Documenta 14 "Kassel eingenebelt? Das würde mir gut gefallen"

Die Documenta naht. Der Künstler Daniel Knorr eröffnet die Kunstaustellung am Samstag mit einer Rauch-Installation. Im Interview erklärt er, warum erst der Betrachter aus seinem Werk politische Kunst macht.

Rauch für die Documenta in Kassel
Bernd Borchardt

Rauch für die Documenta in Kassel


Am Samstag beginnt in Athen die wichtigste Kunstausstellung der Welt, die Documenta. Am Stammplatz Kassel wird die Ausstellung erst im Juni fortgesetzt. Ab Samstag aber lässt der Künstler Daniel Knorr dort schon Rauch aufsteigen, und zwar täglich, bis Ende September. Er dürfte mit seinem Projekt einer der bekanntesten Künstler der 14. Documenta-Ausgabe werden.

SPIEGEL ONLINE: Herr Knorr, alle blicken nach Athen. Wozu also der viele Rauch über dem doch eigentlich verwaisten Kassel?

Zur Person
  • picture-alliance/ Doris Spiekermann-Klaas
    Daniel Knorr , geboren 1968 in Bukarest, arbeitet im weitesten Sinne als Bildhauer - allerdings mit den unterschiedlichsten Materialien. Seine oft im öffentlichen Raum entstehenden Werke entwickelt er aus den Gegebenheiten vor Ort. Zu einem Markenzeichen wurden seine "Bonhommes", Figuren, die er an verschiedenen Orten mit dort vorgefundenen Materialien realisiert.

Knorr: Kassel ist der Geburtsort dieser großen Ausstellung, der Rauch soll dort verkünden, dass es losgeht, wenn auch noch nicht in dieser Stadt, sondern zum ersten Mal woanders, in Athen. Das ist ungewöhnlich und mit Rauch lässt sich das angemessen kommunizieren, er ist sprechend. Rauch hat natürlich viele Bedeutungen, Gründe. Feuer ist nur eine Ursache von vielen.

SPIEGEL ONLINE: Doch die Documenta oder ihr gewohnter Austragungsort Kassel steht - metaphorisch - sehr wohl in Flammen?

Knorr: Kassel ist aufgeladen mit Geschichte, das Aufgeladene materialisieren wir. Dass wir ausgerechnet in Kassel Rauch aufsteigen lassen, hat auch diesen Grund: Hier fand bereits am 7. November 1938, also kurz vor der so genannten Reichskristallnacht, eine Art Generalprobe für die Pogrome im Land statt.

SPIEGEL ONLINE: Jüdische Einrichtungen der Stadt wurden verwüstet, Kultgegenstände aus der Synagoge öffentlich verbrannt. Sie wollen, so steht es in Ihrem Konzept, mit dem Rauch zudem an Bücherverbrennungen und an die Krematorien der KZs erinnern. Warum ist das Gedenken an die NS-Diktatur so wichtig für diese Documenta? Und darf man das so spektakulär inszenieren?

Knorr: Diese ganze Documenta ist kein ausformuliertes Statement, keine Einteilung in schwarz oder weiß, sie ist ein Angebot, die Gegenwart aus ungewohnter Perspektive zu betrachten. Der Rauch ist fast ein Mahnmal, ein Denkmal für den Frieden. Sie können sich ebenso an Aleppo erinnert fühlen, an diese Stadt der Ruinen. Auch das Fridericianum, 1933 noch Kulisse für die Bücherverbrennungen, war im Krieg schließlich nur noch ein Haufen Trümmer, es hat gebrannt, geraucht. Ich bin aber kein Freund der Unterscheidung in politische und unpolitische Kunst. Es kommt darauf an, was der Betrachter in der Kunst sieht und in welchen Zusammenhang er sie stellt. Der Betrachter macht die Kunst zur politischen Kunst.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben im Vorfeld gesagt, Deutschland habe immer nur eingeatmet, nun müsse es ausatmen. Was genau sollte es ausatmen?

Knorr: Als die Documenta 1955 gegründet wurde, war es auch ein Anliegen, die Deutschen ins internationale Kunstgeschehen zurückzuholen. Das ist erfolgreich passiert. Nun ist Griechenland an einen Rand gedrängt. Man ist beim Stichwort Ausatmen auch schnell bei dem Thema Flüchtlinge. Die deutsche Gesellschaft zieht sich wieder zurück, sie stützt sich dazu auf Quoten, betreibt Zahlenspiele. Nur sollte sich das Land lieber öffnen statt Grenzen zwischen Menschen zu definieren. Das gilt aber auch für andere Länder. Es darf nicht um eine Rückbesinnung auf alte kulturelle Wert gehen. Überall müssen vielmehr Möglichkeiten geschaffen werden für ein Zusammenleben.

SPIEGEL ONLINE: Und doch: Richtet sich diese Art auch diese Documenta auch gegen ein Deutschland, das in jeder Hinsicht so mächtig erscheint, in der Politik, in der Kunst?

Knorr: Nein, diese Documenta will Deutschland nicht angreifen, nicht schwächen, und auch meine Arbeit hat nicht nur mit Deutschland zu tun. Die Ausstellung stellt sich die kritische Frage nach dem westlichen Denken und der kulturellen Kolonialisierung durch den Westen. Der Kunstmarkt ist ein Teil dieses Phänomens und der Rauch symbolisiert auch eine Produktionsstätte der "Kunstindustrie".

SPIEGEL ONLINE: Sie sind in Rumänien geboren, kamen als Teenager nach Deutschland. Hat sie die vielleicht absurde Idee von Heimat, Nationen, Grenzen früh beschäftigt?

Knorr: Natürlich, die Auseinandersetzung damit hat mich sogar geprägt. Wir alle sind in erster Linie Menschen und nicht Angehörige einer Nation. Wir gehören keiner Nation und keine Nation gehört uns.

SPIEGEL ONLINE: Eine Kuratorin der Documenta beharrte darauf, der Rauch sei "nicht so wagnerianisch" gemeint, man spüre auch Ihren Humor in dem Werk. Wie passt alles zusammen?

Knorr: Zumindest wäre es wirklich ganz lustig, wenn wir, je nach Wind, Kassel einnebeln könnten. Das würde mir gut gefallen.

SPIEGEL ONLINE: Vergangene Woche nahm Ihre Rauchskulptur in einem Testlauf schon einmal Gestalt an. Gab es erste Reaktionen aus der Bevölkerung, die immerhin noch unvorbereitet war?

Knorr: Die Feuerwehr war informiert, doch wegen der vielen Anrufe rückte sie trotzdem aus. Vier Löschzüge kamen. Anderen wiederum war sofort klar, das muss mit der Documenta zu tun haben, und sie waren begeistert, haben alles fotografiert. Die Leute dort sind kunstgeschult, die Stadt ist begehbare Kunstgeschichte. Wir verteilen jedoch noch Flugblätter mit Informationen zu dieser Arbeit namens "Expiration Movement", also zu dieser neuen Bewegung des Ausatmens.


documenta 14 - 08.04.-16.07.2017 in Athen, 10.06.- 17.09.2019 in Kassel

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insgesamt 5 Beiträge
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catcargerry 06.04.2017
1. Kassel? Muss man das noch kennen?
Documenta war einmal Kassel - Kassel hatte ein Alleinstellungsmerkmal. Jetzt hat die Documenta nur noch zur Hälfte mit Kassel zu tun - vorerst, ist ja nur die erste Stufe der Demontage. Andererseits: Die ganze Menschheit wird etwas davon haben, wenn "Documenta" das Synonym für "Kunst-Weltausstellung" ist. Kassel? Pft! Da wart Ihr richtig schlau.
spon-facebook-10000188139 06.04.2017
2. fehlerchen
lieber spiegel, seit ewigen zeiten quäle ich mich persönlich mit dem genauen sprechen und schreiben und so des schlimmen wortes pogrom herum & nun muss ich in meiner lieblingsonlinezeitung als progrom lesen! seufz... winke winke susanne kaeppele dr. susanne kaeppele freie kunsthistorikerin L 8, 3 68161 mannheim 0621 1561822 0178 8793231 s.h.kaeppele@szylla.org susannekaeppele.de
Miere 10.04.2017
3. Wenn Praxiteles solche Kunst gemacht hätte, würde den heute keiner mehr kennen.
Oder Phidias, oder sonstwer aus dem Großraum Athen. Das nur mal so.
aon.914699440 10.04.2017
4. Schall und Rauch
Daniel Knorr sorgt für den Rauch und setzt Statements dazu, in denen er seine politischen Ansichten darlegt. Nun könnten wir nach altem Konzeptkunst-Brauch glauben, die „Kunst“ läge gar nicht im Rauch (wie denn auch?), sondern in dessen „Bedeutung“, die wir zu verstehen aufgerufen sind; im politischen Kontext also, von dem D. K. allerdings behauptet, dieser plus Rauch müsste erst im Kopf des Rezipienten zur „politischen Kunst“ werden. Okay, in unseren Köpfen also ist die „Kunst“ und nicht in dessen Werk. Was aber, wenn wir anderer Meinung wären? Wenn wir die „Bedeutung“ zurückwiesen und als Gerede kritisierten? Wäre das Kritik an dessen Kunst? Mit Nichten: Die Kunst bliebe sehr wohl bei D. K. und zwar unkritisierbar, weil der Verweis von Rauch auf Schall als Kriterium gelten muss. Zu dem ist er doch auch der Künstler. Im Umkehrschluss ist eine Kunst, die sich als wesentlich kritik-immun erweist, auch lobes-immun, da an nichts auszumachen ist, worauf sie eigentlich beruht. Sie ist, was sie ist, nämlich Rauch und Worte. Zur "politischen Kunst" siehe auch "Frau Merkel" aus der YouTube-Serie "Pullmann und Muse"
dieter 4711 13.04.2017
5. Dank Kassels Talkessel könnte einnebeln Erolg haben.
Da Kassel in einem Talkessel liegt, könnte man mit einem Einnebeln Erfolg haben.
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