200 Tage Deniz Yücel in Haft Journalismus ist ein Verbrechen geworden

Der deutsche Schriftsteller Dogan Akhanli wurde an seinem spanischen Urlaubsort festgenommen, weil die Türkei ihn per Haftbefehl suchte. Hier schreibt er, wie es um die Presse- und Meinungsfreiheit steht.

Dogan Akhanli
AFP

Dogan Akhanli

Ein Gastbeitrag von Dogan Akhanli


Weil eine "Junta an die Macht gekommen" ist, wie der prominente Investigativjournalist Ahmet Sik, der gerade wieder einmal im Haft ist, sehr präzise formuliert, hat sich die Presse- und Meinungsfreiheit in der Türkei enorm verschlechtert. Und das, obwohl ja "ein Putschversuch in der Türkei verhindert wurde". Ich habe im Theaterstück "Istanbul" von Nuran David Calis im Schauspiel Köln diesen Zitaten von Ahmet Sik eine Stimme gegeben. Bei diesem Theaterstück wirkte ich mit, bevor ich nach Granada in Spanien fuhr, um einen kürzeren Urlaub zu genießen.

"Istanbul" ist ein Stück über das Schweigen, die Polarisierung und Agonie in der türkischen Gesellschaft, über das Zu- und über das Weghören. Es beginnt mit dem Brief der Schriftstellerin Asli Erdogan, die aus dem Frauengefängnis Bakirköy in Istanbul an ihre Freundinnen und Freunde schrieb. Ich habe ihn so oft gehört, dass ich ihn auswendig kenne: "Es sitzen an die 150 Journalisten und Schriftsteller hinter Gittern, zehn Abgeordnete, Dutzende Politiker und Mitglieder von Nichtregierungsorganisationen. 170 Medienredaktionen, darunter kurdisches Kinderfernsehen, und mehr als 350 Vereine (auch Vereine von Juristen, Studenten) wurden geschlossen."

Weitere Fälle

Ich kannte das Schicksal von Asli Erdogan, und ich wusste auch von Can Dündar, dem Journalisten, der vor dem Gerichtsgebäude in Istanbul knapp dem Tod entkommen war, bevor ich nach Spanien fuhr. Demonstrativ hat die heutige Macht in der Türkei angekündigt, dass für Can Dündar, der in der Türkei geboren wurde und außer seiner Tätigkeit als Journalist kein Verbrechen verübt hat, kein Platz in seiner Heimat sei. Nach dem Mordanschlag ist er nach Deutschland geflohen und schreibt von hier aus, unter anderem für "Die Zeit".

Bevor ich nach Granada fuhr, wusste ich auch von Yavuz Baydar, der zwar kein Korrespondent der "Süddeutschen Zeitung" ist, aber für sie ein großartiges türkisches Tagebuch schreibt. Woche für Woche. Auch Baydar ist geflohen und lebt außerhalb der Türkei.

Ich begegnete, bevor ich nach Spanien fuhr, auch Hayko Bagdat in Berlin, der bekannte Journalist und Autor mit armenischem Hintergrund, der nicht will, dass seine Arbeiten noch in der Türkei erscheinen.

Ich begegnete Hrant in Berlin, bevor ich nach Granada fuhr. Natürlich nicht dem Hrant, der Hrant Dink heißt und der am 19 Januar 2007 in Istanbul vor dem Gebäude seiner Zeitung "Agos" ermordet wurde, also nicht jenem Hrant, der bei der Tagezeitung "Taraf" arbeitete, deren Chefredakteur Ahmet Altan wie auch sein Bruder, der bekannte Wirtschaftswissenschaftler Mehmet Altan, in Haft sind, wo auch Deniz Yücel sich als Geisel befindet. Sondern dem Journalisten Hrant Kasparyan, der in Berlin Fuß fassen wollte. Nach seiner Flucht aus der Türkei.

Ich begegnete dem Journalisten Ahmet Nesin, erst in Berlin, später in Köln. Er ist der Sohn des berühmten Satirikers und Schriftstellers Aziz Nesin, dessen Name einer Grundschule in Kreuzberg gegeben worden war. 1993 erlebte der Vater den Brandanschlag in Sivas, der genau drei Wochen nach dem rassistischen Brandanschlag in Solingen 37 Aleviten und Atheisten ermordete. Aziz Nesin überlebte. Ahmet Nesin arbeitete mit Celal Baslangic zusammen, der gerade Chefredakteur des Fernsehersenders "Artigercek" in Köln ist. Ihm begegnete ich in einem kurdischen Restaurant in Köln, zufällig. Früher arbeitete er bei der Zeitung "Cumhuriyet" in der Türkei und berichtete über die willkürliche Gewalt in den kurdischen Provinzen der Türkei. Bis das nicht mehr möglich war.

Das Haus von Federico García Lorca

Einen Tag vor meiner Festnahme im Granada besuchte ich mit meiner Lebensgefährtin das Haus des spanischen Lyrikers und Dramatikers Federico García Lorca. In der Führung im Lorca-Haus erfuhren wir von seinem Leben, seinem Werk und seiner Ermordung durch spanische Faschisten. Er wurde in dem Haus seiner Freunde verhaftet, und drei Tage später, mit drei anderen Republikanern, am 19. August 1936 im Morgengrauen erschossen.

In dieser Nacht habe ich mich mit Lorca beschäftigt. Es war der 19. August 2017, und der Morgen graute schon. Ich wollte wissen, ob Lorca in der türkischen Literaturlandschaft existiert oder ob er vergessen wurde. Ich entdeckte mit großer Freude, dass seine 27 Bücher ins Türkische übersetzt worden sind.

In mir reifte ein Plan. Ich wollte 81 Jahre nach der Ermordung von Lorca im Morgengrauen in Granada einen Essay über die Parallelität zwischen dem klassischen Faschismus und der heutigen Türkei schreiben, einer Türkei, die vom türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan in Richtung Faschismus bewegt wird, obwohl diese Herrschaftsform doch eigentlich eine überwunden geglaubte Geschichte des ersten Teils des 20. Jahrhunderts sein sollte.

Meinungskompass

Haftzelle in Granada

Vier Stunden später saß ich in einer Haftzelle in Granada. Durch Intervention der Türkei war ich festgenommen worden. Die deutsche Presse und Öffentlichkeit reagierten schnell, und ich wurde einen Tag später in Madrid, wohin man mich gebracht hatte, wieder freigelassen. Aber ich durfte Spanien nicht verlassen.

Nach meiner Freilassung in Madrid wollte ich wissen, wie türkische Medien über meine Festnahme berichteten. "Sabah" titelte über meine Festnahme: "Deutsche Schutzbarrikade für den Mörder der THKP-C" ("Volksbefreiungspartei-Front der Türkei", frühere bewaffnete marxistisch-leninistische Untergrundorganisation; Anm. d. Red.). "Sabah" zufolge sei ich als verurteilter Raubmörder eine "Feuerzange", mit der Deutschland die Türkei quäle, genau wie Can Dündar, der als angeblicher Anhänger der "Terrororganisation" Gülen-Bewegung auf der Flucht sei und genau wie Deniz Yücel, der angeblich "Agent der PKK" sei. Dieselbe Zeitung hatte mich vor sieben Jahren während meiner Inhaftierung in der Türkei nie als Mörder und Terrorist bezeichnet, nein, sie hat sogar am 5. September 2010 ein ganzseitiges Interview mit mir veröffentlicht.

Diese beiden Artikel, zwischen denen sieben Jahre liegen, zeigen, wie sich die Berichterstattung der türkischen Medien entwickelt hat. Die Massenblätter sind zu Propagandablättern der Erdogan-Regierung geworden. Journalismus, der Wahrheit und Differenzierung sucht, ist in den Augen der Erdogan-Regierung ein Verbrechen geworden.

Während des "Tribunal NSU-Komplex" am Kölner Schauspiel im Mai 2017 traf ich Uli Kreikebaum, einen Reporter beim "Kölner-Stadt-Anzeiger", im Cafe des Theaters. Kreikebaum erzählte mir von einem internationalen Projekt: Europäische, möglicherweise auch außereuropäische Schriftsteller und Intellektuelle würden handschriftlich verfasste SOS-Botschaften für eine lebenswerte Zukunft schreiben und sie mit einer Flaschenpost in einen Fluss oder ins Meer setzen und "verschicken".

Das Problem mit der Flaschenpost

Während unseres Gesprächs tauchte plötzlich Ismail Saymaz auf, einer der mutigsten Journalisten der Türkei, der über meine Festnahme 2010 in Istanbul berichtet und nach meiner Entlassung aus dem Gefängnis mehrere Interviews mit mir geführt hatte. Er war wegen des "Tribunal NSU-Komplex" nach Köln gekommen und wollte darüber berichten. Ich fragte ihn, ob er nicht auch ins Exil gehen wolle. Nein, antwortete er, das wolle er nicht. Er könne seinen Beruf im Ausland nicht ausüben, und ohne journalistische Tätigkeit wäre das Leben für ihn kein richtiges Leben.

Ich stellte die beiden Journalisten einander vor und erzählte Saymaz vom "Flaschenpost"-Projekt. Ob er nicht vielleicht auch mitmachen möchte, fragte ich ihn. Er erwiderte ohne zu zögern: "Nein, das kann ich nicht. Sobald ich die Flaschenpost in den Bosporus werfe, wird man sie wieder herausfischen und meine Botschaft herausnehmen. Es wird sie keiner lesen. Aber sie wird der Grund dafür sein, dass man mich foltern wird. Und sie werden sich das Vergnügen machen, es mit dieser Flasche zu tun."

Alle wichtigen Infos
Der "Welt"-Korrespondent Deniz Yücel sitzt seit dem 14. Februar 2017 in Haft in der Türkei, ihm werden Terrorpropaganda und Volksverhetzung vorgeworfen. Bis jetzt liegt keine Anklageschrift oder ein Prozesstermin vor.

Am 10. September findet zum Geburtstag Yücels ein Auto- und Fahrrad-Korso mit Kundgebung in Berlin statt, um für die Freilassung der in der Türkei inhaftierten Journalisten zu demonstrieren. Informationen dazu finden Sie hier. Wenn Sie Yücel schreiben wollen, finden Sie alle Infos dazu hier.

Derzeit sind rund 170 Journalistinnen und Journalisten in der Türkei in Haft oder Gewahrsam. Zuletzt begann im Juli der Prozess gegen Mitarbeiter der regierungskritischen Zeitung "Cumhuriyet".

Weitere Fälle:
Ayse Nazli Ilicak, Bügün, Yarina Bakis, seit 26.7.2016, Prozessbeginn unklar.
Mesale Tolu, seit April 2017, geplanter Prozessbeginn am 11.10.2017.
Peter Steudtner, Menschenrechtler, seit 7.7.2017, Prozessbeginn unklar. Loup Bureau, seit 26.7.2017, Prozessbeginn unklar.
Zehra Dogan, seit 23.7.2016, verurteilt im März 2017.
Gabriele del Grande, festgenommen am 9.4.2017, am 24.4.2017 freigelassen.
Mathias Depardon, festgenommen am 8.5.2017, am 9.6.2017 freigelassen.
Mehr zum Thema


insgesamt 58 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
klausbacker 01.09.2017
1. Es ist hart
200 Tage aus fadenscheinigen Gründen in Erdogans Haft muss schlimm sein. Ich kann nur hoffen, dass Deniz bald wieder zurück nach Deutschland kann. In diesem Deutschland, dessen Verschwinden er sich gewünscht hat wird er sich dann doch erheblich wohler fühlen.
ftraven 01.09.2017
2. Der freie Journalismis ist eine tragende Säule der Demokratie
Der freie Journalismus wird in vielen Ländern unterbunden, auch in Deutschland, wie man ja beim G20 in Hamburg gesehen hat. Die Türkei unter Erdoclown macht das nun erschreckend und perfide deutlich. Es reicht nicht, wenn Journalistenverbände etc. diese Entwicklung immer aufs Neue dokumentieren. Hier ist enormer politischer Druck notwendig. Doch dieser wird von der Bundesregierung nicht genügend aufgebaut, auch wenn das Gegenteil behauptet wird. Wir werden hier nur an der Nase herumgeführt. So wird z.B. nichts unternommen, dass deutsche Waffenfirmen in der Türkei eine Panzerfabrik bauen können (mit Wissen der Regierung). Es werden nach wie vor Waffen in die Türkei geliefert, die dann gegen die Kurden eingesetzt werden. Man lässt den türkischen Geheimdienst MIK in Ruhe hier spionieren (in NRW gerade 173 Personen und 40 Organisationen). Frau Merkel zieht nicht die Reißleine. Es wird keine Reisewarnung trotz der bekannten Gefahren für Deutsche in der Türkei ausgesprochen. Weder Visa- noch Zolluniongespräche sind abgebrochen. Die Mio.-Mittel fließen weiter in Richtung Bosporus. Was muss alles noch passieren, damit man dem Erdoclown mal richtig die Kante zeigt? Er versteht es nicht anders (siehe Putin).
remcap 01.09.2017
3. Nur ein kurzfristiges Sommerlochstory... mehr auch nicht
Jeder kann über Meinungs- und Pressefreiheit schreiben, nur es interessiert scheinbar niemanden. Dafür müsste man halt inhaftiert werden, damit darüber breichtet wird. Nach 1 Monat ist der ganze Fall kein Thema mehr, da gilt nur noch was die Parteien wieder nach der Bundestagswahl für Unsinn anrichten werden....
ronald1952 01.09.2017
4. Ich glaube
die meisten Menschen machen haben sehr wenig Ahnung darüber wie lange es gedauert hat bis jedermann frei Sprechen und Schreiben durfte.So richtig möglich war das bei uns doch erst ab 1945 vorher konnte man durch ein falsches Wort oder Schreiben glatt Hingerichtet werden. Die meisten die nach 45 aufgewachsen sind Denken wohl sehr wenig darüber nach wie Frei wir sind und waren. Man konnte sagen was man wollte und dachte und niemande hat es wirklich gestört. Außer Herrn Straus der ja bekannter weise gegen den Siegel vorgehen wollte. Auch so ein ewig gestriger. Aber was wir für Freiheit halten wird in anderen Ländern immer noch oder sehr oft mit harten Strafen belegt. Leider gibt es mittlerweile auch bei uns wieder Kräfte die uns den Mund und das geschreibene Wort zu gerne verbieten würden wenn Sie denn könnten. Ein Zitat von Nietsche: Redefreiheit. — "Die Wahrheit muss gesagt werden, und wenn die Welt in Stücke gehen sollte!" — so ruft, mit großein Munde, der große Fichte! — Ja! Ja! Aber man müsste sie auch haben! — Aber er meint, Jeder solle seine Meinung sagen, und wenn Alles drunter und drüber ginge. Darüber ließe sich mit ihm noch rechten." schönen Tag noch
pulverkurt 01.09.2017
5. Volksgerichtshof nach Freisler Art
Anklage wegen "Vaterlandsverrat", soso. Unter einer "Bundeswehrjustiz", soso. Ihnen schwebt also offenbar eine Gerichtsbarkeit a la Freisler vor. Dass ausgerechnet rechte Spinner wie Sie mit einem Nickname "Demokratie+Freiheit" durch die Foren marodieren, ist echt der reinste Hohn.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.