Doku-Boom auf der Bühne: Theater muss wie Koks sein!

Von Christine Wahl

4. Teil: Hartz-IV-Empfänger, Migranten, Wutbürger - Volker Lösch

Doku-Theater-Boom: Der nötige Exhibitionismus Fotos
Matthias Horn

Bei Volker Lösch stand schon mal ein Daimler-Spitzenmanager auf der Bühne. Seinen Ruf als "Skandalregisseur" verdankt der 47-Jährige allerdings weniger den Top- als den Underdogs. "Theater muss wie Koks sein", findet der gelernte Schauspieler, der für eine entsprechend knallige Ästhetik steht und regelmäßig Chöre aus Hartz-IV-Empfängern, Migrantinnen und anderen Wutbürgern aufmarschieren lässt. Während der Proben führen Lösch und sein Team mit diesen Laienschauspielern Gespräche, die später zu Chortexten verdichtet werden. Chorleiter Bernd Freytag, der sein Handwerk beim Großmeister Einar Schleef lernte, paukt das Material dann bis zur Bühnenreife mit ihnen ein.

Er mache Stimmen hörbar, "die sonst keinen Weg in die Öffentlichkeit finden", glaubt Lösch. Immer wieder kommt es dabei zu - gemeinhin rar gewordenen - Theaterskandalen: Ein PR-Gut von unschätzbarem Wert. So wurde eine breite Öffentlichkeit auf den Regisseur aufmerksam, als die damalige Chef-Fernsehtalkerin Sabine Christiansen 2004 juristisch gegen dessen Dresdner Inszenierung "Die Weber" vorging. Ein Mitglied des aus ortsansässigen Laien bestehenden "Bürgerchores" hatte darin die Stammtischparole verkündet: "Wen ich als erstes erschießen würde, das wäre Frau Christiansen".

Es ist allerdings nicht nur dieses plakative Aufreger-Potential, das Volker Löschs Arbeiten etwa von denen des Regiekollektivs Rimini Protokoll unterscheidet. Während bei Haug, Kaegi und Wetzel die "Alltagsexperten" tatsächlich den alleinigen Dreh- und Angelpunkt bilden, sind Löschs Betroffenen-Chöre eher orchestrierendes Mittel zum Zweck. Im Kern greift der Regisseur auf konventionelle Theater- oder Romanstoffe zurück, die - meist in extremen Schrumpfversionen - auf der Bühne auch von Profi-Schauspielern dargeboten werden.

Vier angebliche Prostituierte

Den Betroffenen-Chören kommt dabei die Funktion zu, Staub von den alten Dramenfiguren zu klopfen und das Theater, so Lösch, "mit Texten und Bildern aus der unmittelbaren Wirklichkeit aufzuladen". Wenn zum Beispiel der Franz-Biberkopf-Darsteller Sebastian Nakajew am Beginn der Döblin-Inszenierung "Berlin, Alexanderplatz" aus dem Gefängnis kommt, meldet sich gleichzeitig ein Dutzend ehemaliger Strafgefangener zu Wort: "Ich habe meine Eltern bestohlen." "Ich habe wegen Betäubungsmittelhandel im Gefängnis gesessen." Oder: "Ich habe meine Lebensgefährtin umgebracht." Damit, dass sich Dieb, Dealer und Mörder durch das Sprechen im Chor nicht individuell identifizieren lassen, schützt der Regisseur sie vor allzu voyeuristischen Publikumsgelüsten.

Kritiker werfen ihm dennoch vor, "Sozialzoos" zu inszenieren: Eine strukturelle Gefahr, der sich prinzipiell jeder Regisseur aussetzt, wenn er lebensechte Gastspieler auf eine Bühne stellt, zumal aus sozialen Randgruppen. Ein Beispiel: Die Hartz-IV-Empfänger, die Lösch 2008 für seine Hamburger "Marat"-Inszenierung nach Peter Weiss castete, treten unter anderem als geist- und mittellose Plebejer auf. Sie prügeln sich um Gratis-Wahlplakate der CDU und lassen sich willfährig von dummen Motivationstrainern schurigeln. Werden die Stereotypen, mit denen sich solche sozialen Gruppen im Alltag sattsam herumzuschlagen haben, auf der Bühne damit nicht eher bestätigt als ausgehebelt; reale Demütigungen unbewusst wiederholt?

Diesen Vorwurf kann Volker Lösch gar nicht verstehen. Ob ausgewiesene Schauspieler in einer Bühnensituation, die ja immer einen fiktionalen Rahmen trage, stumpfsinnige Volksmassen geben oder reale Hartz-IV-Empfänger, mache für ihn keinerlei Unterschied.

Eigentlich könnte man das so keinesfalls stehen lassen. Wenn sich diese Debatte - einer Pointe sei Dank - nicht mittlerweile von selbst erledigt hätte. Wie sich bei Volker Löschs jüngster Berliner Inszenierung "'Lulu - Die Nuttenrepublik' nach Frank Wedekind mit Texten von Berliner Sexarbeiterinnen" herausstellte, waren vier der 16 Frauen keine Prostituierten, sondern Jungschauspielerinnen.

"Wir haben niemals behauptet, authentische Chöre auf die Bühne zu stellen", erklärte Lösch daraufhin der Presse. "Es gibt im Theater nichts Echtes. Da wird gespielt, behauptet, erfunden und konstruiert. Es geht um Theater-Figuren." Im Vordergrund habe von jeher die Authentizität der Texte gestanden, nicht die der Darsteller.

Könnte man sich dann nicht den ganzen Sozialchor-Casting-Aufwand sparen und von vornherein ausschließlich mit ausgebildeten Schauspielern arbeiten? Der Regisseur gibt zu: "Manchmal ist es wichtig und auch möglich, die Autoren der Texte ins Spiel einzubinden, und manchmal eben nicht. Das hängt vom jeweiligen Projekt ab." Mit Echtheitslabel allerdings lässt sich ein Theaterabend wesentlich besser verkaufen.

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