Lessingtage in Hamburg: Herzen brechen, Hürden überspringen

Von Katrin Kuntz

Lessingtage in Hamburg: Fressen, Ficken, Saufen Fotos
Armin Smailovic

Ein Frauenheld sammelt Frauen. Um was für eine Leere geht es bei dem Spiel? Mit seiner Bearbeitung von Mozarts traditionellem Stoff "Don Giovanni" zeigt Regisseur Antú Romero Nunes: Es ist die Leere des Zuschauers selbst.

Don Giovanni ist ein Edelmann, der trinkt, sich prügelt, der liebt und verführt. Keine Frau ist vor ihm sicher, er schleicht sich in Häuser, er lässt seinen Diener Leporello Wache schieben. Er lässt sich von Frauen begehren und er begehrt. Berühren lässt er sich nicht.

Don Juan ist eine große Figur der Renaissance, ein Frauenheld, der all das verkörpert, was man lange nur heimlich durfte. Er ist ein Reisender durch die Türkei, Frankreich, Spanien, Deutschland, Italien, er ist ein Liebender und ein europäischer Mythos. Er ist einer, so sieht es der Regisseur Antú Romero Nunes, der das macht, was alle machen: Fressen, Ficken, Saufen. Doch das reicht nicht.

Wenn Nunes, 29, diese Figur auf die Bühne bringt, dann soll Don Giovanni eines mehr noch sein: ein Spiegelbild seiner Zuschauer. Sebastian Zimmler, der ihn spielt, soll die Sehnsüchte der Menschen in sich vereinen und sie ihnen vorführen.

Mit der Premiere von "Don Giovanni. Die letzte Party" nach Mozart und da Ponte eröffnet Nunes am kommenden Freitag das internationale Festival "Um alles in der Welt - Lessingtage". Zwei Wochen lang soll es in Hamburg im Sinne der Aufklärung um Europa gehen. Thalia-Intendant Joachim Lux will ein Theater von Weltbürgern für Weltbürger machen. Eines, das im Sinne der Völkerverständigung wirkt, das Europa in Asien beginnen lässt und klarmacht, dass dieses Staatengefüge mehr sein muss als Krise, Scheine und Münzen.

Das Suchen und um das Fragen

Vom 25. Januar bis zum 9. Februar wird es auf mehreren Hamburger Bühnen um das Suchen und um das Fragen gehen, um eine gemeinsame Identität in Europa. Es werden auch in diesem Jahr wieder bekannte Inszenierungen und neue Stücke zu sehen sein. Insgesamt neun Gastspiele, zwei eigene Premieren, Konzerte, Stadtprojekte und Diskussionen. Die Eröffnungsrede hält der 2010 nach Deutschland ausgewanderte chinesische Dichter Liao Yiwu.

René Pollesch schickt in seinem Gastspiel "Kill your Darlings! Streets of Berladelphia" eine Reihe von Turnern auf postmoderne Identitätssuche, das Athener Theaterkollektiv Blitz zeigt eine Dokufiktion über Don Quijote, der sich als alternder Held aufmacht durch eine verdorrte Landschaft Europa, die programmatisch mit dem Titel "Paradise Lost" überschrieben ist. Bernadette La Hengst zeigt in "Integrier mich, Baby!" den Hamburger Stadtbezirk Altona, in dem es Integrationskurse für alle geben soll, auf dass endlich eine neue Art von Gemeinschaft entstehe, für alle, in Europa. Vieles klingt komisch, teilweise auch lustig, doch unter der Oberfläche lauert der Ernst.

Klar, es wird bei den Lessingtagen viel um politische Diskurse gehen, um Integrationsdebatten, Bürokratiewahnsinn, Krieg und Globalisierung. Doch Europa, darin sind sich alle einig, soll mehr sein als ein Staatengefüge. Bei Nunes ist Europa, wenn man so will, ein Gefühl. Nunes hat Regie an der Ernst-Busch-Schule in Berlin studiert, seit 2011 ist er Hausregisseur am Maxim Gorki Theater Berlin.

Nunes hat keine Angst vor Fallhöhe. Er macht ein Theater, das energiegeladen ist, komisch, manchmal bombastisch, er lässt Reibungspunkte entstehen, um dahin zu kommen, wo es interessant wird. Oper im Sprechtheater ist es dieses Mal, ein Theater, in dem die Musik eine große Rolle spielt. Eine siebenköpfige Frauenband spielt Mozart nach der Bühnenfassung von Johannes Hofmann, die Schauspieler singen, und auch das dient allein der Verführung und der menschlichen Sehnsucht nach ihr. Das Bühnenbild setzt auf Lichteffekte, mal soll der Zuschauer sich fühlen wie unter einem Sternenhimmel, dann wieder brennen Höllenkreise.

Nunes' Bearbeitung des europäischen Traditionsstoffes also ist konsequent. Sie zeigt Don Giovanni als Herzensbrecher, der nicht eine Frau liebt, sondern alle. Er wirft Fragen auf: Ist die Ehe das Richtige? Was ist mit Treue? Darf man eifersüchtig sein? Don Giovanni stellt sich diese Fragen nicht. Er genießt, er lebt. Der Zuschauer gönnt ihm das nicht. Dieser Mann hat ein Problem, denkt er sich, er versucht eine Leere zu füllen. Und dass er so denkt, sagt womöglich etwas aus über ihn selbst. Als Europäer. Aber auch einfach nur so, als Mensch.


"Don Giovanni. Die letzte Party". Premiere am 25.1., 20 Uhr im Thalia Theater Hamburg, weitere Vorstellungen am 26.1. sowie am 10., 12. und 22.2., Kartentelefon: 040/32 81 44 44.

Lessingtage. Thalia Theater Hamburg, 25.1.-9.2.

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