Hollywood vs. Trump "Jetzt versuchen Sie mal, Präsident zu sein"

Vor den Wahlen hatte sich Hollywood klar gegen Trump positioniert. Nun suchen die Stars verzweifelt nach einer Strategie, wie man ihm am besten entgegentritt: Konfrontation, Vermittlung - oder doch Auswandern?

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Ja, sie sind noch hier: Zahlreiche Hollywood-Stars haben ihre Ankündigungen, das Land im Falle der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten zu verlassen, doch nicht wahr gemacht. Die große Auswanderungshysterie hat sich wieder gelegt, und viele vermelden nun stattdessen, Opposition sei wichtiger als Exil.

Die Talkmasterin Chelsea Handler etwa, die vor der Wahl bekundet hatte, für alle Fälle bereits ein Haus in Spanien erworben zu haben, tweetete jetzt: "Meine Mitarbeiter haben mich daran erinnert, dass Stimmen und Foren wie meine jetzt mehr denn je gebraucht werden; das Land zu verlassen hieße, aufzugeben."

Aufgeben ist offenbar nicht das Ding von Leuten, die sich zwischen Kellnerjobs jahrelang von einem Vorsprechen zum nächsten gehangelt haben, um endlich den Durchbruch zu schaffen. Und so weht Donald Trump inzwischen ein ziemlich steifer Wind aus Westen um die Nase. Eben erst legte sich Alec Baldwin mit dem designierten Präsidenten an, der es sich nicht hatte verkneifen können, Baldwins Trump-Persiflage auf "Saturday Night Live" zu kritisieren.

"Saturday Night Live": Beck Bennett als Wladimir Putin und Alec Baldwin als Donald Trump
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"Saturday Night Live": Beck Bennett als Wladimir Putin und Alec Baldwin als Donald Trump

SNL sei eine "total einseitige, parteiische Sendung - nichts davon ist komisch", twitterte Trump in aller Frühe nach der Sendung. Baldwin schoss zurück. "Die Wahl ist vorbei. Jetzt versuchen Sie mal, Präsident zu sein." Dann setze er eine ganze Reihe von Tweets ab, in denen er Trump Ratschläge für seine Präsidentschaft gab - Jobs schaffen, den amerikanischen Ruf im Ausland verbessern und Kabinettsmitglieder wählen, die "Leute ermutigen, statt Angst und Zweifel zu säen."

Auch Jeffrey Katzenberg, als vormaliger Disney-Boss und Chef von Dreamworks Animation einer der mächtigsten Hollywood-Moguln, nahm es mit Trump auf. In einem offenen Brief, den das Branchenblatt "The Hollywood Reporter" abdruckte, postulierte er die "fundamentale, beunruhigende Frage: Ist unser nächster Präsident ein Demokrat oder ein Demagoge?"

Er rief die Kreativen des Landes auf, aktiv demokratische Werte zu verteidigen. "Die Gründungsväter haben Werkzeuge entworfen, um die Demagogen, von denen sie wussten, dass sie kommen werden, in Schach zu halten", schrieb Katzenberg. "Wir müssen diese Werkzeuge nutzen und unsere mehr als 61 Millionen Stimmen zu Gehör bringen, im Kongress, im Senat, und friedlich auf den Straßen." Ganz besonders diejenigen, die in den "kreativen Industrien von Hollywood bis Silicon Valley" arbeiten, wo man Offenheit, Respekt und Toleranz praktiziere, müssten den Mund aufmachen und Präsident Trump ermahnen, diese Werte zu unterstützen. "Wir dürfen nicht zulassen, dass ein einziger Kandidat uns vergessen lässt, wie viele wir sind und welche Macht wir haben", so Katzenberg.

Der Medienkrieg hat gerade erst begonnen

Dabei hat der Medienkrieg zwischen Trump-Lager und liberalen Künstlern gerade erst begonnen. Das zeigt der Zwischenfall bei der Aufführung des Musicals "Hamilton" am Broadway, als das Ensemble sich direkt an den im Publikum sitzenden zukünftigen Vizepräsidenten Mike Pence wandte. Einer der Darsteller sagte: "Wir hoffen wirklich, dass diese Show Sie dazu inspiriert hat, die amerikanischen Werte aufrechtzuerhalten und für die Belange von uns allen einzutreten. Von uns allen!"

Prompt reagierte der designierte Präsident höchst selbst mit einer seiner patentierten Twitter-Nachrichten. Das Ensemble habe seinen künftigen Vize "belästigt", schrieb er - und überhaupt sei das mit elf Tonys, einem Grammy und einem Pulitzer Preis ausgezeichnete Stück völlig überschätzt.

Wie gewohnt sprang ihm das ultrarechte Portal "Breitbart News" bei, das Trumps Wahlkampf befeuert hatte und an der Frontlinie populistischer Meinungsmache steht. Wie immer eher süffisant als mit dem Dampfhammer insinuierte die Redaktion mit seiner Überschrift: "Tolerance: 'Hamilton' Cast Lectures Mike Pence From Broadway Stage", dass die Schauspieler eben dies nicht seien: tolerant.

Die Stoßrichtung ist indes klar: Liberale Künstler sind elitäre, pedantische Heuchler. Wie die "New York Times" in einem Stück über ultrarechte Onlinemedien feststellt, machen es ihnen einige Stars aber auch leicht, ihnen das Wort im Mund herumzudrehen. Beispiel Lena Dunham. Sie bekam die Häme des "alt-right" Bloggers und "Breitbart"-Schreibers Milo Yiannopoulos zu spüren, der behauptete, sein Reisebüro mit der Buchung eines Kanada-Flugtickets erster Klasse für sie beauftragt zu haben. Dunham hatte zuvor gesagt, dorthin auswandern zu wollen, sollte Trump gewinnen.

Nach Trumps Wahlsieg postete sie auf Instagram ein Foto von sich, das sie in einem Canyon in Arizona zeigt, in dem sie, so schrieb sie dazu, nach Orientierung suchte. Breitbart machte daraus die gehässige Überschrift: "'Grieving' Lena Dunham Seeks Answers in Arizona Wilderness After Trump Win", auf Deutsch: "'Trauernde' Lena Dunham sucht nach Trumps Sieg Antworten in der Wildnis von Arizona". Mehr als 10.000 Leser kommentierten das, einer schrieb: "Lena war eine großartige Stimmensammlerin für Trump".

Aber nicht nur rechte Medien machen sich über Stars lustig, die sich gegen Trump ausgesprochen hatten. Der Straßenkünstler Sabo fälschte Immobilienanzeigen auf den Parkbänken von Beverly Hills: "Umzug zum Jupiter - Wahltagsverkauf" las sich eine satirische Anzeige mit dem Bild von Cher, die im Vorfeld der Wahl angekündigt hatte, auf den fünften Planten von der Sonne umzusiedeln, falls Trump gewählt würde. Spott gab es auch von den Kanadiern. "Seit wann ist denn die Auswanderung nach Kanada der Notfallplan für schlechte Wahlentscheidungen?" tweetete einer, ein anderer postete das Foto eines Mannes beim Bau eines Iglus mit der Zeile: "Dies ist Kanada beim Bau einer Mauer zur US-Grenze, nur vorsichtshalber."

Nicht alle Auswanderungs-Drohungen freilich waren ernst gemeint. Die Komikerin Amy Schumer stellte auf Twitter mit einem gewissen Augenrollen klar, ihre Drohung aus einem BBC-Interview, "nach Spanien oder sonstwo" umzusiedeln, sei natürlich ein Witz gewesen: "Wer jetzt sagt, ich packe meine Koffer, ist genauso widerlich wie wer für diesen rassistischen, homophoben, offen respektlosen Frauenschänder gestimmt hat." Dass Madonnas Angebot am Rande von Amy Schumers Comedy-Show, jedem Hillary-Wähler einen Blowjob zu geben, eine Zuspitzung war, blieb wohl bloß den notgeilsten Beobachtern verschlossen.

Jon Stewart bleibt dem Planeten erhalten

Und auch von Jon Stewart, der mit seiner "Daily Show" sechzehn Jahre lang das politische Gewissen der amerikanischen Nation gewesen war, erwartete kaum jemand, dass er tatsächlich in eine Rakete klettern und die irdischen Gefilde verlassen würde, wie er am Rande der Emmy-Gala 2015 für den Fall angekündigt hatte.

Jetzt warnte Stewart die Demokraten davor, alle Trump-Wähler als Rassisten darzustellen - man dürfe schließlich auch nicht alle Moslems über einen Kamm scheren. Amerika sei schon immer eine schwierige Kiste gewesen, weil der große Schmelztiegel nicht natürlich sei. "Natürlich ist, stammesorientiert zu sein. Wir kämpfen hier gegen Tausende von Jahren menschlichen Benehmens und menschlicher Geschichte, um etwas zu schaffen, das es vorher nicht gab - das ist außergewöhnlich an Amerika, und deswegen ist das hier nicht leicht."

Für die nächste Wahl gilt inzwischen vorzumerken, dass man seine Exil-Drohungen am besten mit etwas Humor spickt. Die Schauspielerin Natasha Lyonne hatte im Fall eines Wahlerfolgs von Trump statt der Auswanderung die Zuflucht in eine Nervenklinik in Aussicht gestellt. Und Spike Lee sagte, sich unter einem Präsidenten Trump in die "Republik Brooklyn" zurückziehen zu wollen.

Und für die, die wirklich immer noch nichts wie weg wollen, gibt es auch noch eine elegante Lösung: Findige Kalifornier unter der Ägide des Silicon-Valley-Investors Shervin Pishevar basteln unter dem Hashtag #Calexit an einer Sezession des Bundesstaates. So könnten Hollywoods Superstars bleiben - und dennoch wie versprochen das Land verlassen.

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