Doku zur Frauen-WM Mit breiter Brust

Gegenentwurf zum Sommermärchen: In ihrer gelungenen TV-Dokumentation "Die besten Frauen der Welt" erzählt Britta Becker die Geschichte des WM-Siegs der DFB-Damen in China und zeigt die Fußballerinnen als sympathische Realistinnen. Eine Frechheit ist nur der Sendetermin.

Von Steffen Gerth


Die Fußballspielerin Birgit Prinz ist wütend, und es scheint, als habe sie auf diese eine Minute gewartet, um endlich aller Welt zu sagen, dass man sie verschonen soll mit Talkshows, Fernsehauftritten und dem x-ten Zeitungsinterview: "Ich möchte in so einer Gesellschaft nicht leben." Birgit Prinz hatte diese Welt kurz erleben dürfen, nachdem sie Fußballweltmeistern geworden war, und in dieser einen Minute, einem der bemerkenswertesten Momente in der Dokumentation "Die besten Frauen der Welt", lässt sich erkennen, wie fremd ihr das alles war.

In diesem Moment wird auch deutlich, dass Frauenfußball sich im Charakter erheblich von der Männervariante unterscheidet. Die TV-Doku fängt dieses Wesen ein – und bietet einen Gegenpol zum pathostriefenden "Sommermärchen" Sönke Wortmanns: Hier begleitet die Regisseurin Britta Becker die deutsche Frauen-Nationalmannschaft auf ihrem Weg zum Titel bei der Weltmeisterschaft im September in China. Dort war Wortmann Chronist der Männerelf bei der WM 2006 in Deutschland. "Die besten Frauen der Welt" wurden ebenfalls von dessen Firma Little Shark Entertainment produziert – aber glücklicherweise hat man es vermieden, einfach eine Frauenvariante des "schwarz-rot-geilen" ("Bild") Märchens zu basteln.

Am 2. Januar 2008 um 18 Uhr läuft der Film in der ARD. Das ist, Ferienzeit hin oder her, nur ein Sendetermin zweiter Wahl. Gestern Abend gab es in einem Frankfurter Kino eine Vorpremiere. Warum sollte man diesen Film nun sehen? Weil er nicht nervt. Weil er auch witzig ist. Weil er ohne Sportkitsch auskommt. Weil er eine deutsche Mannschaft porträtiert, aber auf anbiedernden Patriotismus verzichtet. Nie sieht man die Frauen beim Singen der Nationalhymne.

Der Kamerafrau Britta Becker ist Fußball nicht fremd, aber sie ist von ihm nicht ergriffen. Genau deswegen gelingen ihr andere Blicke – erst recht, wenn in China gedreht wird. Da gibt es schöne Bilder von Polizisten in einem Hotel, die ihre Müdigkeit mit Tai Chi bekämpfen, erschütternde Aufnahmen von einem grässlich entstellten Bettler in den Straßen Shanghais, der den deutschen Spielerinnen beim Stadtrundgang für einen Moment jede Freude stiehlt. Becker zeigt auch die brachiale Beton-Architektur dieser Mega-City, die Torfrau Nadine Angerer die Illusion raubt, "dass es in China nur Reisfelder gibt".

Gegenentwurf zur Männerwelt

Der Film vermischt Reisebericht, Ereignischronik – und Sportlerinterviews. Gerade die Inhalte der Gespräche markieren den Unterschied zur Männerwelt des "Sommermärchens". Dort sollte es witzig sein, dass Bastian Schweinsteiger zusammen mit Lukas Podolski auf dem Bett herumalbert. Zieht man aber mal die Prominenz der beiden ab, die jeden Quatsch dieser jungen Leute zu einer Nachricht macht, bleibt nur Gehampel übrig. Aber wenn die Spielerin Sandra Smisek sagt, dass man nach seiner Fußballkarriere "noch ein anderes Leben zu leben hat", und Birgit Prinz findet, dass ein Alltag nur mit Sport "einfach langweilig ist", dann spricht daraus viel Selbstreflexion. Selbst Weltklasse-Frauenfußball bewegt keine Millionengelder, also sind die Protagonisten gezwungen, nebenher zu arbeiten oder zu studieren. Das mag bedauerlich sein, sorgt aber für einen lebendigeren Gegenentwurf zur Profiwelt der Männer, wo Fußball zum bitterernsten Staatsereignis erhoben wird und die X-Box oft das einzige Hobby darstellt.

Manchmal wirken die Kickerinnen aber auch wie ein giggelndes Mädchenpensionat auf Klassenfahrt. Es muss wohl nach Abnahme des Rohschnitts Wünsche aus der Mannschaft gegeben haben, auf etwas Gealber zu verzichten, damit nicht der Eindruck entsteht, der Weg zum Titel sei eine einzige Spaßveranstaltung gewesen. Geblieben ist trotzdem viel freiwillige und unfreiwillige Komik, wie zum Beispiel die Aufforderung des Sportpsychologen im Trainingslager, "mit breiter Brust ins Spiel" zu gehen.

Grimm in den Gesichtern

Und es gibt Momente, die nur im Frauenfußball möglich sind: Als sich eine Schiedsrichterin vor einem Match über die Länge der Fingernägel bei deutschen Spielerinnen beklagt, weswegen noch in der Kabine grummelnd Maniküre betrieben wird, um die Sicherheitsrisiken zu entschärfen. Beeindruckend ist die Nebelwand aus Haarspray, das nicht der Kosmetik, sondern der Stabilisierung der Frisuren im Spiel dienen soll. Lange Haare stören beim Kicken, also wird alles am Kopf verklebt. Im Film wird dazu Swing-Musik unterlegt, weswegen die Szene an Damen erinnert, die sich in der Garderobe für die Disco auftakeln.

Wenn es gilt, sind "die besten Frauen der Welt" dann auch speziell deutsche Sportlerinnen. Britta Becker hat sehr schön den Grimm in den Gesichtern und die soldatische Steife in den Körpern fotografiert, als die deutsche Mannschaft vor dem Endspiel neben den Brasilianerinnen steht, die ausgelassen tanzen, trommeln und singen. "Das hat uns richtig aggressiv gemacht", erzählt Renate Lingor später. "So möchte ich die nach dem Spiel nicht mehr tanzen sehen, hatte ich mir in dem Moment gedacht."

Deutschland hat das Finale mit 2:0 Toren gewonnen.


"Die besten Frauen der Welt", 2. Januar, 18.00 Uhr, ARD



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