Disney und die Kunst Alte Meister für die Massen

Bilderklau oder Bewahrung der Hochkultur? Eine multimediale Ausstellung in München beleuchtet, wie sich Walt Disney bei der Kunst bediente: Ob in "Schneewittchen" oder "Fantasia" - Spuren europäischer Malerei finden sich in Disneys Zeichentrick-Universum zuhauf.


Als Walt Disney im Sommer 1935 nach Europa reiste, hatte er Micky Maus schon erfunden und plante mit "Schneewittchen" gerade seinen ersten abendfüllenden Trickfilm. Zusammen mit seiner Frau, seiner Schwägerin und einem Zeichner seines Studios verbrachte er elf Wochen in Frankreich, der Schweiz, Italien, England und den Niederlanden.

"Dornröschen"-Szenerie von Disney-Künstler Eyvind Earle (1959): Neuschwanstein im Sinn
Münchner Stadtmuseum

"Dornröschen"-Szenerie von Disney-Künstler Eyvind Earle (1959): Neuschwanstein im Sinn

Anlass der Reise war eine Auszeichnung durch den Völkerbund. Doch Disney wusste die Tour auch für seine Arbeit zu nutzen. Bei der Heimreise hatte er 350 Bücher im Gepäck: Märchenwerke und Klassiker der europäischen Literatur- und Kunstgeschichte. Und so kam es, dass nahezu alle der großen Disney-Filme, die bis zu seinem Tod im Jahre 1966 entstanden sind, massiv mit europäischer Kunst angereichert wurden.

Diese Wurzeln seiner Arbeit in der Hochkultur sind jetzt sichtbar gemacht worden. Die materialreiche und aufwändige Münchner Schau "Walt Disneys wunderbare Welt und ihre Wurzeln in der europäischen Kunst" bringt sie ans Licht.

Worauf aber zielt diese Wurzelbehandlung, der etliche film- und kunsthistorische Untersuchungen zugrundeliegen? Diagnostiziert sie Bilderklau, geistigen Diebstahl, hält sie Disney einen Raubzug durch die Reservate der Hochkultur vor? Oder erklärt sie sein Unterhaltungs-Imperium posthum zum Bewahrer des künstlerischen "alten Europa"?

Der 1901 in Chicago geborene Walt Disney war ein Kind des Mittleren Westens. Wichtige Jahre seiner Kindheit verbrachte er auf einer Farm in Missouri – eine Zeit, die er später gern verklärte. Disney war weder Bildungsbürger noch Intellektueller, sondern Autodidakt. Neugierig eignete er sich schnell ein eklektisches Wissen an und wusste es mit viel Gespür für emotionale und suggestive Effekte in seiner Arbeit zu verwerten.

In den zwanziger Jahren hatte er sich mit den technischen Möglichkeiten des Zeichentricks beschäftigt und für seine Kurzfilme auch die berühmten Bewegungssequenzen des Fotografen Eadweard Muybridge studiert. Früh hatte er bei der Suche nach guten Storys die europäischen Märchen und Literaturen durchstöbert. Und ab 1934 institutionalisierte er den Fundus seiner Anregungen, indem in seinem Studio eine Arbeitsbibliothek anlegte.

Mehr Ausbeutung als Hommage

Disney selbst hatte mit dem Zeichnen schon früh aufgehört. In seinem Studio ließ er ein Team von Künstlern seine Ideen umsetzen. Seine Zeichner kamen aus der Schweiz, aus Dänemark oder Schweden; viele hatten ihr Handwerk an europäischen Kunstakademien gelernt. So reicherten sie den Innovationsmix der Filme zusätzlich mit der Kunst und Folklore ihrer Heimatländer an.

Schon 1937 amortisierte sich die geistige Investition der Grand Tour durch Europa. "Schneewittchen und die sieben Zwerge" entstand nach dem Märchen der Gebrüder Grimm und mit einer Szenerie, die vom wunderbaren Stundenbuch des Duc de Berry (15. Jahrhundert) und vom Märchenkönig-Schloss Neuschwanstein inspiriert war. Das animierte Schicksal der Glassarg-Schönen und ihrer bärtigen Freunde wurde ein riesiger Erfolg an der Kinokasse.

In der Münchner Ausstellung – Variation einer bereits 2006/07 in Paris und Montreal gefeierten Schau – sind sie nun Seite an Seite platziert: die Werke Alter Meister, der Romantik und des Symbolismus wie die Modelle, Filmausschnitte und mitunter überraschend feinsinnigen und poetischen Zeichnungen aus dem Disney-Studio.

Man begreift: Die Szenerie des "Dornröschen" entstammt Werken wie der "Rückkehr von der Herberge" von Pieter Brueghel d. J., die Kulissen im "Dschungelbuch" sind den Urwald-Visionen des malenden Zöllners Rousseau geschuldet. Und Piranesis schwindelerregende Treppen kehren wieder im "Schneewittchen", in "Cinderella" und "Alice im Wunderland".

Eine Landschaft Caspar David Friedrichs wurde ebenso benutzt wie eine "Sirene" von Gustave Moreau, die als Meerjungfrau in "Peter Pan" auftaucht. Eine nackte "Iris" des viktorianischen Malers John Atkinson Grimshaw ist mit den libellengleichen Wesen in "Fantasia" verwandt.

Die Bezugnahme ist meist nicht als offenes Zitat oder Hommage angelegt, eher als versteckte Ausbeutung eines Steinbruchs der Kultur. Bruno Girveau, der die Münchner wie schon die Pariser Schau mitkuratiert hat, mischt deshalb kritische Töne in die Beurteilung Disneys: "Er behandelte diese Kultur mit einer gewissen Lässigkeit, manchmal sogar mit Zynismus, so wie man eben mit Arbeitsmaterial umgeht, das man formen, verzerren und vermischen kann." Das passt zum Wesen des genialischen Filmerzählers und Erfolgsmenschen, der oft als energisch und optimistisch, aber auch als dreist und ungeniert beschrieben wird.

Eine Attraktion im letzten Raum ist der erstmals in Europa gezeigte Kurzfilm "Destino". Für ihn hatte Disney 1946 Salvador Dalí engagiert; die "Los Angeles Times" titelte: "Die Meister der Micky Maus und der 'weichen Uhr' tun sich zusammen." Doch das Projekt schlief ein und wurde erst 2003 durch eine Rekonstruktion wiederbelebt. Das Ergebnis ist voll mit kuriosen Einfällen und lässt ahnen, was Dalí meinte, als er Disney schon 1937 einen "der größten amerikanischen Surrealisten" nannte.


"Walt Disneys wunderbare Welt und ihre Wurzeln in der europäischen Kunst", Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung, München, bis zum 25. Januar 2009



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