Dokumentarfilmfestival "dokKa" Nachrichten aus dem Hier und Netz

Eine Hörbiografie über eine scheue Schriftstellerin, Netzkunst, die unseren nachlässigen Umgang mit Daten aufzeigt - beim kleinen, aber feinen Dokumentarfestival "dokKa" in Karlsruhe laufen spannende Filme, Hördokus und Installationen.

Marc Lee

Größer geht es kaum: Eine "Globale" kündigt das Karlsruher Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) auf der Website an, eine 300 Tage dauernde "nicht-hierarchische, multipolare neue Art der Ausstellung". Eine Mega-Schau, die am 19. Juni beginnt und sich mit den ganz großen Fragen der Zukunft beschäftigen soll. Umso schöner, dass die "Globale" als Prolog ein kleines, aber feines und ambitioniertes Dokumentarfestival als Kooperationspartner eingeladen hat: Das "dokKa" aus Karlsruhe ist das Kleine im Großen.

Erfinder des Festivals: Nils Menrad, der in Karlsruhe Medienkunst und Film studierte und danach blieb, weil er "was machen" wollte. Und, weil "für ein Festival die weggezogenen Freunde für ein paar Tage zurückkommen". Im März 2013 wurde der Verein dokKa e.V. gegründet, der Träger des Festivals ist, das in diesem Jahr zum zweiten Mal stattfindet. Fünf Tage lang ist ein Programm mit 18 Hörbeiträgen und Filmen zu sehen und zu hören, eine Kommission hat es aus 270 Einreichungen ausgewählt - erleben können es die Besucher immer im selben Kino.

Man habe sich bewusst gegen ein Parallelprogramm entschieden, "weil wir wollen, dass man sich konzentriert, denn ein Festival ist ein kulturelles gemeinsamens Erleben, und wenn jeder was anderes guckt, kann man sich nicht austauschen und darüber sprechen", sagt Menrad.

Wenn ein kapitalistisches Konsumgebäude zerfällt

Zu diskutieren wird es viel geben. Ob über den Eröffnungsfilm "Am Kölnberg", in dem Robin Humboldt und Laurentia Genske vier Bewohner zwei Jahre lang in ihrer Hochhaussiedlung durch deren Alltag zwischen Arbeitslosigkeit, Drogenmissbrauch und Prostitution begleiten. Oder über die Hördokumentation "SPUREN 1 BIOGRAFIE: Die Schriftstellerin Friederike Mayröcker", die auf eine andere Weise sehr intim ist, denn die Autorin Carmen Tartarotti hat einen fast zärtlichen Zugang zur ihrer Protagonistin gefunden: Mayröcker, die nie Interviews gibt und sehr öffentlichkeitsscheu ist, spricht fast eine Stunde lang ausschließlich über ihr Leben, die Eltern und ihre Beziehungen.

Zwischen lokal und global, Kaufrauschkomik und Verlust von Arbeitsplätzen schwankt der Film über die Pleite des Praktiker-Baumarkts. Für "Hier sprach der Preis" hat Sabrina Jäger vier Wochen lang in einer Praktiker-Filiale in Bruchsal dokumentiert, was vorgeht, wenn ein kapitalistisches Konsumgebäude zerfällt. Eine britische Firma hat die Insolvenzmasse aufgekauft und schickt einen Engländer, der den Abverkauf organisiert und kein Wort Deutsch spricht, während die Angestellten kein Englisch können.

Und es gibt noch zwei ganz besondere Beiträge: Der eine ist die Netart-Installation "Pic-me - fly to the locations where users send posts" des Schweizers Marc Lee, der die Posts von Twitter und Instagram mit Google-Earth verbindet. "Sein Kunstwerk zeigt, an welchen Orten welche Person gerade sitzt, was sie gepostet hat, und wie sorglos wir mit digitalen Daten umgehen," sagt Menrad. Der andere ist die zwei Stunden lange theatralische Aufführung "Die Hans Schaden Revue" von David Loscher über das Leben seines verstorbenen Großonkels. Aus seiner Performance wird so eine dokumentarische Installation.


"dokKa"; 2.- 7.6.; Karlsruhe; www.dokka.de



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