Doku über Van-Gogh-Attentat Amsterdams Alptraum

Wie verwandelte sich ein junger, sympathischer Holländer muslimischen Glaubens zum hasserfüllten Schlächter? Eine ARD-Dokumentation versucht zu rekonstruieren, warum Mohammed Bouyeri, Kampfname "Abu Zubair", den Filmemacher Theo van Gogh vor drei Jahren auf offener Straße ermordete.

Von Reinhard Mohr


Es geschah mitten in Amsterdam, Sinnbild einer liberalen, weltoffenen, leichtlebigen europäischen Metropole, Traumort ganzer Trampergenerationen. Am 2. November 2004, kurz nach halb neun Uhr morgens, schoss Mohammed Bouyeri, ein damals 26-jähriger Holländer marokkanischer Abstammung, aus kurzer Distanz achtmal auf einen vorbei kommenden Radfahrer. Er hatte ihn erwartet, auf seinem eigenen Fahrrad sitzend.

"Ihr seid unsere Feinde, ihr Schweine, ihr beleidigt uns!", schrie er, die Pistole in der Hand. Vergeblich hatte das wehrlose Opfer zu fliehen versucht. Als der Filmemacher Theo van Gogh, 47, der auf dem Weg in sein Büro war, tödlich getroffen am Boden lag, schnitt Bouyeri ihm mit einer Machete die Kehle durch. Dann holte er ein Filettiermesser heraus und stieß es dem Toten in die Brust. Zwischen Messer und Brust klemmte blutig ein fünfseitiger Drohbrief an Ayaan Hirsi Ali, die bekannte Islamkritikerin somalischer Herkunft, eine Freundin des Opfers.

Auch Ali ist holländische Staatsbürgerin. Anders als van Gogh aber stand sie unter Polizeischutz. Weil er sich ohne Bodyguards frei bewegen wollte, traf es ihn, den Regisseur des gemeinsamen Films "Submission", der die Unterwerfung der Frau durch das islamische Gesetz, die Scharia, thematisiert. Es war eine Hinrichtung bei helllichtem Tage, eine exemplarische Exekution, ein fast schon rituelles Abschlachten. Viele Passanten schauten zu, tatenlos. In aller Ruhe konnte der Mörder den Tatort verlassen, und als ein Augenzeuge schließlich ungläubig rief: "Das kannst du doch nicht machen!", antwortete er: "Das kann ich sehr wohl. Jetzt wisst ihr, was euch erwartet."

Nach einer heftigen Schießerei konnte die Polizei Bouyeri kurz darauf festnehmen. Inzwischen sitzt er in lebenslanger Haft. Noch am selben Abend demonstrierten, trommelten und weinten Hunderttausende in Amsterdam, voller Entsetzen, Trauer und Wut. Der Tag, als Theo van Gogh ermordet wurde, hatte ganz Holland in einen Schockzustand versetzt.

"Verflucht seist Du, o Europa"

"Der Tag, als Theo van Gogh ermordet wurde" ist auch der Titel eines knapp einstündigen Dokumentarfilms von Esther Schapira ("Der Tag, als ich ins Paradies wollte") und Co-Autor Kamil Taylan, der morgen Abend um 22.45 Uhr in der ARD gezeigt wird. Es ist ein außergewöhnlicher, ein hervorragender, ein beklemmender Film, an dessen Ende man zunächst sprachlos ist, obwohl es so viel zu sagen gibt.

Akribisch gehen die Autoren der Frage nach, warum Mohammed Bouyeri, ein intelligenter, durchaus sympathischer junger Holländer muslimischen Glaubens, binnen weniger Jahre zum hasserfüllten Fanatiker und Menschenschlächter wurde. Der Film, spannender als viele "Tatort"-Folgen, entfaltet die Geschichte einer mörderischen Konfrontation, deren Muster nach dem 11. September 2001 zum weltweiten Menetekel geworden ist: Junge islamische Männer, gesellschaftlich gut integriert, beginnen einen Amoklauf gegen die westliche Zivilisation aus deren Mitte heraus – im Namen des Propheten. "Verflucht seist Du, o Amerika, verflucht seist Du, o Europa, verflucht seist Du, o Holland!", schrieb der Mörder van Goghs vor der Tat im Internet. "Alle Ungläubigen verdienen den Tod!"

Theo van Gogh, Ururenkel des weltberühmten Malers Vincent van Gogh, ein enfant terrible, war ein Tabubrecher, ein Provokateur aus Leidenschaft. "Ziegenficker" nannte er Muslime gerne. Mit Wonne beleidigte er aber auch Juden, Christen und Deutsche aller Konfessionen. Nicht einmal vor sich selbst machte er Halt und inszenierte schon mal sein eigenes Begräbnis. Selbst als radikaler Imam verkleidete er sich, eine beißende Satire gegen das Mullah-Unwesen.

Natürlich hagelte es Kritik und Anzeigen, aber im liberalen Holland kam niemand auf die Idee, dass irgendjemand dieser barock-hedonistischen Künstlernatur ernsthaft nach dem Leben trachten könnte. Doch nicht hier, nicht in Amsterdam.

Im Fadenkreuz der Fanatiker

Nur Ayaan Hirsi Ali, die als Mädchen und junge Frau in Somalia jahrelang selbst Opfer islamischer Gewalt war, die noch als Parlamentsabgeordnete Personenschutz brauchte, warnte ihn: "Es ist gefährlich." Deshalb zeigte sie das Videoband von "Submission", zu dem sie das Drehbuch geschrieben hatte, vorab dem Innen- und dem Finanzminister, die beide keine Bedenken äußerten, deshalb auch wollte sie nur ihren Namen im Abspann sehen. Dass im Film Koran-Suren, geritzt in die nackte Haut einer Frau, eine wichtige Rolle spielten, schien ihr ein Risiko, das sie nur allein auf sich nehmen wollte. Regisseur van Gogh widersprach mutig und leichtsinnig zugleich - und geriet so ins Fadenkreuz der Fanatiker.

Sein Mörder hatte da schon einen weiten Weg hinter sich – vom engagierten Schüler der Amsterdamer Mondrian-Realschule, Studenten der Wirtschaftsinformatik und begabten Mitarbeiter einer Stadtteilzeitung bis zum Mitglied der "Hofstadt"-Gruppe, einer islamischen Terrorzelle mit direkten Verbindungen zu al-Qaida und deren inzwischen getöteten Führer Abu Mussab al-Sarkawi persönlich. Dem holländischen Geheimdienst, der die verdächtige Gruppe überwachte und zwei Monate vor der Tat sogar umfassend abhörte, galt Bouyeri, trotz seiner offenkundigen Radikalisierung, bis zum bitteren Ende lediglich als unterstützende "Randfigur".

Selbst als er einmal beim Schwarzfahren erwischt und sein "blutgetränktes" Testament gefunden wurde, ließ man ihn wieder frei. Gemeinsam mit seinem Vorbild, Mentor und Mitbewohner Abu Khaled, einem syrischen Langzeit-Asylbewerber aus Deutschland (seit 1994), der zwischendurch ein Trainingslager der Qaida in Pakistan besuchen konnte, schaute er sich mit Vorliebe islamistische Enthauptungsvideos im Internet an.

Mit seiner Familie hatte er da schon längst gebrochen. Aus dem einstigen Mustersohn, der rauchte, trank und tanzen ging, war ein radikaler Islamist geworden, der nur noch die "Pflicht gegen Allah" kennt und seine irdische Seele mit dem "Paradies" tauschen will. Sein Kampfname lautete "Abu Zubair". Das Rätsel dieser Metamorphose löst auch dieser Film nicht, wie sollte er?

Am Abend vor der Tat aß die Hofstadt-Gruppe noch gemeinsam Suppe und hörte Koran-Suren vom MP3-Player. Um sechs Uhr früh, am Morgen des 2. Novembers 2004, macht sich Mohammed Bouyeri mit Pistole, Messer und Machete auf den Weg. "Persönlich" habe er gar nichts gegen Theo van Gogh, sagt er später im Prozess. "Aber der Prophet musste verteidigt werden."

Bouyeri wurde als "Einzeltäter" verurteilt, obwohl es viele Indizien für eine gemeinschaftlich begangene Tat gibt. Auch der Staatsanwalt hat seine Zweifel am Urteil. Kein Zufall dürfte es sein, dass der mutmaßliche Drahtzieher Abu Khaled unmittelbar nach der Tat floh – über die Türkei nach Syrien.

Dubios bleibt auch die Rolle des holländischen Geheimdienstes, der vieles wusste und wenig tat. Warum wurde Theo van Gogh nicht gewarnt? Warum ist auf den Abhörbändern kurz vor dem 2. November angeblich "nichts Wichtiges" zu hören? Waren Khaled und Bouyeri womöglich jahrelang Spitzel, die aus dem Ruder liefen? Die Vermutung legt der Film nahe, dessen eindringliche Wirkung auch dank sorgfältiger Kameraführung, dezent nachgestellten Szenen, guten Interviews, und wirkungsvoller Musik erzeugt wird.

"The challenge of evil" nennt Ayaan Hirsi Ali den neuen "Islamfaschismus”. Sie selbst, in Holland nach der Tat noch stärker bedroht als zuvor, lebt nun in Amerika.

Es bleibt ein Gedanke, den man unwillkürlich fasst, wenn der Film schon ein paar Minuten vorüber ist: Es gibt eine Toleranz, die tödlich endet. Eine Toleranz, die eher Feigheit, Gleichgültigkeit und Denkfaulheit entspringt als einer liberalen Haltung. Es geht um die Freiheit. Und um ihre Feinde.

"Take care!" rief Theo van Goghs Mutter den Trauernden zu. "Passt auf Euch auf!"


"Der Tag, als Theo van Gogh ermordet wurde": Mittwoch, 13. Juni, 22.45 Uhr, ARD



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