Doku-Drama über Eschede: Wenn das Leben entgleist

Von Peter Luley

Es war das größte Zugunglück der deutschen Nachkriegsgeschichte: Bei Eschede entgleiste im Juni 1998 ein ICE, 101 Menschen kamen ums Leben. Jetzt hat die ARD ein Doku-Drama zur Katastrophe gezeigt. Den Machern gelang ein Drahtseilakt: zu bewegen - und zu informieren.

Taugt das Zugunglück von Eschede, die größte Katastrophe des Eisenbahnverkehrs der deutschen Nachkriegsgeschichte, zum Stoff für einen Fernsehfilm? Für ein Doku-Drama zumal, in dem neben Archivmaterial und Interviews mit Hinterbliebenen der 101 Opfer auch Szenen enthalten sind, in denen Schauspieler und Helfer von damals die Geschehnisse nachspielen?



Den Programm-Verantwortlichen war die Brisanz des Projekts bewusst. Sie habe selten einen Film erlebt, bei dem alle Beteiligten ihre Arbeit so sehr hinterfragt hätten, sagt Patricia Schlesinger, Leiterin des Programmbereichs Kultur und Dokumentation beim NDR.

Redakteur Hans-Jürgen Börner und Produzent Ulrich Lenze verweisen darauf, dass Psychologen keine Bedenken gegen die Mitwirkung Betroffener gehabt hätten. Vielmehr hätten Fachleute bestätigt, dass das "Verwörtern" einer solchen Erfahrung befreiend wirke.

Und Autor und Regisseur Raymond Ley ("Die Nacht der großen Flut") berichtet von der zwei Jahre währenden Vorbereitung des Projekts: "Mit Abstand das schwierigste Thema, das ich bisher bearbeiten durfte."

"Eschede Zug 884" folgt der verhängnisvollen Fahrt des ICE 884 "Wilhelm Conrad Röntgen", der am 3. Juni 1998 um 5.45 Uhr von München aus Richtung Hamburg startete. Da berichtet der Hinterbliebene Heinrich Löwen, der bei dem Unglück Frau und Tochter verlor, vom "Reisefieber", das seine Familie an jenem warmen Sommertag ergriffen hatte.

Nachdem seine Worte verklungen sind, gleitet die Kamera über das Bahnhofsschild von Vilshofen, und der Schauspieler Jockel Tschiersch tritt als Löwen auf. Er wird ihn künftig in den sogenannten Re-Enactment-Passagen verkörpern.

Auch Harald Korb (gespielt von Bernd Tauber) lernt man kennen; einen Lehrer, der seine Frau verlor, und den Unternehmensberater Jens Hager-van der Laan (Peter von Strombeck), dessen ums Leben gekommene Frau und zwei Kinder nach Glücksburg aufbrachen, während er selbst zu einem beruflichen Termin nach Köln reiste.

Alle drei erweisen sich als beeindruckende Erzähler. Van der Laan erinnert sich, wie sein Sohn zu einem Nachbarn sagte: "Wir sind heute glücklich, denn wir fahren nach Glücksburg". Löwen erwähnt, dass seine Frau zuvor "vielleicht sechs, acht Jahre nicht mehr mit dem Zug gefahren war". Die bisweilen arg auf den Effekt bedachte Visualisierung und Montage ihrer Geschichten wäre nicht nötig gewesen.

Tödliche Zeitnot

Ley hat außerdem Zitate aus einer Zeugenvernehmung der Bahn-Mitarbeiter im Werk München ins Erzähl-Szenario geschnitten. Tenor: Bei der Wartung und Instandhaltung der Züge stand man unter erheblichem Zeitdruck. Auch die mangelnde Kenntnis der zu prüfenden Radreifen wird deutlich.

Erich Philipp, ehemaliger Leiter der Soko "Eschede", erläutert, wie Materialmängel als Fehlmessungen interpretiert wurden und die Weiterfahrt des Zuges genehmigt wurde. Sein Fazit: "Dass man es möglich gemacht hat, dass er weiterfahren kann – das ist der Fehler im System gewesen." Diese Sequenzen erhellen, wie es geschehen konnte, dass sich ein geplatzter Radreifen so verkantete, dass der Boden eines Waggons aufgerissen wurde, der Zug entgleiste und eine Brücke zum Einsturz brachte.

Spätestens nach rund 30 Filmminuten, wenn im niedersächsischen Landkreis Celle das Unglück passiert, kann man sich dem Drama kaum mehr entziehen.

Wenn Anwohner die apokalyptische Stille nach dem Crash beschreiben; wenn Lehrer Kolb seine Frau sucht und die Tote schließlich findet ("leicht eingebettet in dieses Erdreich, gut anzusehen, als würde sie schlafen") und wenn er mechanisch noch seinen Rucksack mit den Schulaufgaben einer zehnten Klasse birgt – dann ist man der Tragödie auf beklemmende Weise ein Stückchen näher gekommen.

Man vollzieht nach, wie Löwen daheim am Radio bangend die stetig steigenden Opferzahlen vernimmt, und versteht, dass van der Laan den nächsten Zug Richtung Eschede nimmt und von der "schlimmsten Fahrt meines Lebens" spricht. Hier erreicht der Film sein Ziel eines würdigenden Andenkens, umkreist Anteil nehmend ein Trauma unserer hochtechnisierten Gesellschaft. "Hab’ ich falsch gelebt, kennen Sie die Geschichte von Hiob?", fragt in einer Spielszene van der Laan. "So fühl’ ich mich, wie Hiob."

Mit Sicherheit borniert

Und die Rolle der Bahn? Weil das teilprivatisierte Staatsunternehmen, das für jeden Todesfall 30.000 DM an die Hinterbliebenen zahlte, zu keinem Interview mit den Filmemachern bereit war, behalfen man sich mit zwei – entsprechend trotzig montierten – Archivzitaten des Bahnchefs Hartmut Mehdorn.

In einem Interview mit Sandra Maischberger im Jahr 2001 bezeichnete der Manager die Bahn als weiterhin "sicherstes Verkehrsmittel" und erklärte: "Also muss man jetzt mit dieser Katastrophe ordentlich umgehen, und das tun wir ja." Dass sich die Bahn bis heute zu keiner Bedauernsadresse durchringen konnte und auch diese Gelegenheit verstreichen ließ, löst Befremden aus.

"Es wäre für mich ein großes Glück gewesen, wenn jemand die Verantwortung übernommen hätte", erklärt gegen Ende Jens Hager-van der Laan. Nach Ansicht des Films ahnt man, was er meint.


"Eschede Zug 884", Freitag, 30.5., 21.45 Uhr, ARD

Wiederholung: Dienstag, 3.6., 21.45 Uhr, NDR

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Gesellschaft
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Zur Startseite
Fotostrecke
"Eschede Zug 884": Traumatische Technik