Kunstschau Documenta Kassel im Ausnahmezustand

Die Documenta 14 präsentiert ab Samstag in Kassel kraftvoll und politisch die wichtigste Kunst der Gegenwart. Erfahren Sie hier, welche Projekte in diesem Sommer jeder Kunstfreund kennen muss.

Spiegel Online

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"Ich war ein Fremdling und ihr habt mich beherbergt" - diese goldene Inschrift prangt nun in der Kasseler Shopping-Meile, graviert in vier Sprachen in einen riesigen Beton-Obelisken des US-Künstlers Olu Oguibe. Er hat damit ein Symbol für das Leben im Exil errichtet: Der Künstler selbst flüchtete einst aus Nigeria in die USA. So wie Deutschland viele Flüchtlinge aufgenommen hat, hat der Königsplatz dieses 16 Meter hohe Monument der Gastfreundschaft empfangen. Und auch Kassel beherbergt dieser Tage wieder seinen ganz eigenen Fremdling: die Documenta.

Es ist ein Phänomen, wenn die beschauliche 200.000-Einwohner-Stadt in Nordhessen alle fünf Jahre zum Ideenturbo der internationalen Kunstszene mutiert. Die 100 Tage dauernde Documenta ist eine der weltweit wichtigsten Schauen zeitgenössischer Kunst, und sie transformiert das kleine Kassel zu einem Ort mit bombastischer Kunstdichte. Sowohl arrivierte Museen als auch kleinere Galerien, leerstehende Industriegebäude und die Hochschule, Denkmäler, Bahnhöfe und die Auen an der Fulda - zur Documenta wird in Kassel alles neu gedacht.

Neue Denkweisen sind auch das Ziel von Adam Szymczyk, der die 14. Documenta konzipiert hat. Offensichtlichster Unterschied zu allen anderen Documentas ist ihr zweiter Standort in diesem Jahr: Gleichberechtigt mit Kassel stellen alle 160 Künstler schon seit April auch in Athen aus - der Hauptstadt der großen Ratlosigkeit in Zeiten von Finanz- und Flüchtlingskrisen. "Lernen von Athen" heißt deshalb das Motto der Doppel-Documenta. "Man sollte nicht einfach Know-how von den Wissenden zu den Unwissenden weiterreichen. Wir können alle voneinander lernen. Dafür aber muss man sich neu ausrichten", so Szymczyk. Der Künstler und auch der Besucher seiner Documenta solle diese Unsicherheit nicht scheuen.

Die ganz großen globalen Themen

Unsichere Zustände, Krieg, Flucht und Exil sind die großen Themen dieser Schau, die dem Besucher an allen Ausstellungsorten begegnen. Im ehrwürdigen, säulenbewehrten Fridericianum - hier wird die Sammlung des Athener Museums für Zeitgenössische Kunst gezeigt - geht es um Flüchtlinge und das Überschreiten von Grenzen, etwa in den Werken von Vlassis Caniaris, aus dessen Werkkomplex "Immigrant" ein skulpturales Werk mit gesichtslosen Gastarbeitern zu sehen ist. Der Südafrikaner Kendell Geer hat seine beängstigende Sammlung von Natodraht in Stahlregalen ausgestellt, gleich neben einem Panzer aus Sitzpolstern von Andreas Angelidakis. Und US-Künstlerin Andrea Bowers zeigt mit "No Olvidado (Unvergessen)" ein Denkmal für jene, die beim Übertritt der Grenze zwischen Mexiko und den USA ihr Leben verloren.

In der Documenta-Halle ist eines der einfühlsamsten Werke über Gewalt, Flucht und Vertreibung der Komplex "Koennteichsein" der Schweizerin Miriam Cahn, die in diesen neuen Zeichnungen und Gemälden nackte Menschen in kargen Landschaften zeigt. Menschen schlagen sich oder richten Waffen aufeinander, man erkennt Panik und Erschöpfung in ihren Augen.

Ein Thema, das eng mit Krieg und Vertreibung zusammenhängt, ist die Restitution von Kunst - die Rückgabe geraubter und enteigneter Kulturgüter. Ursprünglich hatte Adam Szymczyk deshalb Werke aus dem Nachlass des Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt auf der Documenta 14 ausstellen wollen. Fünf der 1500 Werke sind bislang als Raubkunst identifiziert worden, die Herkunft von weiteren hundert Werken wird noch untersucht, bevor die Sammlung Ende dieses Jahres im Kunstmuseum Bern gezeigt wird. Deshalb durfte sie nicht auf die Documenta. Stattdessen zeigt die Neue Galerie drei Projekte zeitgenössischer Künstler, die sich mit der Gurlitt-Geschichte beschäftigen, und bietet Provenienzworkshops an.

Skulpturales und Performances unter freiem Himmel

Auch zum Indigenen drängt diese Documenta. Viele Künstler präsentieren Werke, die durch Ureinwohner aller Ecken des Erdballs inspiriert wurden oder sich für das Bewahren indigener Kulturen einsetzen. Breiter Raum ist etwa der politischen Kunst Maret Anne Saras aus dem Volk der Sami gewidmet: Sie engagiert sich für den Schutz von Rentieren und hat unter anderem Hunderte Rentierschädel zu einem morbiden Vorhang aufgefädelt. Der Häuptling und Schnitzer Beau Dick setzt sich mit seinen Ritualmasken von Nachfahren kanadischer Ureinwohner für die Rechte indigener Völker ein. Und die nigerianische Künstlerin Otobong Nkanga zeigt an verschiedenen Orten Installationen und Performances mit schwarzen Seifenstücken, die in den Straßen Kassel von Verkäufern in Bauchläden angeboten werden.

Ohnehin kommen die Kasseler auf ihren täglichen Wegen in den nächsten 100 Tagen des Ausnahmezustands an Kunst nicht vorbei, dank der zahlreichen Skulpturen, Installationen und Performances im öffentlichen Raum. Der Obelisk von Oguibe gehört dazu und der dauerhaft rauchende Zwehrenturm von Daniel Knorr, sowie die mittels zusammengenähter Jutesäcke von Ibrahim Mahama verhängte Torwache.

Am effektvollsten ist wohl der in der Sonne glitzernde "Parthenon der Bücher" der argentinischen Künstlerin Marta Minujin auf dem Friedrichplatz: Die einstige Gefährtin von Andy Warhol hat einen griechischen Tempel errichtet - Symbol der Demokratie! - den sie mit verbotenen Büchern verkleidet. Auf der Documenta-Website können Besucher nachschauen, welche Bücher schon einmal verboten waren und Exemplare für Minujins Tempel spenden: Thomas Mann, Stefan Zweig, Franz Kafka und Robert Musil, Machiavelli und Marx, auch Kinderbücher wie "Alice im Wunderland" oder "Tom Sawyer". Insgesamt sollen 50.000 vakuumierte Bücher an dem Metallgerüst befestigt werden - bisher sind mehr als 40.000 Schriftstücke aus der ganzen Welt nach Kassel geschickt worden.

40.000 Bücher waren die Vorboten - in den kommenden Tagen wird die gesamte Kunstwelt nach Kassel blicken. Und vielleicht ist es möglich, dass nicht nur Kassel von Athen und Athen von Kassel, sondern auch die Welt von der Documenta lernt. Anders als die Venedig-Biennale, die sich in diesem Jahr als Antipode zur globalen Politik versteht und sich auf private Sphären konzentriert, glaubt die 14. Documenta daran, dass Veränderung möglich ist. Sie sucht deshalb die Reibung, nicht den Ausgleich, und wird damit zum spannendsten Kunstereignis des Jahres.



insgesamt 8 Beiträge
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niewieda 09.06.2017
1. Da muss ich hin
Die Documenta als politische Bestandsaufnahme dieserZeit - das wird spannend, das interessiert mich - da muss ich hin!
tommyblux 10.06.2017
2. Kassel
Kassel als klein zu bezeichnen, ist aber schon etwas crazy. Immerhin die vierziggrößte Stadt der Republik...
midia 10.06.2017
3. Die letzten 5
Habe ich, in Kassel lebend, nicht sonderlich interessiert, am Rande wahrgenommen. Auch wenn ich den Flair der Stadt in diesen 100 Tagen immer sehr zu schätzen wusste, sprach mich das Ereignis selbst nie sonderlich an. Dieses Mal ist es jedoch anders. Es ist eine Documenta, die auch Menschen anzusprechen versteht, die nicht tief in der Kunstszene verwurzelt sind. Ich bin auch sehr positiv darüber überrascht, dass viel mehr neue Standorte dazu gekommen sind. Ein Besuch lohnt sich bei dieser Documenta alle mal.
lilioceris 22.06.2017
4. Ja, die Dokumenta 14
ist sicherlich sehenswert. Schade ist nur, dass sie bei einem Ereignis eine Diskussion nicht zulässt: Ein Bürger aus der Umgebung von Kassel demonstrierte auf dem Friedrichsplatz in Kassel mit einem Schild gegen die Panzerproduktion in dieser Stadt (Kriegs-Stadt Kassel baut Waffen). Daraufhin erhielt er von der Documenta-Leitung einen Platzverweis. Passt das zu einer politisch sich gebährdenden Kunstveranstaltung?
tomxxx 17.08.2017
5. Naja...
Der bibelspruch ist schon interessant... da steht nämlich nichts davon, dass man jemanden für den Rest seines Lebens und seiner Nachkommen durchfüttern muss... Aber vor dem Hintergrund der aktuellen AFD-Berichterstattung zu der angeblich entarteten Kunst: Liebe Documenta, Kunst ist gut und wichtig, der Obelisk ist auch ok. Aber wenn Ihr nicht Eure Botschaft gleich konterkarieren wollt... dann lasst das Dixie-Klo neben dem Obelisken sofort verschwinden (siehe Bild anderer Artikel)!!!
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