Vergewaltigungen in Indien "Schuldig ist jeder, der Frauen zu Menschen zweiter Klasse macht"

Die Massenvergewaltigung einer jungen Frau in einem Bus schockierte 2012 die Welt und setzte Indien in Aufruhr. Die britische Regisseurin Leslee Udwin drehte eine Doku über das Ereignis und die Folgen, die ausgerechnet in Indien verboten ist.

AP

Ein Interview von


"Eine Frau trägt eine viel größere Verantwortung für eine Vergewaltigung als ein Mann" - ein schockierender Satz eines zum Tode verurteilten Täters. Er stammt aus der Dokumentation "India's Daughter" der britischen Filmemacherin Leslee Udwin über die Massenvergewaltigung einer jungen Frau in Indien, die Ende 2012 Ausschreitungen und Proteste in Indien auslöste und weltweit für Entsetzen sorgte. Die 23-Jährige erlag ihren Verletzungen. Im Film lässt Udwin die Eltern der jungen Frau zu Wort kommen, sie gibt aber auch den Vergewaltigern viel Raum. In vielen Ländern soll der Film zum Internationalen Frauentag am 8. März gezeigt werden. In Indien hat ein Gericht die Fernsehausstrahlung verboten.

SPIEGEL ONLINE: Frau Udwin, Ihr Film wird weltweit im Fernsehen gezeigt, aber in Indien kann man die Dokumentation nur im Internet sehen. Warum?

Udwin: Es gibt mehrere Aspekte - der Innenminister hat das Verbot verteidigt: Was der Vergewaltiger sagte, sei ein "Angriff auf die Würde der Frauen", so sein Argument. Ich glaube aber, viele Regierungsmitglieder haben den Film gar nicht gesehen. Sie bekamen nur die Information zugespielt, dass der Film ein schlechtes Licht auf ihr Land werfe. Ich war die letzten Tage in Indien mit dem Film unterwegs; gerne hätte ich die Dokumentation Premier Narendra Modi gezeigt. Er hätte dann festgestellt, dass mein Film seine Forderungen spiegelt. Modi selbst wurde unter anderem ja auch gewählt, weil er 2014 im Wahlkampf angekündigt hatte, gegen die Ungerechtigkeit zwischen Männern und Frauen zu kämpfen.

SPIEGEL ONLINE: Was sind die anderen Aspekte?

Udwin: Ich glaube, die Polizei hat gefordert, dass der Film verboten wird. Ich kenne den Tatvorwurf gegen mich. Das Papier, das dem Gericht geschickt wurde, liegt auch mir vor. Darin steht, dass die Polizei befürchtet, dass durch den Film "Gesetz und Ordnung gebrochen werden könnten". Sie haben Angst, dass die Proteste, die nach der Vergewaltigung 2012 ausbrachen, wieder aufflammen. Aber das ist genau die falsche Maßnahme: Auch vor drei Jahren fingen die Proteste friedlich an, es gab erst Krawall, als die Polizei zu repressiven Maßnahmen griff, Wasserwerfer und Tränengas einsetzte. Sie können die Meinungsfreiheit in einer Demokratie nicht auf diese Weise einschränken.

Zur Person
  • REUTERS
    Leslee Udwin, 1957 in Savyon, Israel geboren, ist eine britische Schauspielerin, Produzentin und Regisseurin. 1999 wurde sie für die Multikulti-Komödie "East is East", ihre erste Produktion, mit einem BAFTA Award ausgezeichnet.
SPIEGEL ONLINE: Warum hat kein indischer Filmemacher den Film gemacht?

Udwin: Das müssen Sie die fragen! Ich bin keine Inderin, das stimmt - und Indien reagiert auch vor dem Hintergrund der Kolonialgeschichte oft sehr empfindlich auf Kritik von außen. Das verstehe ich. Aber ich bin kein Außenseiter, was das Problem angeht: Ich bin eine Frau, ich wurde selbst vergewaltigt. Das Problem ist kein rein indisches, es ist global. Ich als Frau fühle genauso heftig wie jede andere Frau, und ich habe jedes Recht, einen solchen Film zu machen. Selbst indische feministische Bewegungen kritisieren mich. Das ist unfair und kurzsichtig. Ich fordere sie auf, selbst solche Filme zu drehen. Wir brauchen so viele wie möglich.

SPIEGEL ONLINE: In ihrem Film zeichnen Sie auch die Lebenswege der Vergewaltiger nach: Die Männer sind alle ohne Bildung und Geld, Verlierer einer Gesellschaft.

Udwin: Ich finde nicht, dass ich das Problem als reine Klassenfrage aufziehe. Es ist ein Problem, das sich komplett durch die indische Gesellschaft zieht. Ich habe mich auf diesen Aspekt beschränkt, ich konnte ja keinen sechsstündigen Film machen. Es kommen aber auch andere Männer aus anderen Schichten zu Wort; etwa der Anwalt der Vergewaltiger, der genauso extreme Ansichten hat und noch immer dazu steht, dass er mal in einem Interview sagte, er würde seine unverheiratete Tochter oder Schwester mit Benzin übergießen und anzünden, wenn sie abends ausgehe und ihr "Gesicht" bei bestimmten Dingen verliere.

SPIEGEL ONLINE: Sind also die Männer grundsätzlich schuldig?

Udwin: Nein. In meinem Film kommen ja auch aufgeklärte Männer vor, etwa der Tutor und Freund der getöteten Studentin, der ganz klar für Gleichberechtigung plädiert. Schuld ist jeder, der solche Traditionen bewahrt, die Frauen zu Menschen zweiter Klasse machen; jeder, der nichts dagegen tut, dass in Indien noch immer Föten getötet werden, weil es sich um Mädchen handelt.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es denn Veränderungen, die spürbar sind?

Udwin: Unter Premier Modi wurden Gesetze zum Schutz von Frauen verschärft und an öffentlichen Orten Überwachungskameras installiert. Ohne Frage: Wenn nur eine von ihnen das Leben einer Frau gerettet hat, waren die Maßnahmen sinnvoll. Aber viel entscheidender ist, dass sich die Geisteshaltung in der indischen Gesellschaft ändert. Deshalb muss das Thema Gleichberechtigung in den Lehrplan an Schulen aufgenommen werden. Dafür kämpfe ich.

SPIEGEL ONLINE: Wird Ihr Film in Indien doch noch erlaubt?

Udwin: Das Verbot wird aufgehoben, da bin ich sicher. Ich werde die Gerichte überzeugen. Sie sind nicht Marionetten der Regierung.

Die BBC zeigte den Film bereits am vergangenen Mittwoch, er ist über die Mediathek des Senders als Stream abrufbar, allerdings nur mit einer britischen IP-Adresse.



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insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
godshavethequeen 07.03.2015
1. ...
Der Film selbst war sehr durchschnittlich gemacht. Ich habe von Gerüchten gelesen, dass das Team dieser Doku dem interviewten Vergewaltiger aus dem Gefängnis 40.000 Rupien gezahlt hat um das Interview zu bekommen. Einerseits könnte ichs nachvollziehen, andererseits ist das unmoralisch, gerade wenn man eine Doku dreht über Themen, die u.a. moralisches Verhalten behandelt, sollte man selbst möglichst fehlerlos arbeiten.
JKStiller 07.03.2015
2. Wer das moderne Indien
schon mal bereist hat, weiß warum dieser Film nicht von Indern gemacht wurde. Das Kastensystem, obwohl seit Gandhi per Gesetz eigentlich abgeschafft, hat noch viel mehr alltägliche Grausamkeiten zu bieten. Folgerichtig ist Indien somit auch nur eine pro forma Demokratie und steckt tatsächlich geistig bzw. religiös im Mittelalter fest. Das sind Fakten, die besser unausgesprochen bleiben.
willi10661 07.03.2015
3.
habe selten einen Betrag gesehen der vergleichbar sachlich mit einer derart brisanten Thematik umgeht. kann man nur weiter empfehlen.
katti 08.03.2015
4. Verbot sinnlos
Die Inder, die die Doku sehen wollen, die tuen es auch. Mit dem Verbot macht sich die Regierung nur lãcherlich. Ich bin momentan in Delhi und sehr viele haben die Doku bereits vor mehreren Tagen gesehen und per Sozial Media weiterverbreitet. Das Verbot reizt meiner Meinung nach noch mehr Menschen die Doku zu sehen ! (nur schade, dass nicht Modi!)
gmbr 08.03.2015
5. Der erste Schritt ist:
Indien nicht ständig als demokratisch zu erklären. In eine Demokratie sind Gesetze, Handlungen, Erziehung, das kulturelle Verständnis im Einklang.
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