4. Ziehdenhut
Danke!
pecos 18.08.2018
5. Ich hätte kaum gedacht, dass ich …
… einen Betrag von Frau Berg einmal als klug reflektiert empfinde. Wahrscheinlich, weil ich selbst ein alter weisse Mann bin. Obwohl, manchmal eher beige oder schweinchenrosa. Vielen Dank für den Beitrag, der diese schwarz-weiss-Dichotomien as absurdum führt. Obwohl, eine Bemerkung kann ich mir nicht verkneifen. Warum müsssen es „Machtgeile Faschisten, emotional unterentwickelte Egomanen. Verhaltensauffällige Auf-die-Welt-Scheißer“ sein – angesichts der Faschistinnen Le Pen, Weidel, von Storch etc., der emotional unterentwickelten Egomaninnen und all der verhaltensauffälligen Auf-die-Welt-Scheisserinnen ist das fast schon frauenfeindlich, wenn man hier nur wieder von bösen Männern schreibt. Schade, Frau Berg, fast hätte ich Ihnen geglaubt. Ein beschauliches Wochenende wünsche ich Ihnen.
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