Dokumentenfund Neuer Beleg für Luthers Thesenanschlag

Hat Martin Luther wirklich 95 Thesen ans Tor der Wittenberger Schlosskirche genagelt? Bislang waren sich Historiker nicht einig - jetzt wird die legendäre Szene durch einen Dokumentenfund beglaubigt.


Am 31. Oktober 1517 soll Luther (1483 bis 1546) die Thesen auf eigenwillige und spektakuläre Weise veröffentlicht haben - so zumindest lehren es die Geschichtsbücher. Doch ob die Reformation tatsächlich mit der berühmten Szene an der Wittenberger Schlosskirche begann, hielt die Fachwelt bislang für umstritten.

Theologe Luther: Legende der Reformation
DDP

Theologe Luther: Legende der Reformation

Ein Schriftstück zu Martin Luthers Thesenanschlag sorgt jetzt für Aufsehen: In der Jenaer Universitätsbibliothek ist eine handschriftliche Notiz entdeckt worden, in der ein Zeitgenosse des Reformators vom Anbringen der 95 Thesen am 31. Oktober 1517 am Tor der Wittenberger Kirche berichtet. Dieser Eintrag könnte belegen, dass sich die Legende wirklich zugetragen hat.

Die Notiz steht in dem von Martin Luther selbst genutzten Exemplar seiner eigenen gedruckten deutschen Übersetzung des Neuen Testaments von 1540. Dort hat der Vertraute des Reformators, Georg Rörer, an einer Stelle handschriftlich eingefügt: "Im Jahr 1517 am Vortag des Allerheiligenfestes hat Dr. Martin Luther in Wittenberg an den Türen der Kirchen seine Ablassthesen bekannt gegeben."

Wie Bibliotheksleiterin Sabine Wefers heute in Jena sagte, liegt das Besondere des Fundes darin, dass der Verfasser Georg Rörer seine Aufzeichnungen zu Lebzeiten Luthers verfasste.

Bisher gehe die Legende von dem in der Fachwelt umstrittenen Thesenanschlag auf eine nachträgliche Überlieferung Philipp Melanchthons aus dem Jahr 1546 zurück. Der Luther-Vertraute Rörer habe jedoch eindeutig und zeitnah davon geschrieben, wie der Reformator die Thesen mit Hammer und Nägeln an das Tor der Schlosskirche angeschlagen habe, so Wefers.

Die Notiz habe Martin Treu von der Stiftung Luthergedenkstätten Wittenberg während seiner Studien im Herbst vergangenen Jahres in der Unibibliothek Jena gefunden. Am 19. Februar 2007 solle Rörers Nachlass von dem Handschriftenexperten der Unibibliothek, Joachim Ott, erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt werden.

Georg Rörer (1492 bis 1557) war Doktor der Theologie. Seit 1527 wohnte er in Wittenberg in Luthers Haus und wurde dessen Assistent und Reisebegleiter. Von Rörer stammen viele Niederschriften der Predigten, Vorlesungen, Tischreden und Briefe des Theologen. 1555 erschien Rörers Jenaer Luther-Ausgabe, die bis zum Tod des Herausgebers auf vier Bände anwuchs.

Der Dekan der Theologischen Fakultät in Jena, Volker Leppin, sprach von einer bemerkenswerten Entdeckung. Allerdings sei weiterhin Skepsis angebracht: "Ein endgültiger Beweis ist diese Notiz meiner Meinung nach nicht", sagte Leppin der in Erfurt erscheinenden Zeitung "Thüringer Allgemeine".

tef/AP



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.