Dokumentarfilmer "Wir haben die Nase voll"

Dass unabhängige Dokumentarfilmer die Verwertungsrechte an ihrem Material nach den vielfach üblichen Vertragsbedingungen oft nahezu komplett an die öffentlich-rechtlichen Sender abgeben müssen, drückt die Stimmung in der Branche. Dagegen will die Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm (AG Dok) jetzt angehen.

Von Claudia Vüllers


Fordert eine angemessene Vergütung für Zweit- und Drittausstrahlungen: AG Dok-Vorsitzender Thomas Frickel

Fordert eine angemessene Vergütung für Zweit- und Drittausstrahlungen: AG Dok-Vorsitzender Thomas Frickel

Eine höhere Bezahlung, angemessene Vergütung für Zweit- und Drittausstrahlungen für Autoren und Regisseure sowie das Verbleiben von mehr Rechten bei den Produzenten fordert die AG Dok. "Wir haben die Nase voll", schimpft der Vorsitzende Thomas Frickel. Schluss mit der Bescheidenheit. Jetzt wird gekämpft: Der Zusammenschluss von mehr als 700 Dokumentarfilmern hat den Sendeanstalten NDR und ZDF eine Abmahnung geschickt. Sollte diese nicht auf Resonanz stoßen, will die AG Dok gegen die öffentlich-rechtlichen Sender, ihre Hauptabnehmer, klagen.

"Wir Dokumentarfilmer müssen zu Bedingungen arbeiten, bei denen jeder Spielfilmproduzent den Griffel aus der Hand legen würde", sagt Frickel. Beispiel Autorenhonorar: "Wird ein 'Tatort' wiederholt, wird er in der Regel zu 100 Prozent vergütet, das sind schon mal etwa 25.000 bis 40.000 Euro. Für Dokumentarfilme von 45 Minuten Länge kriegen Sie gerade mal 6000 Euro. Aber nur bei der Erstverwertung, versteht sich."

Dreh- und Angelpunkt der ganzen Angelegenheit sind die Verwertungsrechte. Bisher sei es vielfach so, dass der Produzent in einem Standardvertrag nicht nur die einmalige Ausstrahlung, sondern gleichzeitig die Senderechte "für eine beliebig häufige Zahl von Ausstrahlungen und für alle möglichen Sendeverfahren" vergibt, so die AG Dok. Zusätzliche Verwertungsformen wie zum Beispiel das Verfilmungs- und Vertonungsrecht, das Archivierungsrecht, Festival- und Messerecht, Synchronisierungsrecht, das Tonträgerrecht und das Merchandising-Recht ließen sich die Sender pauschal mit übertragen, erklärt Frickel.

"Die öffentlich-rechtlichen Sender sind die Heimat der Dokumentarfilme"

Warum also nicht auf die privaten Sender ausweichen? "Es gibt keine vergleichbaren Sendeplätze für unsere Programme", erläutert Frickel. Das heißt im Klartext: Ohne die öffentlich-rechtlichen Sender mit ihrem gesetzlich verankerten Bildungsauftrag gäbe es vermutlich eine weitaus kleinere Dokumentarfilmer-Industrie in Deutschland. "Die öffentlich-rechtlichen Sender sind die Heimat für anspruchsvolle Dokumentationen und Reportagen über politische und kulturelle Themen, und deshalb arbeiten wir gerne mit ihnen zusammen", stellt Stephan Lamby, Geschäftsführer der Hamburger ECO Media TV-Produktion fest. "Wo sonst, wenn nicht in öffentlich-rechtlichen Sendern, gibt es Dokumentationen, wo der Mensch und nicht die Sensation im Mittelpunkt steht", meint auch ZDF-Sprecher Philipp Baum. Den Druck, sich zu einigen, dürften also beide Seiten verspüren.

Die Abmahnung der AG Dok an den Norddeutschen Rundfunk beinhaltet die Forderung der Dokumentarfilmer, auf einige in der "Nutzungsrechteliste des NDR" aufgeführten Rechte zu verzichten. Dazu gehören unter anderem das Kinorecht, Videogrammrecht, Merchandising-Rechte, das Druckrecht, die Hörspiel- und Bühnenrechte, die von den Sendern in aller Regel nicht wahrgenommen würden, so die AG Dok. Gleichzeitig fielen diese Rechte nicht unter den "typischen Vertragszweck fernsehmäßiger Auswertung".

Vergütung für Rechte an Aufzeichnungsmaterial

Dem ZDF kreidet die AG Dok an, vom Produzenten das gesamte Aufzeichnungsmaterial zu verlangen. Die Auswertung des Materials sei nämlich laut Urheberrechtswahrnehmungsgesetz dem Produzenten vorbehalten. Für den Verzicht auf das Material und eine mögliche weitere Nutzung müsse das ZDF eine Vergütung anbieten, so lautet die Forderung der AG Dok.

Black Box BRD: Mehrfach preisgekrönter Dokumentarfilm von Andres Veiel (zero film)
Quelle: action press

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Die Sender halten sich zunächst bedeckt: "Wir werden das eingehend prüfen müssen", sagt Maximilian Merten, Leiter des NDR-Justitiariats. "Das ist ein Problemkreis, der sicher im Rahmen von Gesprächen zu erörtern wäre. Was mich überrascht, ist, dass ein Verband als allerersten Schritt bei zu klärenden Fragen die Gegenseite mit einer Abmahnung angeht." Frickel hingegen will schon mehrfach Kontakt zu den ARD-Sendern gesucht haben.

Auch ZDF-Sprecher Baum will sich nicht konkret zur Sache äußern. Die Angelegenheit müsse erst geprüft werden. Sollte festgestellt werden, dass Fehler vorliegen, "sind wir dafür bekannt, die einzugestehen", so Baum. Dass es zu einer Einigung kommt, sei er sich sicher.

"Der Produzent trägt das volle Risiko"

Sollte die AG Dok mit ihren Forderungen tatsächlich durchkommen, würde das eine höhere finanzielle Belastung der öffentlich-rechtlichen Sender bedeuten. Mehr Geld für die einzelne Sendung und weniger Rechte für eine weitere Wertschöpfung bedeuten möglicherweise auch eine Reduzierung des Budgets, und das hieße konkret: Einsparungen an anderer Stelle. Gibt es keine Veränderungen, bleibt die Lage für die unabhängigen Dokumentarfilmer dauerhaft kritisch.

"Es ist das grundsätzliche Problem, dass man als Produzent, der das volle wirtschaftliche Risiko trägt, zu lange die Rechte abgibt", sagt Thomas Kufus, Geschäftsführer der Berliner Produktionsfirma zero film. "Ein regionaler ARD-Sender will immer auch die Rechte für den Pool der dritten Programme. Im Grunde ist der Film für sieben Jahre für uns Produzenten merkantil tot."

Unterstützung erfährt die AG Dok durch das Düsseldorfer Oberlandesgericht, das Ende letzten Jahres zugunsten eines Düsseldorfer Videovertriebs geurteilt hat. Dieser hatte gegen einen so genannten Mitschnittdienst geklagt, dem verschiedene Sender Videorechte an einer Produktion eingeräumt hatten. Diese Rechte hatte der Kläger zuvor aber exklusiv beim Produzenten erworben. Ein wichtiges Signal für die Branche, da in dem Urteil die Leistungsschutzrechte des Produzenten gestärkt wurden. Diese könne nur für sich beanspruchen, wer das wirtschaftliche und organisatorische Risiko der Filmproduktion trage. Die Verwertungsrechte der Sender wurden beschränkt. Dass das Vorgehen gängige Praxis sei, legitimiere "keine falsche Auslegung der Verträge", so das Urteil.

Wie geht es weiter? Zeigen NDR und ZDF den Dokumentarfilmern die kalte Schulter, wird es keine Lösung geben. Ein Boykott der öffentlich-rechtlichen Sender von Seiten der AG Dok kann auch nicht der Königsweg sein, denn auf diese Weise könnten sich beide ins eigene Fleisch schneiden. Die alte Marktregel vom Angebot, das durch die Nachfrage geregelt wird, könnte zu ungunsten der AG Dok ausgehen, denn der einzelne Filmer ist gegenüber den öffentlich-rechtlichen Institutionen immer wieder in der schwächeren Position.



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