Kultursparpläne: Das Elend mit den Kürzungen

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In Holland haben die Politiker der Mitte-Rechts-Regierung ihre rigorosen Kultursparpläne durchgesetzt, in Deutschland schlagen vier Autoren in einem Buch vor, einfach mal die Hälfte aller Theater und Museen zu schließen. Was ist da los? Das Deutsche Theater Berlin veranstaltet eine Diskussion zum Thema.

Kultursparpläne: Ebbe und Flut Fotos
Leo van Velzen

Wenn Holland in Not ist, ist die Gefahr für Deutschland nicht weit. Wer bei der Diskussion über steigende Meeresspiegel darauf verweist, dass beim nordwestlichen Nachbarn bereits mit schwimmenden Häusern experimentiert wird, meint eigentlich: Dauert bei uns auch nicht mehr lang.

So ist es auch jetzt. Holland wird allerdings gerade nicht von einer Flut bedroht, sondern von einer andauernden Dürre: Im September vergangenen Jahres hat die rechtskonservative Regierung drastische Sparmaßnahmen im Kulturbereich beschlossen. Schon im Sommer zuvor, als die vage Hoffnung bestand, da sei noch was zu retten oder zu verhindern, hatten deutsche Theatermacher in einem offenen Brief an den holländischen Kulturstaatssekretär Halbe Zijlstra dagegen protestiert. Zum einen natürlich aus Solidarität, zum anderen aber sicher auch aus der Angst heraus, das Beispiel könnte Schule machen.

Der Schlag kam schneller als erwartet: Am Montag vergangener Woche veröffentlichte der SPIEGEL einen Vorabdruck aus dem Buch "Der Kulturinfarkt", in dem vier Herren aus dem Kulturbetrieb behaupten, in der deutschen Kulturlandschaft gebe es "von allem zu viel und überall das Gleiche", und polemisch vorschlagen, die Hälfte aller Kultureinrichtungen wie Theater, Opern und Museen zu schließen. Das gesparte Geld solle umverteilt werden, zum Beispiel an Laiengruppen.

Erwartungsgemäß setzte in den darauffolgenden Tagen in den deutschsprachigen Feuilletons und Kultursendungen eine heftige Debatte zu dem Thema ein, in die sich nun auch das Deutsche Theater Berlin einschaltet: Eine Podiumsdiskussion, die am kommenden Freitagabend unter dem Titel "Holland in Not" noch einmal die Solidarität mit den Kulturschaffenden nebenan bekunden sollte, trägt jetzt den Titel "Alles für die Hälfte" und bezieht auch die aktuelle deutsche Debatte mit ein. Auf dem Podium sitzt neben den holländischen Regisseuren Johan Simons, seit 2010 Leiter der Münchner Kammerspiele, und Alize Zandwijk, Chefin des Ro Theaters in Rotterdam, auch Jörg Vorhaben, Holland-Experte und Chefdramaturg in Oldenburg, sowie Ulrich Khuon, Intendant des Deutschen Theaters Berlin, der einer der Unterzeichner des Brandbriefs an Hollands Kulturstaatssekretär im vergangenen Sommer war.

"Europa ist mehr als ein zerbrechliches Gefäß für den Euro"

"Das Gedankengut ist in beiden Fällen das gleiche", sagt Khuon, "man will aus Künstlern Unternehmer machen." Politiker und Kulturbeamte neigten dazu, den Wert von Kultur in Zahlen und Auslastungsquoten zu messen, weil das jeder verstehe. "Das Grauen an dem SPIEGEL-Artikel der vier Herren, die selbst in sicheren Positionen arbeiten, ist die Botschaft, die haften bleibt: Erstens, den Künstlern geht es zu gut. Und zweitens, alles ändert sich, nur die Theater nicht."

Beides sei falsch, sagt Khuon, und kann das wie jeder deutsche Theaterintendant heute mit Zahlen aus seinem eigenen Haus belegen. "Seit zwanzig Jahren wird in allen Theatern abgespeckt." Eine Schließung sei aber gerade in Krisenzeiten der falsche Weg: "Die Gesellschaft braucht Räume, in denen ein weitgehend von ökonomischen Interessen freier Diskurs noch möglich ist, ohne das einem etwas verkauft wird." Im Solidaritätsbrief für die holländische Kulturszene hieß es dazu: "Europa hat eine über 2000 Jahre alte gemeinsame kulturelle Geschichte und ist keinesfalls nur ein zerbrechliches Gefäß für den Euro."

Und weil das so ist, gibt es am Donnerstag und Freitag am Deutschen Theater eine Produktion aus Holland zu sehen: Das Ro Theater Rotterdam ist zu Gast mit Alize Zandwijks Inszenierung von "Hundstage" nach dem Film von Ulrich Seidel. "Hundstage sind die heißesten Tage im Jahr, in denen die Sonne auf die Körper drückt und das mühsam in Ordnung gehaltene Leben aufplatzt", heißt es in der Ankündigung. Diese Stimmung bringt Zandwijk in einer weitgehend wortlosen Mischung aus Tanz, Musik und Schauspiel auf die Bühne. Grenzübergreifend verständlich und hoffentlich nicht nur zu der Frage führend, ob der Abend sein Geld wert war.


Hundstage. Gastspiel am 22. und 23.3. im Deutschen Theater Berlin

Alles für die Hälfte. Diskussion am 23.3. (vor der Vorstellung) im Saal des DT, Tel. 030/28 44 12 25, www.deutschestheater.de

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1.
Olaf 21.03.2012
Zitat von sysopLeo van VelzenIn Holland haben die Politiker der Mitte-Rechts-Regierung ihre rigorosen Kultursparpläne durchgesetzt, in Deutschland schlagen vier Autoren in einem Buch vor, einfach mal die Hälfte aller Theater und Museen zu schließen. Was ist da los? Das Deutsche Theater Berlin veranstaltet eine Diskussion zum Thema. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,822606,00.html
Vielleicht haben die einfach den SPON gelesen. Ich zitiere mal aus dem Artikel, in dem den maroden Westkommunen ganz locker die Eigenschuld an ihrer Miesere bescheinigt wird. Ja, so ist das mit den unangenehmen Sparmaßnahmen und Kultur ist keine Pflichtleistung.
2. 50% werden nicht reichen!
frank_le 21.03.2012
Wenn die Häuser voll sind gibt es keinen Grund zu sparen. Das Problem sind die "künstlerisch wertvollen" Inszenierungen - da sind die Häuser leer. Also Masse statt Kopftheater. Im Übrigen sollte man die Eintrittspreise testweise an die tatsächlichen Preise anpassen - dann wird man sehen was den Kunden die Kultur Wert ist. Das Gute wird sich durchsetzen!
3. Was NL betrifft
miauwww 21.03.2012
Allgemein waren die Budgets in NL durchaus ueppig, und es wurde auch viel Bloedsinn gefoerdert. Das hat auch niemand geleugnet. Man hat auch Vorschlaege gemacht, die zu akteptablen Einsparungen in Hoehe von rund 10% des Gesamtbudgets haetten fuehren koennen. Die beschlossenen Einsparungen erreichen nun rund ein Drittel des Totalbudgets (ab 2013) - und das vor allem, weil der Herrn Wilders ja nur seinen schaerfsten Kritikern eins reinwuergen wollte. Feindbild links, nachdem Feindbild Islam nicht ausreichte. nunmehr kam noch das Feindbild Osteuropa dazu. Die Anhanger von Wilders wuerden am liebsten auch bei den Universitaeten das Messer schoen tief ansetzten. Wer also in D von Kultursparplaenen faselt, sollte sich mal schoen ueberlegen, welchen Geist er da weitertraegt.
4. Die Quote soll's richten?!
whis42per 21.03.2012
Zitat von frank_leWenn die Häuser voll sind gibt es keinen Grund zu sparen. Das Problem sind die "künstlerisch wertvollen" Inszenierungen - da sind die Häuser leer. Also Masse statt Kopftheater. Im Übrigen sollte man die Eintrittspreise testweise an die tatsächlichen Preise anpassen - dann wird man sehen was den Kunden die Kultur Wert ist. Das Gute wird sich durchsetzen!
Das ist jetzt aber nicht Ihr Ernst, oder?! Würden wir im Fernsehen nur noch das zu sehen bekommen, was sich per Einschaltquote durchsetzt, dann wäre doch endgültig Schluß mit hochwertigen Produktionen. Und am Theater gäbe es nur noch SchenkelklopfKomödien und nett arrangierte Singspiele. Will man das wirklich?! Ein bißchen Theater (und sonstiger künstlerischer Input) für den Kopf tut in banalen Zeiten durchaus Not. Auch wenn nicht massenweise Hirn bereit ist, sich damit auseinanderzusetzen. Eine Gesellschaft braucht Kunst und Kultur, gerade um nicht nur auf Kohle und Konsum fixiert zu sein. Im Übrigen könnte man allein mit den öffentlichen Geldern, die jährlich sinnlos in den Sand gesetzt werden, locker mehr Laiengruppen fördern, als sich überhaupt zusammentun!
5. Kurzspringer
Klaraussage 21.03.2012
Zitat von sysopLeo van VelzenIn Holland haben die Politiker der Mitte-Rechts-Regierung ihre rigorosen Kultursparpläne durchgesetzt, in Deutschland schlagen vier Autoren in einem Buch vor, einfach mal die Hälfte aller Theater und Museen zu schließen. Was ist da los? Das Deutsche Theater Berlin veranstaltet eine Diskussion zum Thema. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,822606,00.html
Bedauerlich, aber wahr: ökonomische Messzahlen dominieren auch jene Bereiche menschlicher Existenz, die jenseits von Verwertungshybris und fiskalischem Kalkül Lebensqualität (mit-) bestimmen, zum Träumen und Experimentieren anregen und im schönen Regelfall nachdenklich stimmen. Der Hinweis auf die großartige deutsche Theaterlandschaft ist nicht nur traditionstrunkener Beschwörung des "Landes der Dichter und Denker" geschuldet, sondern stellt ganz banal die Frage: Wo ist unsere Mitte? Was wollen wir eigentlich? Was ist uns wichtig? - Die Aufblähung fast aller Nachrichtensendungen um die Fieberkurvenberichterstattung aus der Frankfurter Börse oder die medial angestoßene Sensibilisierung für das - ich sag es mal so - Wahre, Schöne, Gute? In Sachsen greift aktuell das Ökonomisierungsdiktat um sich. Kulturbürokratische Spitzfindigkeiten pflügen eine gewachsene Kulturlandschaft um, ohne auch nur eine halbwegs seriöse Folgenabschätzung vorzunehmen. Siehe oben: Bedauerlich!
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