Neues Album von Donald Glover Der schwarze Nerd

Comedian, Serienautor, Rapper: Donald Glover kann viel und will immer mehr. Er ist ein hochtalentierter Getriebener, der sich manchmal selbst im Weg steht.

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Im Herbst wurde Donald Glovers Serie "Atlanta" gleich nach dem Pilotfilm als große Fernsehkunst gefeiert. Als Rapper Childish Gambino veröffentlicht er jetzt "Awaken, My Love!", sein drittes Album. Eines dieser Projekte ist eher die Imitation eines Klassikers, das andere aber könnte tatsächlich einer werden.

Donald Glover gilt als großes Talent, er ist Comedian, Autor, Rapper und Schauspieler. Aber er hat ein Authentizitätsproblem: Die black community nimmt ihn nicht ernst, er gilt als "white people shit", als Künstler, den nur Weiße mögen. So wird er zumindest in der schwarzen Tragikomödie "Dope" von 2015 veralbert.

Der Protagonist von "Dope" ist wie Donald Glover ein black nerd, er hört Nineties-Hip-Hop und spielt in einer schwarzen Punkband. Mit simplen Identitätsangeboten gibt er sich nicht zufrieden, er lebt den Widerspruch und will sich selbst finden. Donald Glover ergeht es ähnlich. Im vergifteten Popdiskurs über Schwarzsein und Weißsein gilt Glover eben deshalb als "white people shit": Er weigert sich, realness zu performen.

Nicht nur eine Hommage

Auf seinem neuen Album, vormals als "PHAROS" angekündigt, spielt er nun gar keinen Hip Hop mehr. Es ist eine reine R&B-Platte geworden, besser noch: eine Soul-Platte. Vorbei die Zeiten, in denen Glover überdeutlich auf den späten Kanye West schielend seine Wortspielketten über Einsamkeit und anderen Nerd-Kram mit aufgesetzt prägnantem Flow rappte. Jetzt macht Glover eine Art Soul, angereichert mit psychedelischem Rock und Funk. Sein Vorbild: Sly Stone und sein epochales "There's A Riot Goin'".

Dieses Meisterwerk verbindet auf einzigartige Weise persönliche und politische Krisen und ist so groß, dass sogar eine an sich eher fantasielose Imitation über Albumlänge noch funktioniert. Denn eine solche ist "Awaken, My Love!" ohne Frage. Man kann einzelnen Songs fast deckungsgleich die Vorlagen zuordnen: "Have Some Love" möchte eine hymnische Gemeinschaftsbeschwörung wie "Dance To The Music" sein, "Baby Boy" klingt mit seinem schnarrigen Riff und Glovers gepresstem Falsetto wie Stones auch ähnlich betiteltes "Just Like A Baby".

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Donald Glover: Der Geschichtenerzähler

Aber Glover schwebt nicht nur eine Hommage vor. Er will einen modernen Klassiker, der sich mit dem Vorbild messen kann. Sein Tonfall ist fast kindlich naiv auf der Suche nach Geborgenheit und Unschuld. "Awaken, My Love!" ist ein Traumalbum, und am Ende des Schlafs soll nicht nur eine musikalische, sondern auch spirituelle Wiedergeburt stehen.

"Sei hilfsbereit. Sei kein Nachteil. No irony."

Zu diesem Zweck hat er vor ein paar Monaten für sein damals noch "'PHAROS'" betiteltes Album ein Konzert im Joshua Tree Park gespielt, bei dem die Zuschauer ihre Handys abgeben mussten - nicht nur, um Aufnahmen zu verhindern, sondern um sich wirklich auf die Musik einzulassen. Das Konzert hatte noch andere Regeln: "PHAROS verbindet die fünf Grundinstinkte menschlicher Erfahrung: den Stamm, das Ritual, die Erfahrung von Abstraktion, Architektur und Sprache. Sei hilfsbereit. Sei kein Nachteil. No irony."

Das ist sicherlich - no irony! - hundertprozentig ernst gemeint und gefühlt, aber vor allem unheimlich prätentiös. Der nicht erst seit David Foster Wallace populäre Versuch, der alles vergiftenden Ideologie der Ironie einen neuen Ethos entgegenzusetzen, wird hier vollends zum platten Wochenendurlaub für Leute mit Agenturjob. "PHAROS", der ursprüngliche Titel, steht für den Leuchtturm von Alexandria, eines der sieben Weltwunder der Antike. Das Album hat aber eher die Strahlkraft eines Nachtlichts.

Dass Glover aber überhaupt diese großen Ambitionen hat, verrät nicht nur seine Zugehörigkeit zur Generation Kanye. Sie haben auch mit seinem Erstberuf Comedian zu tun. Seine Karriere in der Sketchgruppe "Derrick", als Autor für "30 Rock" und Darsteller in der Kult-Sitcom "Community", schließlich als Stand-up, verläuft parallel zu einem Bewusstseinswechsel in der Branche: Comedy ist nicht mehr einfach nur Unterhaltung, sondern eine große Welterklärungsmaschine, die alle Fragen der Menschheit beantworten kann, und deren Vertreter deswegen an der Spitze kreativer Schaffenskraft stehen.

Der Comedian als Autor

Viele Comedians träumen von einer artsy Sitcom, formell experimentell und ganz auf sie zugeschnitten, auf Netflix oder einem Spartenkanal. Wie Aziz Ansaris' "Master of None", Maria Bamfords "Lady Dynamite" oder jüngst Pamela Adlons "Better Things".

Donald Glovers Serie "Atlanta" steht eindeutig in dieser Tradition. Er hat sie kreiert, er spielt die Hauptrolle und schreibt zusammen mit seinem Bruder alle Drehbücher. Die Serie bricht aber mit dem Klischee des verwirrten Stars, der eine Serie über einen verwirrten Star dreht. Der junge Earn, den Glover spielt, kämpft nicht mit Fame und Erwartungen, sondern damit, Geld für das Mittagessen zusammenzukratzen.

Er stolpert ziel- und vor allem mittellos durch sein Leben. Bis er auf die Idee kommt, der Manager seines Cousins Paper Boi zu werden, der als Undergroundrapper gerade die Hip-Hop-Szene von Atlanta aufmischt. Glover füllt seine Serie mit guten Dialogen, die nicht mit Anspielungen überladen sind, aber trotzdem doch eindeutig eine Gegend, eine Sprache, eine Haltung einfangen.

Vor allem überlässt er auch anderen die Bühne. Den Paper Boi spielt Brian Tyree Henry zu gleichen Teilen selbstverliebt und überfordert. Er ist kein Wunderkind, sondern zu alt für den Durchbruch über Nacht. Earns Kindesmutter Van ist keine bittere Ex, sondern seine immer noch enge Freundin. So steckt "Atlanta" voller Szenen und Momente und Figuren, die immer an Erwartungen vorbeischrammen. Vor allem ist es erkennbar eine Sitcom, mit richtig guten Gags, die das hat, was alle guten Serien des "Golden Age of Television" verbindet: Gespür für einen konkreten Ort.

Im Vorfeld sprach Glover davon, mit "Atlanta" einen Moment Zeitgeschichte seiner Heimatstadt und ihrer kulturellen Wurzeln einfangen zu wollen, bevor Homogenisierung und Gentrifizierung sie zerstören. Atlanta, sagt er, "ist das perfekte Labor, um mit all den verschiedenen schwarzen Lebenswelten zu experimentieren". Seine Show ist so ein Experiment, und seine Karriere ebenfalls.

Er hat endlich seine Berufung gefunden

Sogar den Vorwurf des "white people shit" nutzt er hier kreativ. Ein befreundeter weißer Radiomoderator benutzt vor Earn das N-Wort. Nicht als slur, sondern als Coolness-Insignie. Earns Gesicht zeigt keine Wut, eher Müdigkeit: Das jetzt schon wieder? Später fragt Earn den (schwarzen) Müllmann des Senders, ob der weiße Radiomoderator vor ihm schon mal das N-Wort gebraucht hat. "Niemals! Dem würde ich meinen Fuß in den Arsch rammen." In den Augen seines weißen Freundes ist Earn nicht real - oder besser: keine Bedrohung.

Glover ist sich dieser Projektionen von beiden Seiten bewusst. Wenn er in einen schwarzen Nachtklub geht, dann freuen sich fünfzig Prozent, ihn zu sehen, und die anderen behandeln ihn wie einen Uncle Tom, erzählte er dem "New York Magazine". "Aber ich kann keinen schwarzen Menschen hassen. Das System hat uns so fertig gemacht, dass wir uns nicht immer gegenseitig vertrauen können."

Im gleichen Gespräch kündigt er an, die zweite Staffel von "Atlanta" werde ein Klassiker werden. Genau hier liegt Glovers Schwachstelle: Der Wille, ein Meisterwerk zu schaffen, überdeckt Ideen und Können. Was er zu sagen hat, vergräbt er in seiner Musik und seinem Stand-up in Symbolismen, Fassade oder Pose. "Awaken, My Love!" soll ein Statement über die Menschheit sein und fühlt sich doch kalt wie eine perfekte Fliese an.

"Atlanta" hingegen erzählt einfach nur von ein paar Menschen, und damit von ganz viel. So hat es Donald Glover doch noch geschafft, ein großes Kunstwerk zu schaffen. Er hat endlich seine Berufung gefunden: Geschichtenerzähler.

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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
CoolBeans 08.12.2016
1.
Was für eine inkompetente Überschrift Herr Wolff! Als ob es etwas ungewöhnliches ist gleichzeitig schwarz und ein Streber/Nerd zu sein. Als ob man 2016 so etwas noch herausstellen muss. Mag ja sein dass der Titel und der Artikel selbst es gut meinen, trotzdem ist es total unnötig irgendein semi-subtiles 'racial profiling' zu implizieren.
bausa 08.12.2016
2. Muss man den schwarzen Nerd kennen.
Ehrlich,habe noch nichts von dem gehört,gelesen u.s.w.Da gönne ich mir doch lieber einen schönen Dickmanns.
chromakey 08.12.2016
3. Atlanta ist superb
Diese Serie ist fantastisch und Donald Glover ist nicht nur Autor, Produzent und Hauptdarsteller, sondern ein präziser Kollumnist real existierendem Wahnsinn in einer amerikanischen Großstadt. Die Geschichten spielen mit weißen, schwarzen, asiatischen tagtäglichen Klischees anhand von Menschen die nur ganz einfach mit Respekt ihr Leben leben möchten. Die Bandbreite einzelner Folgen reicht von absurdem Theater bis Buster Keaton´s Slapstick. Unbedingt empfehlungswert. Und Donald ist auch ein fantastischer Sänger https://www.youtube.com/watch?v=LIwvxoheLrY
DJ Doena 09.12.2016
4.
Zitat von bausaEhrlich,habe noch nichts von dem gehört,gelesen u.s.w.Da gönne ich mir doch lieber einen schönen Dickmanns.
Bin bisher noch nicht an Atlanta herangetreten, aber in Community war er Teil eines sehr guten Comedy-Duos: Troy & Abed: https://www.youtube.com/watch?v=MOOEa5C71x8
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