Angst vor Trump Jetzt beruhigt euch mal bloß nicht

Wird schon nicht so schlimm werden unter Donald Trump? Kann sein, dass der nächste US-Präsident künftig zahmer auftritt als im Wahlkampf. Doch der Hass seiner Anhänger, der ihn ins Amt gebracht hat, wird bleiben.

Anti-Trump-Demonstration in Seattle
AFP

Anti-Trump-Demonstration in Seattle

Eine Kolumne von


Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, dass die meisten Leute, für die es zu Ende geht, keine Weltuntergangswitze machen. Weltuntergangswitze waren der Running Gag der letzten Monate: Wenn der Typ mit der bekloppten Frise gewinnt, dann geht ja wohl die Welt unter, LOL. Jetzt hat der Typ gewonnen. Ich habe es auch nicht geglaubt. Ich hatte eine halbe Kolumne fertig darüber, was es für den Feminismus bedeutet, wenn Hillary Clinton Präsidentin ist. Na ja. Einmal im Leben optimistisch gewesen, und dann das.

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Heft 46/2016
(wie wir sie kennen)

Einerseits war irgendwie klar, dass die Weltuntergangswitze nur Witze waren. "The end is in sight" stand auf der Titelseite der "taz" am Wahltag. Andererseits war es irgendwie offenbar doch nicht klar. Bald darauf kam die Feststellung: Die Welt geht gar nicht unter. Alle wieder entspannen, abwarten, auch mal wieder ein Witzchen machen, sieht doch ganz vernünftig aus bisher.

Aber reicht die Erleichterung, dass Donald Trump nicht mit Bekanntwerden der Wahlergebnisse ins Weiße Haus gestürmt ist, um den roten Knopf zu drücken und Atombomben auf alle ihm unliebsamen Staaten loszuschicken, reicht diese Erleichterung, um davon zu sprechen, dass wir uns jetzt erst mal beruhigen sollten? Abgesehen davon, dass er nicht losstürmen konnte, weil er ja noch gar nicht Präsident ist, und abgesehen davon, dass es generell an den meisten Tagen im Leben ein guter Ratschlag ist, nicht hysterisch zu werden, muss man leider sagen: Wir haben keinen Grund, uns zu beruhigen. Nicht jede Beunruhigung ist Hysterie, manche ist schlicht notwendige Wachsamkeit und begründete Anspannung. Wir haben sehr gute Gründe, in akuter Alarmbereitschaft zu sein und gleichzeitig gründlich zu überlegen, wofür wir stehen und wo wir damit hinwollen, und das ist eine abgefahren harte Herausforderung.

Am Freitagabend erklärten auf "Radio Eins" zwei an Ignoranz schwer überbietbare Moderatoren, es sei so schlimm, wie undifferenziert und uninformiert die Leute über die US-Wahl reden würden, aber irgendwie sei es ja auch schön, dass Trump gewonnen habe: "Endlich passiert mal wieder 'n bisschen was". In Amerika sei ja jetzt "die Panik ausgebrochen". Dabei sei es ja jetzt, wo Trump gewählt ist, auch egal, was er als Präsident tun werde, denn der Zug sei ja schon gegen die Wand gefahren - "ist doch scheißegal, was er jetzt macht".

Scheißegal ist es genau dann, wenn man das Wahlergebnis als etwas Abstraktes betrachtet, das mit dem Leben der Leute nichts zu tun hat. Für viele Menschen in Deutschland mag das stimmen. Wenn man niemanden in den USA persönlich kennt, der oder die zu einer sogenannten Minderheit gehört, wie - äh - Frauen, queere oder schwarze oder muslimische oder immigrierte Menschen, und wenn man auch in keiner Zelle seines Körpers Mitgefühl mit denen hat, dann ist es tatsächlich bis auf Weiteres für den Alltag sehr vieler Leute scheißegal, was Trump jetzt macht.

Die Gefahr ist nicht abstrakt, sondern real

Faktisch sind die allermeisten Nachrichten, von denen wir in Medien hören, für unseren Alltag komplett irrelevant. Ein Erdbeben in Neuseeland, ein Anschlag im Irak, Eisbärnachwuchs im Berliner Tierpark: Das meiste davon macht mit den meisten Menschen nichts. Wetterbericht und Blitzermeldungen sind relevant, der Rest ist pragmatisch gesehen größtenteils nur Unterhaltungsstoff beim Abendessen und wäre ersetzbar durch laute Musik.

Blöd nur, wenn man dann überrascht wird, dass plötzlich zweistellige Prozentzahlen von Menschen Rechtspopulisten wählen. Es ist ein Problem, wenn selbst Leute, die weniger hohl sind als die zwei zitierten Radiomoderatoren, das Wahlergebnis betrachten wie eine schlechte Note in Wahrscheinlichkeitsrechnung. Als hätten sie beim Pferderennen auf das verletzte Pferd gesetzt, und huch, tja, war wohl falsch.

Das linke Milieu sei zu arrogant, hieß es jetzt in vielen Analysen zur US-Wahl. Es lebe in einer Blase, verbarrikadiert hinter Biokisten, und verachte alle, die nicht zu Judith Butler promoviert hätten. Ich fand das eine interessante These, weil ich das Gefühl hatte, ich müsste diese Leute eigentlich kennen, aber vielleicht tragen sie auch eine Aura von Sympathiemangel um sich rum, sodass ich nicht dazu komme, auf Partys mit ihnen zu reden, ich weiß es nicht, aber das linke Milieu, das ich kenne, ist besorgter, und mit Grund. "Es ist nicht elitär, dem Faschismus ins Gesicht zu sehen und ihn abzulehnen", schrieb Laurie Penny nach der Wahl. "Es ist nicht antidemokratisch, an eine Gesellschaft zu glauben, in der Platz für alle ist. Für Toleranz, Gerechtigkeit und Würde für Frauen, queere Menschen und für People of Colour zu kämpfen ist nicht oberflächlich oder eitel."

Seit dem ersten Tag nach der Wahl können wir vermehrt Berichte in sozialen Medien lesen von Frauen, denen das Kopftuch heruntergerissen wurde, von Schwulen, die blutiggeprügelt wurden oder von anderen Menschen, denen jetzt gesagt und gezeigt wird, dass dies nicht mehr ihr Land ist. Die Welt mag nicht untergehen in dem Sinne, dass der Planet Erde aufhört zu existieren. Aber für eine große Zahl von Menschen ist mit der Wahl Trumps eine Bedrohung sehr real geworden. In einer NBC-Umfrage hieß es, 30 Prozent der weißen Wähler und Wählerinnen würden Angst bekommen, wenn Trump gewinnt, und 68 Prozent der schwarzen.

Viel arroganter als nicht auch mit Lkw-Fahrern oder Lidl-Verkäuferinnen befreundet zu sein und damit in der viel zitierten Blase zu leben, ist die Empathielosigkeit und Realitätsverweigerung, mit der jetzt dazu aufgerufen wird, sich doch mal zu beruhigen, Trump werde schon halbwegs seriös, kompromissbereit und gezähmt werden durch das Amt. Das kann sogar sein. Aber die Menschen, die ihn gewählt haben, haben keinen Grund dazu. Selbst wenn Trump nicht der Horrordiktator wird, als der er im Vorfeld überzeichnet wurde, gibt es doch viele, die berechtigterweise Angst haben, weil jetzt die, die Wut gewählt haben, sich ermächtigt fühlen. Trump selbst wird keine Muslime verprügeln. Er wird keine Frauen, die abgetrieben haben, bedrohen, und vielleicht sogar wird er sich nicht mehr öffentlich über Behinderte lustig machen. Das bedeutet aber nicht, dass der Hass weg ist, der ihm zum Sieg verholfen hat.

Die AfD Berlin twitterte, als das Wahlergebnis feststand: "Wir sind Präsident!" Wir haben bis zur Bundestagswahl ein Dreivierteljahr Zeit, in unserem eigenen Land zu zeigen, dass die Rechten keine abstrakte Gefahr sind, über die wir uns dann schockiert zeigen. Sondern eine sehr reale.

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insgesamt 249 Beiträge
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Seite 1
Leser161 15.11.2016
1. Gähn
Nehmen wir mal an die Hälfte der Amerikaner wären hasstriefende Psychos, wie so oft angedeutet. Dann war der Hass schon vorher da. Er wäre weiter dagewesen wenn Clinton es geschafft hätte. Und er wird vielleicht auch noch in 4 Jahren da sein. Bevor man den Boten medial köpft, wäre es nicht gut zu fragen woher dieser sogenannte Hass kommt? Und ob er weggeht wenn man die vorgeblichen Hassbesitzer am Liebsten von der Demokratie aussperren würde, genau wie damals in Athen, wo unter anderem Sklaven und Frauen nicht wählen durften. Letzte Frage: Was macht die Trump-samt-Wählerschaft-verteufler jetzt genau besser als Trump? Was macht sie rationaler? Ich sehe da keinen Unterschied. Geifer hier, Geifer da.
Darwins Affe 15.11.2016
2. Nicht aufregen
Liebe Frau Stokowski: Die Kolumne über Feminismus hat dann ihr Kollege Fleischhauer geschrieben --- bleibt doch zumindest im gleichen Verlag.
ted-g 15.11.2016
3. Angst vor Trump?
Sorry, aber eine Lehre aus dem Wahlergebnis fidne ich in ihren Zeilen nicht wirklich! Statt es auf "...nicht auch mit Lkw-Fahrern oder Lidl-Verkäuferinnen befreundet zu sein..." zu reduzieren, sollten Sie doch mehr danach fragen, wie das bestehende Medien- oder Politmodell zu dem Ergebnis führte. statt sich witrklich mal mitr den bestehenden Problemen des LKW-Fahrers oder der Lidl-VErkäuferin intensiv zu beschäftigen, führen Sie diese hier an, als ob das nur die potentiellen Wähler der AfD in Deutschland oder in entsprechender weise von trump in den USA wären. Aber nein, die Probelme dieser schichten sind von einigen kollegen aufgeführt worden, sie sind nämlich existentiell und sollten deshalb enrst genommen werden. Nicht wieder weiter machen mit dem überheblichen Tone! Da sist es doch, was zu den Ergebnissen führte...
brotherandrew 15.11.2016
4. Es ist ...
... ein bisschen einfach, zu behaupten, der Hass habe Trump ins Amt gehievt. Wer so schreibt, verweigert sich einer differenzierten Sicht auf die Dinge. Ja, es gab Hass, es gab auch Ressentiments gegen diverse Bevölkerungsgruppen. Aber es gab eben auch das ohnmächtige Gefühl und den Frust vieler Wähler/innen, abgehängt worden zu sein, marginalisiert zu werden und dergleichen mehr. Es sind vielschichtige Ursachen für Trumps Sieg zu konstatieren und viele davon kann man nicht einfach mit dem Etikett "Igittigitt" versehen und dagegen protestieren. Ich persönlich hätte Hillary als das kleinere von zwei großen Übeln gesehen, aber eben nicht als positives Signal. Es sollte auch den sog. linken Intellektuellen und der Autorin dämmern, dass Hillary die falsche Kandidatin gewesen ist und daß viele Menschen schlicht andere Prioritäten haben als linke Feministinnen. Solange dies nicht erkannt und benannt wird, wird man dem Phänomen des rechten Populismus ohnmächtig gegenüberstehen.
omop 15.11.2016
5. Wenn interessiert das
Da kann man nur sagen..schlechte Verliererin. Sie sollte sich vielmehr mit dem Scheitern "Ihrer" Kandidatin Clinton auseinandersetzen..
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