Doku-Soap "Die Drews" Grenzenloser Jammer der menschlichen Existenz

Die RTL 2-Doku "Die Drews - eine furchtbar nette Familie" zeigte Dinge, die eigentlich niemand sehen will: einen fluchenden abgehalfterten Schlagersänger im Mini-G-String mit Haaren auf dem Rücken, eine aufgepolsterte Blondine und einen kackenden Hund.


 Unfassbare Leere: Die Drews in ihrer Doku-Soap
DDP

Unfassbare Leere: Die Drews in ihrer Doku-Soap

Was hätte er wohl gesagt, der große Theodor W. Adorno, der 1969 verstorbene Gesellschaftstheoretiker und Philosoph, Mitbegründer der "Frankfurter Schule" und Erfinder des Begriffs von der "Kulturindustrie"? Was hätte er zur neuen dreiteiligen Doku-Soap "Die Drews. Eine furchtbar nette Familie" gesagt, ein deutsches Remake der US-Serie mit Rockstar Ozzy Osbourne, deren erster Teil gestern Abend bei RTL 2 zu besichtigen war?

Hätte er, wie 1944 im berühmten "Kulturindustrie"-Kapitel der "Dialektik der Aufklärung", etwa gesagt: "Das versöhnte Lachen ertönt als Echo des Entronnenseins aus der Macht"? Oder vielleicht: "Fun ist ein Stahlbad. Die Vergnügungsindustrie verordnet es unablässig"? Oder: "Immerwährend betrügt die Kulturindustrie ihre Konsumenten um das, was sie immerwährend verspricht"? Wir wissen es nicht. Vielleicht hätte er einfach seiner Frau Gretel zugerufen, sie solle ein Glas Rotwein aus der Küche mitbringen und wann denn eigentlich "Daktari" wieder laufe, die absolute Lieblingsfernsehserie des Menschheitsdenkers, wie wir heute dank akribischer biografischer Recherchen wissen.

Wahrscheinlich aber wäre Adorno stumm geblieben, wie auch wir stumm geblieben sind gestern Abend angesichts der unfassbaren Leere, die sich zwischen 21.15 Uhr und 22.15 Uhr auf unserem Fernsehbildschirm ausbreitete. Denn für das, was wir da sahen, gibt es kaum Worte, reicht die deutsche Sprache, die Sprache Goethes und Schillers, fast nicht aus. Hier wurden Grenzbereiche der menschlichen Wahrnehmung berührt, und ein Abgrund tat sich auf, für den nur noch ein leicht abgewandeltes Adorno-Wort einen annähernd wahrheitsgemäßen Ausdruck liefert: Das Ganze darf einfach nicht wahr sein!

Denn was sahen wir? Wir sahen den verkaterten Jürgen Drews, oben ohne, am Morgen des ersten Schultages seiner Tochter Joelina, für die zu Hause in Rorup bei Dülmen ein wahrer Geschenke-Altar aufgebaut worden war. Wir sahen Hund "Fienchen" beim Herumhoppeln und Auf-den-Teppich-Kacken, "Chaoten-Drews" (Selbstbezichtigung) im Bad ("Schatz, wo is'n Shampoo?") und beim Friseur ("Aber nur zwei Zentimeter!"). Wir wurden Zeugen des Augenblicks, da Ehefrau Ramona bislang unentdeckte Haare auf dem Rücken des Schlagersängers ("Iiiihh!") dingfest machte und waren dabei, als Drews verschlafen aus dem Bett stieg, im schwarzen Mini-G-String und immer irgendwas von "Scheiße!" brabbelnd.

Dramatischer Höhepunkt der Doku-Soap: die verschlossene Haustür auf Mallorca. Minutenlang durften wir zusehen, wie das Schloss klemmte. Es klemmte und es klemmte, bis es Ramona schließlich doch noch gelang, die Tür zu öffnen. Eine kafkaeske Metapher für Verlorenheit und Vergeblichkeit oder doch nur eine subtile Werbung für deutsche Fertigtüren vom Baumarkt? Wir wissen es nicht.

Als Hetero-Männer, Hobbyethnologen und Teilzeit-Gerontologen (Altersforscher) jedenfalls fiel uns, während wir aus purer Verzweiflung dem badischen Weißburgunder trocken vom Weingut Dr. Schneider nur umso heftiger zusprachen, wieder einmal der Kontrast der Geschlechter auf: Während die blonde Ramona mit der Modelfigur, trotz sichtbarer chirurgischer Eingriffe im oberen Körperbereich, immerhin auf einen guten Gesamteindruck achtet, folgt Drews der klassischen Männer-Maxime, die lautet: Ich sehe eigentlich immer noch so geil aus wie mit fünfundzwanzig! Mit fünfundfünfzig aber, das sollte ihm jemand sagen, sieht er in Wirklichkeit aus wie eine alte Indianer-Squaw.

Was also haben wir gesehen? Schon am nächsten Morgen wissen wir es nicht mehr genau. Auch die spärlichen Notizen sind da keine rechte Hilfe mehr, Strohhalme in der Wüste des Sehens. Es könnte aber sein, dass wir Zeugen einer historischen Zäsur geworden sind. In der nun allseits verabschiedeten so genannten "Spaßgesellschaft" der Neunziger sollten die Zuschauer noch unterhalten und vom allgemeinen Elend der Welt abgelenkt werden.

Mit der Doku-Soap "Die Drews" ist ein neues Zeitalter angebrochen. Hier wird das Publikum derart mit dem grenzenlosen Jammer der menschlichen Existenz konfrontiert, dass sich ein kathartischer Effekt einstellen könnte: Wie wunderschön und aufregend, so mag es der Brust unzähliger Zuschauer und Zuschauerinnen zwischen Bamberg und Bottrop entfleuchen, wie intensiv und sinnerfüllt ist doch unser eigenes Leben!

Nur Theodor W. Adorno, lebte er noch, hätte auch daran wieder negativistisch herumgekrittelt. An einen Freund schrieb er einst, "dass der Begriff des Lebens selber als einer aus sich selbst entfaltenden und sinnvollen Einheit gar keine Realität mehr hat".

Da aber, meinen wir, kann er wirklich nur, im antizipatorischen Vorgriff, von Jürgen Drews gesprochen haben.



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