Debatte um lügenden Trump-Sprecher Fakt you!

Politiker und Journalisten geißeln Trumps Pressechef als Lügner, weil er "alternative Fakten" anbietet. Es sind Rückzugsgefechte des Establishments, das nicht wahrhaben will: Hier beginnt eine neue Befreiungsbewegung.

Wirklichkeitsformer und Trump-Sprecher Sean Spicer
DPA

Wirklichkeitsformer und Trump-Sprecher Sean Spicer

Mit Anspruch auf Unfehlbarkeit kommentiert


Jede Veränderung, jede Umwälzung, ja aller Fortschritt beginnt damit, dass jemand die ausgetretenen Wege verlässt und eine Alternative aufzeigt. Dazu gehört das Risiko, von den Bequemen, den Ewiggestrigen, den Reaktionären als Spinner abgetan zu werden.

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Heft 4/2017
Die neue Weltordnung

Die Progressiven aber erkennen im Botschafter des Neuen, was er ist: ein Visionär.

Sean Spicer ist ein solcher Visionär. Der neue Sprecher des Weißen Hauses sagte bei seinem ersten Auftritt vor Journalisten: "Das war das größte Publikum, das je bei der Amtseinführung eines Präsidenten dabei war. Punkt." Das stimmt zwar nicht, bei Obamas erstem Amtseid acht Jahre zuvor waren deutlich mehr Menschen dabei, aber darum geht es nicht.

Es geht um viel mehr - um den Beginn einer neuen Freiheitsbewegung: Die Befreiung der Fakten von den Fesseln der Wirklichkeit. Spicer habe lediglich "alternative Fakten" präsentiert, sagte Trump-Beraterin Kellyanne Conway - woraufhin ein Aufschrei durch Politik und Medien ging, die sich an den Status quo klammern und behaupten: Nur traditionelle Fakten seien Fakten. Sie verunglimpfen Trumps alternative Fakten als Lügen, als Spinnereien, als Irrweg, weil sie ihre Macht bedrohen.

Video: Kellyanne Conways "alternative Fakten"

REUTERS

Das Establishment wehrt sich gegen die Faktenfreiheitsbewegung - eine Erfahrung, die auch Friedens-, Frauen- und Umweltbewegung einst machen mussten. Mittlerweile sind diese politischen Alternativen Teil des Mainstreams. Hoffen wir, dass das auch den alternativen Fakten gelingt - und sie sich beim Marsch durch die Institutionen nicht verbiegen lassen und der Wahrheit zu nahe kommen.

Dabei müssten gerade Linke, Liberale, Leitartikler und Freidenker die alternativen Fakten preisen:

  • Die Linken, weil alternative Fakten ein niedrigschwelliges, auf persönliche Bedürfnisse anpassbares Angebot sind.
  • Die Liberalen, weil alternative Fakten mehr Freiheit für den Einzelnen bedeuten, nicht nur sein Schicksal, sondern seine Realität in die eigenen Hände zu nehmen.
  • Leitartikler, weil sie verlässlich jeden Politiker geißeln, der seine Politik als "alternativlos" bezeichnet. Bei Fakten darf nicht mit zweierlei Maß gemessen werden.
  • Freidenker, weil alternative Fakten nicht nur die bestehenden Herrschaftsverhältnisse, sondern bestehende Wirklichkeitsverhältnisse infrage stellen.

Was ist das überhaupt für ein faktenverachtendes Faktenbild, bei dem jedes Faktum erst einen Check durchlaufen muss, bevor es anerkannt wird? Purer Wahrheitsdarwinismus! Jeder Faktenprüfer muss als das gebrandmarkt werden, was er ist: als wahrer Faktenfeind.

Sicher, wir müssen darauf achten, dass die alternativen Fakten nicht abdriften und zu extremistischen Fakten werden. Wir müssen sie unterstützen und begleiten, so dass aus ihnen demokratisch legitimierte Fakten werden, über die wir als Gemeinschaft abstimmen. Wenn endlich wirklich alle Macht vom Volke ausgeht, dann kann es auch darüber entscheiden, ob es die Mondlandung gegeben hat, ob es im Winter schneit und ob sich die Erde um die Sonne dreht. Was bisher galt, spielt keine Rolle mehr: Gemeinsam können wir Fakten schaffen.

insgesamt 151 Beiträge
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Seppiforever... 23.01.2017
1. Sehr schön Herr Trenkamp- SIE gehören...
...einer Neuen Menschheitsklasse an- den POST-Realisten ! George Orwell hätte seine wahre Freude an Ihnen gehabt- oder aber halt an Tronald Dump ! ^^ ^^
beppi 23.01.2017
2. Neu ...
ist das aber auch nicht. Schon in “1984“ können wir genau nachlesen, wie ganze Heerscharen von Beamten im “Ministerium für Wahrheit“ damit befasst sind, die “Fakten“ täglich den aktuellen Erfordernissen “anzupassen“ ...
Olaf 23.01.2017
3.
Unglaublich wie schnell die Wahl von Trump unsere Sprache bereichert. Erst das Post-faktische, jetzt das alternativ-faktische. Meiner Meinung nach jetzt schon ein ganz heißer Anwärter auf das Unwort des Jahres. Mal sehen was noch alles kommt.
Grummelchen321 23.01.2017
4. Darauf
kann man nur mit einem reagieren: "Sarkasmus"
5mark 23.01.2017
5. Gedenkt der Schäden und Opfer
Diesen Beitrag ist nichts hinzuzufügen, wenn man das Thema verstanden hat. Allerdings gibt es Leute die sind mit einem so konservativen Faktenverständnis aufgewachsen, dass Sie die Konsequenzen dieser starren Geisteshaltung nicht wahrhaben wollen. So sind bereits unzählige Menschen durch die Unterdrückung alternativer Fakten ums Leben, ja genau ums Leben gekommen. Fährt man mit einem PKW mit 200 km/h auf einer bundesdeutschen handelsüblichen Bundesstraße gegen einen am Straßenrand friedlich spazierenden Alleebaum endet dies ohne die Freiheit einer alternativen Faktenlagen in nahezu allen Fällen tödlich. Nicht so wenn man den alternativen Fakt Geltung verschafft, dass dort überhaupt kein Baum steht sondern eine dreispurige Autobahn entlangführt. Auf alternative Fakten setzten, heißt Leben retten.
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