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11. Februar 2017, 11:03 Uhr

Sprachattacke der Rechtspopulisten

Trompeten des Trumpismus

Von Georg Seeßlen

Leute wie Donald Trump und Steve Bannon haben verstanden: Die Sprache ist die letzte verbliebene Waffe der Linken und Liberalen. Also setzen sie alles daran, sie zu vergiften.

1 Im Wunderland traf Alice, die neugierige kleine Rationalistin, auch auf die Raupe. Diese nannte Schwarz Weiß, ein Wenig Alles und gestern morgen. Aber, protestierte Alice, es kommt doch darauf an, was Worte bedeuten. Nein, meinte die Raupe, und sie nahm einen tiefen Zug aus der Wasserpfeife, es kommt nicht auf die Bedeutung an, es kommt darauf an, wer die Macht hat. Zu dieser Behauptung fiel Alice absolut keine Erwiderung ein, denn sie hatte gelernt, dass auch die Mächtigen die Bedeutung der Wörter respektieren mussten. Und sie dachte daran, dass Raupen ja nur Zwischenstufen sind. Was würde wohl aus dieser Raupe werden?

2 Der Krieg, den die Rechtspopulisten dieser Welt gegen die Demokratie, den Liberalismus und die politische Diskursfähigkeit führen, ist immer auch ein Krieg gegen die Sprache. Das heißt, es geht nicht allein darum, innerhalb eines sprachlichen Codes eine Hegemonie zu erringen, die Sprache der politischen Diskurse mit den eigenen Ansprüchen zu füllen, es geht vielmehr darum, diese Sprache selbst zu vergiften, und dazu sind viele Mittel recht.

Denn so viel wissen die neuen Rechtspopulisten, die zu weiten Teilen selbst aus dem Mediengeschäft stammen oder aber ihre Lektionen im Umgang mit ihnen gelernt haben: Die Sprache ist die einzig verbliebene Waffe des Gegners. Nimm ihnen die Sprache, den Liberalen, den Linken, den politisch Korrekten, den Feministen, den Demokraten, der intellektuellen "Elite", und was bleibt ihnen dann? In der Sprache, die ihnen verblieb, scheinen die Vertreter des politischen Diskurses in der Tat viel leichter über die eigenen Fehler sprechen zu können als darüber, wie diese neue Rechte (mit alten Inhalten auch, gewiss) den öffentlichen Raum eroberte.

Demokratie ist eine Sache der Sprache. Es steht und vor allem fällt das eine mit dem anderen. Natürlich wird auch in einer Demokratie gelogen, ziemlich viel sogar. Aber die Performance des Rechtspopulismus sagt etwas ganz anderes, nämlich dass "WIR" die Bedeutung sind, und nicht eine äußere Wirklichkeit. Die äußere Wirklichkeit desavouiert sich ja schon allein dadurch, dass sie "für alle gleich gilt". Wie kann etwas gut sein, das auch für "DIE ANDEREN" da ist?

Die Wirklichkeit ist eine Erfindung des linksliberalen Establishments. Das ist der politisch-pragmatische Gehalt der Konstruktion von "alternativen Fakten" (die eine angenehme Alternative zu Fakten darstellen); der zweite Gehalt dieses wunderbaren Begriffs verweist auf die tiefe Verwurzelung des Trumpismus in der populären Kultur, in Castingshows, Soap Operas, Comics, Filmen und TV-Serien. Auch da geht es nicht darum, wie die Welt beschaffen ist, sondern darum, was die Kunden wollen (die Kunden vor dem Bildschirm, die Kunden aus der werbetreibenden Wirtschaft).

Trumpismus ist in seiner ersten Phase die Kunst, die politischen Diskurse nach den Regeln der Unterhaltungsindustrie aufzulösen. Es müssen Bilder her, wo Texte waren, es muss Mythos her, wo Geschichte war, es müssen Emotionen her, wo Logik war. Es ist schwer zu sagen, ob hinter der Vergiftung von Sprache und Diskurs so etwas wie ein Plan steckt, ob sie dem "Naturell" der Repräsentanten der populistischen Rechten entspricht, oder ob sie einfach durch trial and error als Erfolgsrezept erkannt wurde. Sprechen, um den anderen sprachlos zu machen jedenfalls, hat seine Traditionen und ist schließlich mediale Praxis in den Talkshows geworden.

Die Wurzeln des Trumpismus im Allgemeinen und die der trumpistischen Sprache im Besonderen reichen tief in die amerikanische Mythologie, und sie reichen in die Untiefen der populären Kultur. Trumpistische Sprache lässt sich knapp beschreiben als ein Zusammenspiel von extremer Verkürzung, der Anhäufung von nichtssagend euphemistischen Steigerungen wie amazing, beautiful, great, tremendous (es sind die Floskeln, die wir von TV-Promis kennen, die ihre Begeisterung im Code der "Reality" ausdrücken), rüpeligen Herabsetzungen wie weak oder failing und Drohgebärden. Diese Sprache passt perfekt ins Twitter-Format, und dieses Format als neue Form der Kommunikation des Herrschers mit seinem Volk hat eine eigene Semantik und mit ihr ein ganzes politisches Programm.

Diese Sprache, wie gesagt, sind wir aus anderem Zusammenhang gewöhnt, und es war nur eine Frage der Zeit, bis die Sprache des Dieter Bohlen aus der Castingshow in die Sphäre der "wirklichen Politik" gelangt, oder eben die aus Donald Trumps berüchtigter "You're Fired"-Show in den Wahlkampf. Die von dieser Sprache beleidigten und verhöhnten Demokraten, die sich plötzlich als linksliberales Establishment angesprochen sahen, waren nicht in der Lage, auf diesen semantischen Übersprung zu reagieren, weil sie die Signale aus dem Untergrund der populären Kultur und den Trash-Medien grundsätzlich nicht ernst zu nehmen imstande waren.

Die Mehrheit der Menschen lebt längst in einer Welt der "alternativen Fakten". Tatsächlich lässt sich eine Schuld der kulturellen Eliten darin ausmachen, dass sie die Popkultur im Wesentlichen verachten und, schlimmer, abgesehen von Lautstärke, Langeweile und Massenproduktion nichts davon verstehen. Indes ist populäre Kultur ein Repräsentationssystem, das längst aus dem Stadium einer schieren Widerspiegelung oder der Funktion eines medialen Trostes (einer Droge) hinausgelangt ist.

Der Unterschied aber ist kein hierarchischer, sondern ein fundamentaler. Die "alte", politisch-diskursive und, wenn man so will, "museale" Ordnung (im Sinne einer verpflichtenden und respektvollen Aufbewahrung der Geschichte) entspricht einer sprachlichen Repräsentation. Alles "gilt", insofern es zum Text geworden ist. Im politischen Sinne bedeutet das in erster Linie: Programme, Gesetze, Verträge und Verordnungen. Die Populäre Kultur hingegen basiert vor allem auf Bildern - auch das Sprechen (und hier wird viel gesprochen!) dient nicht der Herstellung von Texten, sondern von Bildern. Es handelt sich bei dieser non-sprachlichen Repräsentation (um einen typisch linksliberal elitären Fachausdruck zu bemühen) um einen Sonderfall der Teleosemantik.

Vom Teleogehalt einer Wahrnehmung (einer "Nachricht" zum Beispiel) spricht man dann, wenn ein (erzeugtes) Bild A exakt dem Gehirnzustand A' entspricht. Sinnvoll ist es, wenn das Bild eines Kuchens exakt meinem Appetit auf Kuchen entspricht. Keine teleologische Kommunikation findet statt, wenn ich Appetit auf Kuchen bekomme, aber weit und breit weder ein Kuchen noch ein Bild von einem Kuchen vorhanden ist, oder aber, wenn ich mit Bildern von Kuchen konfrontiert werde, und ich Kuchen nicht ausstehen kann. In diesem Fall, nebenbei gesagt, internalisieren sich die Konflikte und Kommunikation (ich "träume" von dem besagten Kuchen, und dieser Traum beinhaltet möglicherweise nicht allein meine Lust auf ihn, sondern auch meinen Zorn darauf, dass ich keinen bekomme, oder auch meine Angst davor, nie wieder einen zu bekommen).

Von der Diskurskultur unterscheidet sich die Popkultur weiter dadurch, dass die Autorität der "Nachricht" (des äußeren Bildes) weder durch Logik noch durch Erfahrung, sondern durch Effekt und durch Emotion gebildet wird.

3 Donald Trump ist also ein Produkt der großen medialen Traummaschinen; in ihnen war er vorgezeichnet, aus ihnen ward er zusammengesetzt. Er trat ins wirkliche Leben, ein Mediengespenst kaperte die Politik. Sein großes Versprechen? Schutz! Der neue Herrscher musste Grenzen errichten, hoch und schnell, um seine Macht grenzenlos machen zu können. Sein zweites Versprechen: Nähe.

Nichts von dem, was er machte, ergab in der ersten Erzählung, der von der rationalen Politik, ernsthaft Sinn. Bei näherem Hinsehen war es nicht zu übersehen, dass niemand außer ihm selbst von seinen Dekreten profitieren würde, und am wenigsten jene, die man als seine Wähler und Unterstützer ausgemacht hatte.

4 Erstaunlicherweise scheinen alle "Propheten" des Trumpismus, von den "gewöhnlich" reaktionären und bigotten Konservativen bis zu den offen rassistischen, sexistischen und nationalistischen Vertretern der Alt-Right-Bewegung, durch zwei Dinge miteinander verbunden. Zum einen durch einen Bruch in der Biografie: Viele von ihnen entstammen dem liberalen, gar linken Milieu; Steve Bannon etwa erzählt gern, dass seine Familie, irisch-katholische Arbeiterklasse, Kennedy-Bewunderung und Gewerkschaftstreue hochhielt. In seiner Selbstbeschreibung heißt es: "What turned me against the whole establishment was coming back from running companies in Asia in 2008 and seeing that Bush had fucked up as badly as Carter. The whole country was a disaster." Das ist (nebenbei natürlich eine Absage an den alten Konservatismus) zum einen ein klassisches Motiv aus der (Pop-)Mythologie: Der Held kehrt von einer Reise zurück und sieht seine Familie, seine Heimat, sein Land in besagtem furchtbaren Zustand. In aller Regel aber übermalt diese Heldengeschichte auch einen blinden Fleck. Was hatte er dort verloren, und woher kommt sein Hass? Und was veranlasste Andrew Breitbart, seinem liberalen Milieu zu entsagen und zum Propheten der alternativen Rechten und eben auch der alternativen Fakten zu werden?

Andrew Breitbart (1969 in Westwood, Los Angeles, Kalifornien geboren und dort am 1. März 2012 gestorben) war einer der publizistischen Vorkämpfer der neuen Konservativen, wie sich die Rechte damals noch gern nannte, die sich das Internet als neue Plattform eroberte. 2005 gehörte er zu den Begründern der damals noch ebenfalls konservativen "Huffington Post". Aber von Anfang an ging es ihm um mehr als um die Verbreitung mehr oder weniger reaktionärer Ansichten, nämlich um den gezielten Angriff auf Liberale, Linke und Bürgerrechtler. Auf seinen eigenen Websites, darunter biggovernment.com, bigpeace.com, bigjournalism.com und breitbart.tv, organisierte er Kampagnen gegen einzelne Politiker und Journalisten, arbeitete zugleich aber auch an einer allgemeinen Delegitimierung des Mainstreamjournalismus. Insbesondere in seiner Kampagne gegen die Hilfsorganisation Acorn (Association of Community Organizations for Reform Now), die sich um Nachbarschaftshilfe, Wahlaufrufe und Gesundheitsfürsorge kümmerte, setzte er zum ersten mal gezielte Desinformation ein, auf die auch Mainstreammedien wie die "New York Times" und die Politik hereinfielen.

Die Organisation musste sich auflösen, obwohl schließlich herauskam, dass die heimlichen Filme, die der Filmemacher James O'Keefe und die Studentin Hannah Giles erbeutet hatten, durch eine manipulative Montage Vorwürfe zu enthüllen schienen, die sich im Nachhinein als unhaltbar erwiesen. Dies war im Jahr 2009 nicht die erste, ganz sicher aber einer der wirksamsten Formen von Fake News, die von der Rechten eingesetzt wurde. Der Erfolg schien Breitbart und seinen Mitstreitern recht zu geben: Selbst wenn die Staatsanwaltschaft, die Politik und die "seriösen" Medien an der Aufklärung einer Desinformationskampagne arbeiten, kommt sie bei den eigenen Anhängern so gut an, wie die Korrektur verpufft. Es war das offensichtliche Vergnügen an der Provokation, die Breitbart auch bei jüngeren populär und zu einem Propheten der hippen Rechten machte.

Nach Breitbarts überraschendem Tod übernahm Steve Bannon die vakant gewordene Rolle des Provokateurs und Desinformanten. Steve Bannon und Donald Trump waren wie für einander geschaffen; mehr noch, dass Donald Trump, president elect, ihn sogleich in den inneren Kreis der Macht holte und dafür andere, ältere demokratische Rechte von Check und Balance aushebelte, war selbst gelungene Provokation.

Steve Bannon ist derjenige, der die popkulturell-teleosemantischen Spruchbilder des Donald Trump in ein geschlossenes politisches Bild und in die dazugehörende Praxis umsetzt. Trump war wie ein schlechter Witz, wie König Ubu auf die politische Bühne getreten, Bannon dagegen mit einem signifikant abseitigen Selbstbildnis: "Darkness is good… Dick Cheney, Darth Vader, Satan. That's power. It only helps us when they (die Liberalen) get it wrong. When they are blind to who we are and what we're doing." Konnte man die andere Hälfte des Trumpismus deutlicher aussprechen (nicht in irgendeiner diskursiven Logik, sondern im Bild, das Politik, Popkultur und Religion vereint). Und wem war solche Weisheit zu verkünden? Dem "Hollywood Reporter".

Was bei Trump selbst noch mit einer unbändigen narzisstischen Lust an Selbstüberhöhung, Aggression und Destruktion daherkommt (sein "You Are Fired!" hatte durchaus und unverhohlen eine sexuelle Komponente), ist bei Bannon "blutiger Ernst". Wo Trump sich damit brüstet, seiner Macht und seines Reichtums wegen jede Frau nach Belieben zu begrapschen, wird Bannon wegen häuslicher Gewalt angeklagt (und verdankt seine Freiheit dem Umstand, dass seine damalige Frau die Anklage zurückzieht); wenn Trump sich noch in einen rhetorischen Nebel hüllt, öffnet Bannon die Türen weit zu den aggressivsten Formen der Rechten, zum Ku-Klux-Klan, zu "White Supremacy", zu potentiellen Gewalttätern. Und wenn Trump immer so scheint, als wäre er von seiner eigenen Wirkung betrunken, blickt Steve Bannon immer nur auf Feinde.

5 Aber was steckt, jenseits der aktuellen politischen Allianz und neben dem Beavis- und Butthead-Aspekt dieser Beziehung (zwei hässliche Zeichentrickjungs, die beschlossen haben, nie erwachsen zu werden, und sich diebisch über jeden Akt von Sabotage und jede öffentliche Geschmacklosigkeit freuen) hinter dem, was Bannon andeutet mit dem, was sie tun und von dem die dummen Liberalen keine Ahnung haben?

Wieder hilft uns vielleicht eine Bannon-Aussage: "Unser eigentlicher Gegner sind nicht die Leute von der Demokratischen Partei, unser eigentlicher Gegner sind die Medien." Die drei Ziele jeder rechtspopulistischen Bewegung sind:

1. Die Delegitimierung der liberalen, demokratischen Presse des "Establishments".

2. Die Stärkung der nützlichen und sympathisierenden Medien und Kommunikationswege.

3. Der Aufbau eines eigenen Mediennetzes.

Die Voraussetzung für die Erfüllung aller drei Ziele ist eben die Vergiftung und Entwertung jener Diskurssprache, von deren Medien am Ende auch der größte Widerstand gegen ein neues mediales Imperium zu erwarten ist. Das ist in den USA nicht anders als in Europa, wo gegen die "Lügenpresse" gehetzt wird und zäh auf die Abschaltung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks hingearbeitet wird.

Riskieren wir ein bisschen Verschwörungstheorie; vielleicht ist es ja nur ein böser Traum. Möglicherweise ist selbst die Präsidentschaft für Donald Trump nur ein Übergangsstadium zu einer noch nachhaltigeren Herrschaft. Wer die Medien beherrscht, beherrscht das Land. Wer die Sprache beherrscht, beherrscht die Macht. Wer den Geschmack beherrscht, beherrscht die Gesellschaft. Zumindest ein Nebenziel der Trump-Präsidentschaft in all ihrem Durcheinander von Familie, Business, Politik und Narzissmus, dürfte die Errichtung eines Medienimperiums sein.

Es geht indes Donald und Steve in unserem Albtraum nicht um die Errichtung eines klassischen Medienimperiums, wie es die Murdochs oder Berlusconis noch regierten, sondern um ein wirkliches Imperium auf der Basis medialer Diskursherrschaft. Die Vergiftung der Sprache und die Gestaltung einer alternativen Wirklichkeit sind die ersten Voraussetzungen dafür, oder anders, wieder nach der Repräsentationstheorie gesagt: Die Macht, welche die Demokratie sozusagen mit ihren eigenen Mitteln beenden wird, entsteht zu einem nicht geringen Teil durch die Ersetzung von sprachlicher durch nichtsprachliche Repräsentation. Nichtsprachliche Repräsentation, wie wir sie aus der populären Kultur kennen, entsteht aus der Nähe der Bilder und der Abwesenheit der Metarepräsentation (das sind gleichsam die semantischen Kontrollinstanzen, die uns helfen, zwischen einer Repräsentation und der Wirklichkeit zu unterscheiden).

Das Dekret, mit dem Donald Trump offensichtlich zu regieren gedenkt, entspricht also nicht allein einer Machtanmaßung und dem Bruch mit demokratischen "Spielregeln", sondern auch einer sozusagen nichtsprachlichen Repräsentation eines einzelnen Willens, dessen Legitimation allein dadurch entsteht, dass er den Willen des Volkes "repräsentiert".

Auch der Tweet ist ein nicht- oder wenigstens pseudosprachlicher Repräsentationsvorgang, der einen vollkommen absurden Übertragungsvorgang unternimmt, nämlich den spontanen, schnellen und begrenzten Ausdruck einer "privaten" Person, die direkt auf Wahrnehmungen und Herausforderungen reagiert in das Feld des politischen Diskurses. Ein Tweet ist das Gegenteil von einem Text, oder mehr noch: Aus einem Tweet kann kein Text werden. Er handelt ja nicht von einem Politiker namens Donald Trump, sondern von einem Privatmann, der offensichtlich keine Probleme damit hat, seine Gier, seinen Zorn, seine Kränkung zu veröffentlichen. Zwischen dem Privatmann und dem Politiker, so will das besagen, gibt es keinen Unterschied. Er ist in gewisser Weise eine lebende Indifferenzzone von Privatsphäre, popkultureller, nicht sprachlicher Repräsentation und politischer/ökonomischer Macht.

Die Verschmelzung des Privaten (ein Kerl, der offenkundig von sich selbst besessen ist, wer weiß aufgrund welcher Ängste) und des Politischen in einer Person, die ein entscheidendes Plus beim Wahlkampf war, absentiert genau das, was man in aller Regel "politische Verantwortung" nennt. Diese Ganzheit ist stets ein Charaktermerkmal des populären Helden. Sie bekleiden kein Amt, sie sind, um Popeye, den Seemann, zu zitieren, was sie sind, und das ist alles, was sie sind. Und diese Ganzheit eines Menschen, der als Politiker, als Unternehmer und als, nun ja, als ein Mann mit einer seltsamen Vorstellung von der Beziehung zwischen Männern und Frauen, stets er selbst ist, erscheint als Gegenbild zum "gespaltenen" Politiker, zum Beispiel zu einer Hillary Clinton, die als "kalt" empfunden wird, wo sie zu wenig private Nähe und den Primat des Amtes zeigt, und die nun, anstatt einer lebenden Indifferenzzone eine lebende Metarepräsentation scheint (so als wäre, hier beginnt schon das Apokalyptische in dieser Inszenierung, bereits "Kontrolliertheit" ein Frevel).

Was immer er ansonsten zu bieten hat, ist der Volksheld stets durch diese beiden Eigenschaften charakterisiert, durch seine Nähe (was Zuwendung ebenso umfasst wie Provokation). Comedians wirken in aller Regel auch bei uns weniger durch die Schärfe ihres Witzes als durch die Inszenierung dieser "Distanzlosigkeit". Trumpistische Sprache ist dieser Comedian-Sprache sehr verwandt; sie erzeugt die leicht obszöne Nähe einer verschworenen Gemeinschaft, die sich eben in der Sprache versichert, etwas auszudrücken, was "eigentlich" verboten ist.

Distanz und Distanzlosigkeit lassen sich nun wiederum sowohl als soziale Praxen ansehen, als auch als ästhetische Strategien und schließlich als semantische Technik. So repräsentiert der Rüpel im Weißen Haus eben nicht unbedingt die Nation als vielmehr den Fred-Feuerstein-Homer-Simpson-Al-Bundy-Family-Guy-Privatmann. Da ein uns repräsentierender Privatmann - das Gegenteil von einem "Politiker" - den Raum und die Möglichkeiten der Macht besetzt hat, repräsentiert er - bildhaft, unsprachlich, teleosemantisch - uns alle, aber eben weder als Nation noch als Gesellschaft, sondern eben genau als Indifferenz zwischen Privatraum und Öffentlichkeit.

Das könnte uns zu einer unerhörten These bringen: Der medial vorgebildete, teleosemantisch überfüllte Volksheld, der das Weiße Haus ganz und gar inszenatorisch zu seinem privaten Machtraum umwidmet, und der, wie es Volkshelden nun einmal tun, nicht mit Vertragspartnern, mit Funktionsträgern und mit politischen Repräsentanten regiert, sondern mit seiner Familie und mit einer (man kann es nicht anders sagen) Gang, mit Beratern (consigliere) und Exekutoren, erfüllt in Wahrheit nicht das Programm einer nationalen Wiedergeburt (wovon das "Make America Great Again" zu zeugen scheint), noch einen problematischen aber wenigstens gut gefühlten Protektionismus, der Amerikanern und Amerikanerinnen bessere Jobs und mehr Chancen für den pursuit of happiness verschaffen will, sondern das genaue Gegenteil ist der Fall: Trumpismus ist das Projekt der Zerstörung von Nation und Gesellschaft zugunsten einer Herrschaft der Clans und der Freunde der Freunde.

Dass Trump und Bannon, der lüsterne Narziss und der finstere Ränkeschmied, der falsche König und sein Einflüsterer (Sir Hiss aus der Disney-Variante von "Robin Hood", um ein hübsches Vorbild zu bemühen) Amerika als Idee, als Nation und als soziales Code-System zerstören wollen, um ein Imperium nach eigenen Vorstellungen (gierig und krank) zu errichten, lässt sich nicht allein daran ablesen, dass Trump schon genau das in der berühmten Simpsons-Folge erreicht hatte (wenngleich nicht ganz so programmatisch wie wir nun unterstellen) und daran, dass ihn offensichtlich alle Rückmeldungen, die von einer Spaltung der Nation berichten, offenkundig befriedigen. Trump und Bannon sehen den Zerfall ihrer Nation, ihrer Gesellschaft, ihrer Kultur mit Genugtuung zu. Beavis und Butthead rächen sich an einer Welt, zu der sie trotz aller ihrer Bemühungen nie wirklich Zugang gefunden haben.

Der politische Diskurs konnte Donald Trump nicht zähmen, denn so wie der politische Diskurs Donald Trump nicht verstanden hat, so versteht Donald Trump den politischen Diskurs nicht. Amerika soll die Fremden ausschalten, so verlangt es der Trumpismus. Aber die beiden Fremdesten der Fremden in der amerikanischen Demokratie sitzen im Weißen Haus und Twittern den Tod der Sprache hinaus.

6 Alice sah sich um und erkannte, was aus der Raupe geworden war, die Worte nicht nach ihrer Bedeutung sondern nach der Macht bestimmen wollte. Sie erschrak ein bisschen. Und zugleich konnte sie auch nicht anders: Alice musste lachen.

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