"Don Carlos"-Premiere: Am Ende kommt der Killer

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Vor Schillers "Don Carlos" kann man kapitulieren oder die Textmasse bekämpfen. Jette Steckel findet am Hamburger Thalia Theater einen glänzenden Mittelweg: Sie verleiht dem Epos um Freundschaft und Freiheit Leichtigkeit, ohne ihm Anspruch zu nehmen - und kann auf tolle Hauptdarsteller bauen.

Nacht muss es sein in Schillers Spanien, schwarze Nacht. Schroff schottete der eiserne Vorhang anfangs den Innenraum der Bühne ab. Das lies anstrengenden Diskurs und didaktische Ödnis befürchten. "Don Carlos", Schillers Textmonument, ante portas! Keine Chance bei Jette Steckel. Die junge Regisseurin nahm am Hamburger Thalia Theater ihren Schiller zwar beim Wort. Doch heraus kamen satte und süffige dreieinhalb Stunden voll theatralischer Wucht und Wonne.

Die "Carlos"-Fallen sind gestellt: Man kann Schillers Text-Massen ehrfürchtig als Deklamationsrampe für Bühnenveteranen ausfahren oder versuchen, sie auf ein homöopathisch-freundliches Minimum einzudampfen. Beides tat Regisseurin Steckel nicht, setzte weder auf Überwältigung noch auf Schongang, sondern arbeitete mit dem gesamten Text und Figurenensemble. Nicht alles war innovativ, aber vieles sehr effizient und emotional packend. Ihre plakative Pathosverweigerung macht sie gleich zu Beginn klar - mit einem Plakat. Der Infant Carlos, hübsch verwaschen als Kurt-Cobain-Doppelgänger verkleidet, tut seine Meinung per Pappe kund: "Die schnöden Tage in Aranjuez sind nun zu Ende". Sein Freund, der Marquis von Posa, zerstört es forsch. Man ist im Bild: Die doppelten Böden einer ironisierten, doch nicht verkasperten Inszenierung werden von Beginn an gezogen.

Die Psychologie der Figuren ersteht hell glänzend vor den dunkel kontrastierenden Bühnenbauten, meist eine Mischung aus übergroßer Gummizelle und Gefängnisanmutung. Das alles, auch die ständige, drehbühnengesteuerte Wandlung des Bühnenraumes, ist nicht neu, das hat man samt überhöhender Videoprojektionen schon oft gesehen. Doch die Darstellerführung verzahnt sich dafür stets dicht und zwingend in Text, Optik und Bewegung. Selbst wer seinen "Carlos"-Schiller nicht präsent hat, bleibt ständig auf Augenhöhe. Erfreulich zugänglich bei aller Intellektualität - wie so etwas geht, hatte Jette Steckel am Thalia schon mit ihrer gefeierten "Woyzeck"-Adaption bewiesen.

Der spanische Thronfolger Carlos und sein Herzensfreund Marquis Posa finden in Mirco Kreibich (Carlos) und Jens Harzer (Posa) ein glühendes Darstellerduo. Harzers immer leicht genervter Posa, von Carlos' Überschwang und ständigen Umarmungen oft peinlich berührt, raspelt sich mit rauem Timbre durch seine Textmengen. Zusammen mit der Nervosität Mirco Kreibichs ergeben sich Pas-De-Deux von großer Ästhetik, denen man überwältigt zusehen kann. Posas Widerwillen mit Carlos' diffuser und letztlich hilfloser Weltsicht kulminiert in wachsendem Ekel, für den Zuschauer alles unmittelbar präsent in Bewegungen, sprachlichen Schlenkern und genau gesetzten Handlungen.

Ausbruch aus der Kumpel-Falle

Ganz anders Hans Kremer als spanischer Despot und rücksichtsloser Familien-Macht-Mensch. Er setzt mit cooler Härte und schneidender Konsequenz den wunderbar befeuernden Gegensatz zum Carlos-Posa-Gespann. Der verzweifelte Ausbruch des Marquis Posa aus der Kumpel-Falle zur Rettung seines Freundes ist dann die perfekte Katastrophen-Kollision und nicht nur inhaltlicher Höhepunkt: Zwei darstellerische Konzepte prallen aufeinander, wohlorganisiert und Funken schlagend, arrangiert von einer Regie, die aus beidem zielsicher das Beste macht.

Um diese schauspielerische Hochleistungen werden die übrigen Rollen zu guten, aber nur flankierenden Figuren. Die rivalisierenden Damen Elisabeth (nervös und intensiv: Lisa Hagmeister) und die unglücklich in Carlos verliebte Prinzessin Eboli (beinahe athletisch: Alicia Aumüller) kreisen exaltiert und temperamentvoll um die Männer-Kampfzone, wie auch die Edlen Lerma (Christoph Bantzer, sanft und routiniert) und der schmissig-brutale Alba (rauh und knarzig: Matthias Leja) fliegen immer perfekt choreographiert durch die Szenen. Satirische Highlights setzt Victoria Trauttmansdorff als Beicht-Pater Domingo und liefert einsamen comic relief inmitten von Tod und Tränen. Die Bühne (großartig konzipiert von Florian Lösche) wechselspielt mit Bewegung und bedrohlicher Statik, fängt die Protagonisten ein, scheucht sie in labyrinthische Verwirrung und kann sich sogar wieder aus der Dominanz zurückziehen - ein ideales Konstrukt, das mit seiner Flexibilität und Schlüssigkeit zur Klarheit der Inszenierung entscheidend beiträgt.

Zum Schluss drängt's die Regisseurin dann doch wieder ins vormals verbannte Plakative, wenn der aus Reihe sieben des Zuschauerraums erstandene Großinquisitor in Mafia-Manier dem König die Rechnung für seine Taten präsentiert. Am Ende kommt der Killer. Carlos und Elisabeth erwischt es auf der Flucht, tarantinomäßig mit Schüssen hingerichtet. Lakonisch blutig. Abblende. Frenetischer Beifall für alle Beteiligten.

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