Doku-Boom auf der Bühne Theater muss wie Koks sein!

Matthias Horn

Von Christine Wahl

5. Teil: Selbstmordbomber auf Sendung - Hans-Werner Kroesinger


Hans-Werner Kroesinger ist gerade mal Mitte Vierzig. Beruflich darf er sich bereits als Veteran fühlen. Wie die Macher von Rimini Protokoll ist er Absolvent des Gießener Studienganges für Angewandte Theaterwissenschaften. Als er Anfang der neunziger Jahre den freien Kulturmarkt betrat, war an den jetzigen Reality-Boom noch nicht mal ansatzweise zu denken. Kein Mensch führte die Vokabel "Dokusoap" im Munde. Das Stichwort "Dokumentartheater" weckte bestenfalls Erinnerungen an uncoole Kampfschriften aus den Siebzigern. Und die früheren Kommilitonen zogen erst mal aus, das "Poptheater" zu erfinden, während Kroesinger allein auf weiter Flur Akten zum Deutschen Herbst, zur Überwachungsarchitektur von Gefängnisbauten oder zum Prozess gegen Adolf Eichmann wälzte. Die Recherche-Ergebnisse, die damals noch deutlich weiter entfernt lagen als einen Mausklick zu WikiLeaks, stellte er dann nicht etwa in zeigefingernden Basta-Theatershows aus. Sondern Kroesinger erfindet seit jeher vielschichtige Bühnenlaboratorien, in denen die Dokumente von den Schauspielern immer neu hin und her gewendet, ins Gegenlicht gehalten und aus allen erdenklichen Perspektiven durchleuchtet werden.

Das klingt anspruchsvoll - und ist es auch. 2000 Lektüre-Seiten, schätzt Hans-Werner Kroesinger ganz unaufgeregt, kommen bei der Vorbereitung auf ein neues Projekt im Schnitt zusammen. Die fünf Zeitungen, die er jeden Morgen standardmäßig durchblättert, sind da noch gar nicht eingeschlossen.

Die Interessen hinter den Massakern

Obwohl er wohl jede tagesaktuelle Topnachricht aus dem Stegreif referieren und mit Hintergrundinformationen versehen könnte, widersteht der Regisseur der Versuchung, sich thematischen Trends zu unterwerfen. Nicht, dass Inszenierungen wie "suicide bombers on air. PRIMETIME" oder "Kindersoldaten" keine Gegenwartsdebatten berühren würden. Aber zu Kroesingers vorrangigen Auswahlkriterien gehörte die Tagesaktualität noch nie. Wie in der neuen Produktion "Darfur - Mission Incomplete", die am Freitagabend in seinem Berliner Stammhaus HAU Premiere hatte, spannt er bei der Aufarbeitung von Krieg, Völkermord oder politischen Entscheidungen grundsätzlich einen komplexen historischen Bogen. Erst der Rückgriff auf zurückliegende Ereignisse und internationalen Kontext ermögliche es, so Kroesingers Überzeugung, aktuelle politische oder wirtschaftliche Interessenslagen hinreichend klar zu erkennen.

Das sogenannte Reale hat Hans-Werner Kroesinger deshalb nie in Authentizitätsversprechen gesucht. Wahrheiten scheinen für ihn bestenfalls punktuell auf - und zwar am ehesten in den Widersprüchen, die das gründliche Quellenstudium zutage fördert. Stets kombiniert er verschiedene Blickwinkel, Texte und Medien so miteinander, dass sie sich gegenseitig ergänzen, kommentieren oder aushebeln. Dokumente werden mit literarischen Texten konfrontiert, das Live-Schauspiel mit Videosequenzen oder Statistiken mit Augenzeugenberichten.

Das ist auch der Punkt, an dem sich Kroesingers Ansatz vom Dokumentartheater eines Rolf Hochhuth oder Peter Weiss aus den sechziger und siebziger Jahren unterscheidet. Zwar sieht sich der Theatermacher, der als einer der führenden Vertreter seiner Branche gilt, durchaus in der Traditionslinie dieses verdienstvollen Enthüllungsgenres. Auch er betrachtet das Theater ausdrücklich als "Informationsmedium" und "Analyse-Instrument". Anders als die älteren Kollegen verzichtet Kroesinger allerdings auf jede Form von Parteilichkeit. Ihn interessieren keine fertigen Bilder oder Haltungen, sondern die Baupläne oder Argumentationslinien dahinter. Statt Standpunkte einzunehmen, will Kroesinger "den Mechanismus durchschaubar machen, in dem wir agieren".

Nicht jeder hat Lust, sich dieser fruchtbaren Anstrengung zu unterziehen. Manchem Kritiker gilt Kroesingers Theater als zu "spröde und anspruchsvoll". Der Regisseur reagiert darauf nicht beleidigt. Im Gegenteil: "Es ist halt eher ein Arbeits- als ein Erlebnisangebot", kontert er nickend.

Hans-Werner Kroesinger: "Darfur - Mission Incomplete" im HAU Berlin, bis 18.1.



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