Dokumentarfilm Befahl Castro den Mord an JFK?

Der Dokumentarfilmer Huismann präsentiert eine neue, überraschende Antwort auf die Frage, die Amerika seit Jahrzehnten in Atem hält: Wer steckt hinter dem Mord an Präsident John F. Kennedy. Ein ehemaliger Mitarbeiter des kubanischen Auslandsgeheimdienstes erzählte ihm eine fast unglaubliche Geschichte.


"So ein Thema, das kommt nie wieder. Das findest du nur einmal im Leben", sagt Wilfried Huismann leicht nostalgisch, jetzt, wo die letzten Handgriffe an seinem großen Film getan werden. Er hat Filme über eine Menge Themen gemacht, über Spionagefälle und Wirtschaftskriminalität, über politische Morde und über Marita Lorenz, die deutsche Geliebte von Fidel Castro. Dies ist etwas anderes, von einer ganz eigenen, globalen Dimension. In seinem neuen Dokumentarfilm "Rendezvous mit dem Tod", den die ARD am 6. Januar um 21.45 Uhr sendet, bringt er die Auflösung des spektakulärsten Mordes der Nachkriegszeit, des Attentats auf John F. Kennedy, einen entscheidenden Schritt voran. Er wartet, nach fünfjähriger Arbeit mit einem Team von Rechercheuren in den Vereinigten Staaten und Mexiko, mit mehr als einer neuen Theorie, mehr als Indizien auf: Huismann stellt neue Fakten vor und präsentiert - das gab es in diesem Fall noch nie - einen psychisch gesunden Zeugen, der seinen Namen nennt, den man erkennen kann und der sagt: Wir waren es. Wir haben damals den Plan zur Ermordung JFKs ersonnen und durchführen lassen. Dieser Mann heißt Oscar Marino und war damals, 1963, ein Mitarbeiter des kubanischen Auslandsgeheimdiensts G2.

Fidel Castro: Drahtzieher im Mordkomplott gegen JFK?
AFP

Fidel Castro: Drahtzieher im Mordkomplott gegen JFK?

Es ist ein bißchen so, als hätte jemand Nessie gefilmt, wie sie von Spaziergängern mit Fischstäbchen gefüttert wird. Man ist sofort überzeugt, wundert sich, wieso die Aufklärung so lange gedauert hat - und muß sich an die neue Faktenlage doch erst gewöhnen: Fidel Castro hat Kennedy ermorden lassen, Lee Harvey Oswald war ein Agent der Kubaner?

Huismann ist kein Exilkubaner, kein ewiger Castro-Hasser, er kommt eher von der anderen Seite, ein engagierter Filmemacher aus der norddeutschen Linken, die sich die Kritik an den Revolutionen in Mittelamerika mühsam erarbeitete. Er hat in Chile gelebt, einen Film über Allende gemacht und über zwanzig Mal Kuba besucht, lange vor dem Buena Vista Social Club.

Noch vor wenigen Jahren hätte Huismann selbst so eine These unter heftigen Propaganda- und Desinformationsverdacht gestellt, die Täter eher auf der anderen Seite des Spektrums vermutet: bei der CIA, den Exilkubanern, der Mafia. Doch am Ende seiner labyrinthischen Recherche steht für ihn die Einsicht, daß es im Kalten Krieg immer noch verwirrender zuging, als man hätte annehmen können, daß weder Castro noch die Kennedys übertriebene Scheu vor politischem Mord hatten, im Gegenteil. Erfolg hatte dabei freilich nur die eine Seite: Kuba.

Dabei hatte sich Huismann stets vorgenommen, einen weiten Bogen um die journalistische Bearbeitung des Kennedy-Mordes zu machen. Zu viele Forscher sitzen seit zu vielen Jahrzehnten an diesem Thema, Millionen Seiten liegen dazu allein in den amerikanischen Archiven, es schien ein hoffnungsloses Thema, eines, dessen Wahrheit in tausend Teile zerschossen worden war, ohne Aussicht, sie zu Huismanns Lebzeiten zusammenfügen zu können.

Ein einzelner, funkelnder Splitter war es, der ihn in die ganze Sache hineinzog: Vor fünf Jahren interviewte Huismann im Zuge der Recherche zu seinem Film über die deutsche Geliebte von Fidel Castro den ehemaligen FBI-Agenten James Hosty, einen ernsthaften älteren Mann, der großen Eindruck auf ihn machte. Hosty war unter denen, die Oswald kurz nach dem Mord verhörten. Er sagte, Oswald habe einen gefaßten Eindruck gemacht, immer höhnische Antworten gegeben, nur bei einer Frage sei er kurz zusammengezuckt, nämlich was er denn einige Monate zuvor in Mexiko-Stadt gemacht habe. Dieser Hinweis war Huismanns Ausgangspunkt: herauszufinden, was Oswald an sechs Tagen im September 1963 in Mexiko-Stadt getrieben hat. Denn obwohl das Leben Lee Harvey Oswalds zu den am besten rekonstruierten des zwanzigsten Jahrhunderts gehört, haben sich die sukzessiven Kommissionen schnell mit der offiziellen Version zufriedengegeben, er sei nur kurz in der kubanischen Botschaft aufgetaucht, dort habe man ihn aber wieder herauskomplimentiert, weil er sich "wie ein Verrückter" aufgeführt habe. Es hat sich seitdem auch niemand gefunden, der etwas anderes gesagt hat oder hätte belegen können.

Huismann hat seinen Geldgebern, neben der ARD die japanische Fernsehanstalt NHK und einige Filmförderungen, lange wenig mehr zu bieten gehabt als die vage Aussicht darauf, diese sechs Tage zu rekonstruieren. Der amerikanische Co-Autor des Films, der angesehene amerikanische Kennedy-Forscher Gus Russo, vermutete bereits in seinem 1998 erschienenen Buch "Live by the Sword", daß der Schlüssel zur Lösung des Falles in Mexiko und Kuba liege. Er ist allerdings, wie die meisten amerikanischen Forscher, nie nach Mexiko gefahren.

Huismann gelingt es zunächst, einen ehemaligen linken Studentenführer aufzuspüren, den Oswald damals getroffen hat. Ein Hinweis folgt dem nächsten, Huismann wartet auf Zeugen, klingelt an Wohnungstüren, nervt per Mobiltelefon. Bald hat er eine ganze Reihe von Zeugen, die gesehen haben, daß Oswald Kontakt zu kubanischen Botschaftsangehörigen unterhielt, etwa auf Parties mit ihnen auftauchte. Bald wird ein mexikanischer Journalist engagiert, um die Recherchen fortzuführen, ein Jahr lang, auf Kosten der ARD. Und tatsächlich: Es gelingt, anhand von mehreren Zeugenaussagen und einer ganzen Reihe von Indizien nachzuweisen, daß der Kontakt Lee Harvey Oswalds zur kubanischen Botschaft in Mexiko intensiver war als bisher bekannt und weit mehr umfaßte als die Visafrage. Aber welchen konkreten Anlaß zur Ermordung Kennedys sollten die Kubaner gehabt haben?

Dazu erinnern Huismann und Gus Russo in einer Parallelhandlung des Films an die Geschichte des geheimen Krieges der Kennedy-Brüder gegen das Castro-Regime. Unbemerkt von Kongreß und Öffentlichkeit sollten Sabotageakte und Mordversuche die Revolutionäre in Havanna destabilisieren - übrigens schon damals ein Bruch des amerikanischen Rechts. Eine zentrale Figur ist dabei Rolando Cubela, ehemaliger Mitstreiter Castros, der im Auftrag der Kennedys und der CIA den Maximo Lider ermorden sollte. Cubela lebt heute als pensionierter Chirurg in Madrid und wird ebenfalls interviewt. Er macht den Eindruck eines überforderten alten Mannes, der mit der Erinnerung an ein kompliziertes Leben zurechtkommen muß. Denn Castro war über jeden Schritt, den die CIA mit Cubela plante, bestens und augenblicklich informiert, es muß also eine Quelle in dessen Nähe gegeben haben, möglicherweise war er selbst ein Doppelagent - keine Seltenheit im Kalten Krieg.

Zeitgleich, so die zentrale These des Films, laufen in der zweiten Hälfte des Jahres 1963 konkurrierende Mordpläne: Die CIA versorgt Cubela mit schießenden Kugelschreibern und hochwirksamem Gift - die Kubaner bestellen Oswald nach Mexiko.

Der Film verläßt sich zur Untermauerung dieser These nicht auf die Aussage Oscar Marinos allein: Ein ehemaliger kubanischer Aktivist, der den Titel des ersten Flugzeugentführers beansprucht, sagt vor der Kamera, daß er von der Anwerbung Oswalds durch die Kubaner bereits im Sommer 1962 erfahren haben will. Und ein aktiver Offizier des russischen Geheimdienstes FSB kommt zu Wort. Er bestätigt die Existenz von Dokumenten, mit denen der KGB die Kubaner auf Oswald aufmerksam machte. Kurz nach seiner Rückkehr aus der Sowjetunion hätten die Kubaner dann den Kontakt zu Oswald gesucht.

In der Rekonstruktion von Oswalds Zeit zwischen seiner Rückkehr aus der Sowjetunion und dem Attentat auf Kennedy gerät Huismann freilich in einen kuriosen Selbstwiderspruch. In seinem vielbeachteten Film "Lieber Fidel" über die Lebensgeschichte von Fidel Castros deutscher Freundin Marita Lorenz war schon einmal von Oswald die Rede gewesen. Im Sommer '63 habe sie mit "Ozzie, der Nervensäge" an einem Trainingslager der CIA für eine Anti-Castro-Guerrilla teilgenommen. So hieß es in dem Film aus dem Jahr 2000. Huismann hatte es ihr geglaubt, damals. Heute hingegen ist er sich sicher: "Das war schlicht gelogen."

Ein weiterer Zeuge der Kuba-These ist der ehemalige FBI-Ermittler Laurence Keenan. Er war kurz nach dem Attentat 1963 nach Mexiko gefahren, um das gleiche zu tun, was Huismann und sein Team vierzig Jahre später machten, nämlich die Spuren Oswalds zu verfolgen. Gleich nach Beginn seiner dortigen Ermittlungen hatte er das Gefühl, Mexiko sei die "Büchse der Pandora". Doch nach drei Tagen rief ihn Edgar Hoover persönlich zurück nach Washington. Sein Leben lang hat er unter der nicht fertiggestellten Ermittlung gelitten, für den Film kehrt er noch einmal nach Mexiko zurück.

Zu einer zentralen Figur wird der ehemalige kubanische Geheimdienstchef Fabian Escalante, der schon als 18jähriger begeistert die Sache der Revolution unterstützte, heute die kubanische Im- und Exportfirma betreibt und Bücher über das Komplott der CIA gegen Kennedy geschrieben hat. Auch er hat Huismann ein Interview gegeben. Darin leugnet er zwar eine kubanische Verstrickung, aber mit einer interessanten Formulierung: "Was ist denn schon die Wahrheit", fragt er. "Waren denn die Amerikaner auf dem Mond? Viele bezweifeln es."

Damit parallelisiert er die beiden größten Ereignisse der 1960er Jahre: Die Mondlandung und den Kennedy-Mord. Hätte man dem karibischen Zwergstaat zugetraut, in dieser Liga mitzuspielen? Einer der Zeugen, der Flugzeugentführer, zitiert gegen Ende des Films aus seinem Tagebuch des Jahres 1963. Schon lange vor dem Attentat habe ihm ein ranghoher kubanischer Offizier angekündigt, man werde den US-Präsidenten ermorden lassen, und auf sein ungläubiges Staunen habe der entgegnet: Eben weil es uns keiner zutraut, werden wir es wagen.

"Rendezvous mit dem Tod" ist in seiner Dichte, mit seinem konzentrierten Stil eine Antwort auf die ironisch-süffisante Frage des kubanischen Geheimdienstlers Escalante: Es gibt, selbst im unendlich ausgefransten Mordfall JFK, eine Wahrheit. Noch ist das Gesamtbild nicht klar erkennbar, aber der Film formuliert eine Reihe von konkreten Fragen, die etwa eine kubanische Gauck-Behörde eines Tages beantworten könnte. Es ist wieder Bewegung in die Ermittlungen gekommen. Daß hieran ausgerechnet die ARD beteiligt ist, dafür kann man ihr so manchen Stadl verzeihen.

Nils Minkmar



© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.