Doku "Wenn Tote stören" Auf der Mauer, auf der Lauer

Von Liquidierungen und "Legendierungen": Die ARD-Dokumentation "Wenn Tote stören" erzählt vom Sterben an der deutsch-deutschen Grenze – und arbeitet konsequent heraus, dass man auch im Westen gerne darüber schwieg.

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Der Osten zog die Mauer hoch, der Westen verteidigte sie. Zu dieser absurden Situation kam es zumindest im August 1962, als es auf Westberliner Seite erstmals schwere Krawalle vor dem Bauwerk gab. Egon Bahr, damals Pressesprecher von Bürgermeister Willy Brandt und später Vordenker der Entspannungspolitik, erinnert sich: "Als das anfing, bekamen wir von den drei Mächten den Befehl unsere Polizei einzusetzen." Später im Film konkretisiert der Politiker, der sich mit 85 Jahren bedachtsam und bestimmt gibt wie eh und je: "In Berlin wollten eigentlich alle das Gleiche, Ruhe mit Hilfe der Mauer."

Szene aus "Wenn Tote stören": Verbluten im Todesstreifen
NDR

Szene aus "Wenn Tote stören": Verbluten im Todesstreifen

So bitter das klingt: Für geopolitische Strategen auf beiden Seiten stellte der antifaschistische Schutzwall, der im Sommer '61 hochgezogen worden war, ein Glücksfall dar. Man arrangierte sich hüben wie drüben ganz gut mit dem Grenzregime.

Nicht jede tödliche "Republikflucht" gelangte deshalb auf die gleiche Weise in die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit wie der berühmte Fall Peter Fechters, der 1962 auf der Berliner Mauer von Schüssen der Volksarmisten niedergestreckt wurde und unter Schmerzensschreien im Todesstreifen verblutete. Andere Maueropfer starben im Stillen.

In der zentralen Erfassungsstelle Salzgitter wurde seit 1961 versucht, jedes DDR-Verbrechen zu dokumentieren, doch nicht alle bundesdeutschen Politiker betrachteten diese archivarische Sorgfaltspflicht mit Freude. In den achtziger Jahren, die beiden deutschen Staaten näherten sich einander an, dachte man sogar über eine Schließung der Einrichtung nach, um die Mächtigen des realen Sozialismus’ nicht zu düpieren.

"Wenn Tote stören" hat Florian Huber provokant seinen Film genannt, und er lässt darin keinen Zweifel, dass es im Interesse sowohl des Ostens als auch des Westens war, blutige Vorfälle rund um die Mauer klein zu halten. Drei gescheiterte Grenzübergänge zeichnet der Regisseur exemplarisch nach – mit Dokumenten, die zu einem erheblichen Teil aus eben jener zentralen Erfassungsstelle stammen.

Der erste fand im Februar 1962 statt, damals erlitt die Industrieschneiderin Dorit Schmiel einen tödlichen Bauchschuss an den Grenzsperren. Der dritte im Februar 1987, als der Lkw-Fahrer Lutz Schmidt als eines der letzten Maueropfer durch einen Herzschuss liquidiert wurde. Auf diese Weise wird ein Bogen über 35 Jahre gespannt, während derer entlang der Mauer gemordet wurde.

Leben mit Legenden

In der Mitte der Dokumentation aber steht eine Grenzüberschreitung der etwas anderen Art: Am 2. Oktober 1971 bestieg der Westberliner Hilfsarbeiter Dieter Beilig als Zeichen des Protests unweit des Brandenburger Tors die Mauer und tänzelte einige Meter darauf herum.

Als Westberliner Polizisten ihn von der Grenzanlage runterzuholen versuchten, sprang er auf die Ostseite hinab, wo er DDR-Beamten in die Hände fiel. Bei einem Fluchtversuch wurde er im NVA-Führungspunkt aus zwei Meter Entfernung rücklings erschossen. Später entwickelten die Verantwortlichen eine Legende, wonach der Westdeutsche seine Bewacher entwaffnen und umbringen wollte. Dafür fälschte man Unterlagen und manipulierte gar die Leiche Beiligs.

Diese Art von "Legendierung" betrieb man in der DDR bekanntlich mit perfider Akribie. Die verheerende Wirkung solcher Auslöschungs- und Vertuschungsvorgänge zeigt sich in "Wenn Tote stören" nun an den Hinterbliebenen des Maueropfers Lutz Schmidt: Frau und Kinder wurden gleichsam über Nacht zwangsumgesiedelt, Sohn und Tochter hielt man über lange Zeit die wahre Geschichte ihres Vaters vor, und der Großvater wirkte aus Angst vor Repressalien an der Verschleierung der Familiengeschichte mit. Wie lebt sich so ein von der Stasi bereinigtes Leben?

Der 45-Minüter hätte an dieser Stelle durchaus tiefer schürfen können; vielleicht ist die Sendezeit aber auch einfach zu knapp bemessen. Ein Zweiteiler – auf dem Programmplatz durchaus möglich – wäre durchaus ein angemessenes Format gewesen. Auch weil man gerne mehr über die Motivation der anderen beiden Mauertoten erfahren hätte. Deren Fluchtabenteuer werden hier zwar minutiös als Suspense-Szenarien nachgestellt, die privaten Hintergründe bleiben aber weitgehend unbeleuchtet.

Trotz dieser Mängel geht "Wenn Tote stören" sein brisantes Thema insgesamt mit einer seltenen Schärfe an. Ein kurzer prägnanter Film über die seelischen Verwüstungen und menschlichen Kollateralschäden deutsch-deutscher Politik.


"Wenn Tote stören – Vom Sterben an der Mauer", 22.45 Uhr, ARD



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