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Dissidentin Hirsi Ali: Das Recht zu beleidigen

Von Henryk M. Broder

Die holländische Abgeordnete und Islam-Dissidentin Ayaan Hirsi Ali hat heute die Veröffentlichung der umstrittenen Mohammed-Karikaturen verteidigt. Mit kämpferischen Parolen rief sie auf einer Pressekonferenz zur Solidarität mit Dänemark auf.

Gleich der erste Satz ist ein gezielter Hieb gegen Allesversteher und Allesverzeiher: "I am here to defend the right to offend." Ich bin hier, um das Recht zu verteidigen, beleidigen zu dürfen.

Ayaan Hirsi Ali, 1969 in Somalia geboren, in Saudi-Arabien, Äthiopien und Kenia aufgewachsen, ist vor 16 Jahren nach Holland geflohen, um der
Zwangsheirat mit einem Cousin zu entgehen. Sie hat
sich als Putzfrau und Sozialarbeiterin durchgeschlagen, Politologie und Philosophie studiert, für eine sozialdemokratische Stiftung gearbeitet, bis sie 2003 als Kandidatin der liberalen "Volkspartei für Freiheit und Demokratie" in das holländische Parlament gewählt wurde. Seit der Ermordung von Theo van Gogh, mit dem sie an einem islamkritischen Kurzfilm gearbeitet hat ("Submission 1"), hat sich ihr Leben gründlich geändert.

Dissidentin Hirsi Ali: "Schwarze Voltaire"
AP

Dissidentin Hirsi Ali: "Schwarze Voltaire"

Sie tauchte für ein paar Monate in den USA unter, seit
sie wieder in Holland lebt, wird sie rund um die Uhr bewacht, jeder Weg zum Supermarkt, jede Reise ist eine aufwendige Operation. Heute war die somalische Holländerin nach Berlin gekommen, um den Journalisten der Hauptstadt zu
erklären, worum es ihrer Auffassung nach bei dem sogenannten Karikaturenstreit geht und was gerne übersehen wird: "Ich bin der Meinung, dass es richtig war, die Cartoons in der Zeitung 'Jyllands Posten' zu drucken und dass die Entscheidung der anderen Zeitungen, sie nachzudrucken, ebenfalls richtig war."

Nach diesem Einstieg legt sie erst richtig los, als wollte sie beweisen, dass sie zu recht "die schwarze Voltaire" genannt wird. "Schande über jene Zeitungen und TV-Stationen, die nicht den Mut hatten, ihren Lesern und Zuschauern diese Karikaturen zu zeigen. Diese Intellektuellen leben von der Meinungsfreiheit, aber sie akzeptieren Zensur. Sie verstecken sich hinter Parolen wie
'Verantwortung' und 'Sensibilität'. Schande über jene Politiker, die erklärt haben, dass die Veröffentlichung der Karikaturen unnötig, unsensibel, respektlos und falsch war."

Ali lobt den dänischen Ministerpräsidenten Anders Fogh Rasmussen für seine Weigerung, sich "mit Repräsentanten tyrannischer Regimes" zu
treffen, und bedauert, dass der holländische Premierminister nach der Ermordung Theo van Goghs eine Verschärfung des Blasphemieparagrafen angeregt hatte. "Schande über
jene europäischen Firmen und Gesellschaften, die nun
mit 'Wir sind keine Dänen' und 'Wir verkaufen keine
dänischen Produkte' im Nahen Osten werben."

Sie schaut kurz hoch und sagt wieder einen jener Sätze, die man nicht missdeuten kann: "Ab jetzt wird Nestlé-Schokolade
nie wieder so schmecken, wie sie uns bis eben geschmeckt hat."

Ruft man sich in Erinnerung, was in den letzten Tagen
über den Karikaturen-Streit gesagt und geschrieben
wurde, wirkt das, was Ayaan Hirsi Ali in ihrer ruhigen
und glasklaren Art sagt, wie eine Frischzellenkur für den
gesunden Menschenverstand. Dabei sind es nur
Selbstverständlichkeiten. Dass Freiheit ihren Preis
hat und dass Nachgeben sich nicht auszahlt. Und dass die ganze Affäre auch etwas Gutes hat. "Wir wissen nun, dass es
eine beachtliche Minderheit in Europa gibt, die nicht
verstehen und nicht akzeptieren will, wie eine
liberale Demokratie funktioniert."

Hirsi Ali sagt: Es seien dänische Bürger gewesen, die statt in Dänemark auf die Straße zu gehen oder dänische Gerichte anzurufen, reaktionäre Regimes um Hilfe gegen Dänemark gebeten hätten. Und noch absurder: "Despotische Regierungen wie die von Saudi-Arabien inszenieren eine Graswurzel-Revolution, die sie
gnadenlos zerschlagen würde, wenn es um das Recht auf
freie Wahlen ginge."

Und Ali wiederholt: "Ich bin hier, um das Recht zu
verteidigen, beleidigen zu dürfen." Diesmal setzt sie
dazu: "Innerhalb der Grenzen des Gesetzes." Dies sei
kein Konflikt über "Rasse, Hautfarbe oder Herkunft, es
ist ein Konflikt über Gedanken". Sie sei eine "Dissidentin", die in den Westen geflohen ist, wie die Dissidenten zur Zeit des Kommunismus. 1989, als Ajatollah Chomeini zur Ermordung von Salman Rushdie aufgerufen hatte, habe sie "das für für richtig
gehalten, heute weiß ich, es war falsch".

Eine Frau, eine Muslima, eine Schwarzafrikanerin sagt
den Europäern, worauf es in einer Demokratie ankommt: "Es ist nicht meine Absicht, religiöse Empfindungen zu verletzen, aber ich werde mich der Tyrannei nicht beugen." Sie sei nicht die einzige Dissidentin in der islamischen Welt. "Es gibt uns überall, hier im Westen, aber auch in Teheran, Riad, Amman, Kairo,
Khartum und Kabul. Wir sind wenige, und alles, was wir haben, sind unsere Ideen. Unsere Gegner werden
versuchen, uns zum Schweigen zu bringen, uns für
verrückt zu erklären. So wie es die Kommunisten mit
ihren Dissidenten getan haben."

Wie dieser Teil der Geschichte ausging, kann heute jeder in der Hauptstadt überprüfen: Wo früher die Mauer stand, parken jetzt die Autos der Journalisten.

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