Ditfurth über Meinhof Terroristen ausmisten

Von Reinhard Mohr

2. Teil: "Woher wissen Sie das alles?"


Nun war die Krux des Pressegesprächs mit Ditfurth, dass die Presse das Buch noch gar nicht gelesen hatte, gar nicht lesen konnte, weil es ihr erst heute Morgen in die Hand gedrückt wurde. So blieb das Frage-Antwort-Spiel eher diffus und ziellos. Nein, "Terror" und "Terrorismus" halte sie für "unbrauchbare Kampfbegriffe", die die Sache eher "vernebelten", und ja, es gebe antisemitische Texte von Ulrike Meinhof, die "abscheulich" seien.

Wer Jutta Ditfurth lange genug kennt, weiß aber auch, dass sie Energie für zehn hat und Ausdauer für hundert. Das musste schon Franz-Josef Strauß erleben, den die damals schon prominente Grüne in der TV-"Elefantenrunde" 1987 ins akute Hyperventilieren und an den Rand des Nervenzusammenbruchs brachte. Unbesehen kann man ihr deshalb glauben, dass sie bei ihrer Recherche tatsächlich an beinahe alle Orte gefahren ist, an denen Ulrike Meinhof gelebt oder gearbeitet hat. Von Jena bis Oldenburg hat sie hat an fremden Türen geklingelt, Nachbarn ausgefragt und Stadtarchive durchwühlt – oral history im besten Sinne.

Auf diese Weise stöberte sie eine frühe Jugendfreundin auf, aber auch eine bislang unbekannte Vergangenheit der Familie Ulrike Meinhofs und ihrer späteren Ziehmutter, Renate Riemeck. Anders als die Legende besagt, sei hier weniger das christliche Abendland dominant gewesen, schon gar nicht linksliberaler Humanismus, sondern Nazi-Glaube und Hitlerverehrung. Das hatte sogar den höchst belesenen Arno Widmann beeindruckt, der aber gleich zu Beginn eine zentrale Frage stellte: "Woher wissen Sie das alles?"

Denn so lang die Liste der Personen ist, denen die Meinhof-Biografin am Ende dankt, so viele Archive aufgelistet sind und immerhin 307 Anmerkungen und 12 Seiten Sekundärliteratur, die offenbar doch nicht ganz wegzuwischen war – es fehlen nicht nur Personen- und Sachregister, sondern auch unzählige Quellenangaben. Jutta Ditfurth beziffert ihre Zahl selbst auf knapp 7000. "Aus juristischen Gründen" habe ihr der Verlag geraten, sie wegzulassen. Das kommt auch nicht alle Tage vor.

So weckt das Buch doppeltes Interesse und reizt, mehr als üblich, zur neugierigen, doch kritischen und vergleichenden Lektüre.

Nicht zuletzt verleitet das Werk, dessen Umschlag Ulrike Meinhof als bildschöne junge Frau zeigt, zur Suche nach Parallelen zwischen der Autorin und ihrem Gegenstand, jener "großen Schwester" der 68er.

Womöglich könnte dabei ein Satz von Astrid Proll hilfreich sein, die im November/Dezember 1969 dabei war, als Andreas Baader und Gudrun Ensslin an den südlichsten Gestaden Siziliens über den künftigen bewaffneten Kampf in Deutschland räsonnierten: "Ich weiß gar nicht, ob die RAF eine politische Gruppe war. Sie war eher so etwas wie die Selbstanmaßung einer ganzen Generation."



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