Trump will US-Kultursubventionen streichen Der Präsident gegen die Künste

Donald Trump will die staatliche Kulturförderung abschaffen. Dabei kostet sie den Steuerzahler weniger als eine Briefmarke im Jahr und kommt auch der "Sesamstraße" zugute. Prominente laufen bereits Sturm.

Donald und Melania Trump (bei einer Gala des Metropolitan Museums)
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Donald und Melania Trump (bei einer Gala des Metropolitan Museums)

Von , New York


Robert Lynch verbrachte seine ersten Lebensjahre in Deutschland. Als Kind einer in Augsburg und Stuttgart stationierten US-Soldatenfamilie lernte er die schönen Künste zu schätzen: "Viel Oper, viel Musik, viel Malerei."

Das endete, als Lynch in den USA auf die Schule kam. "Da gab's keinen Kunstunterricht mehr", erinnert er sich. Trotzdem bewahrte er sich seine Ader, lernte Klavier, Gitarre und Mandoline spielen und ging nach der Uni direkt ins kulturelle Fundraising.

Seit 32 Jahren leitet Lynch die Kulturförderstiftung Americans for the Arts. Er kämpfte in den Achtziger- und Neunzigerjahren, als die Republikaner in moderner Kunst nur Pornografie oder Blasphemie sahen und die öffentlichen Institutionen aushungerten. Schließlich schwang das Pendel wieder zurück.

Bis jetzt: "Unser Kampf", seufzt Lynch, "geht plötzlich ganz von vorne los."

Denn Präsident Donald Trump macht gerade einen neuen Anlauf, alle Gelder für Kunst, Kultur, Geisteswissenschaften und Medien zu streichen. Von der Axt bedroht in Trumps drakonischem Sparhaushalt sind vor allem die 1965 gegründeten Staatsstiftungen NEA und NEH, die Künstler, Schulen und Initiativen unterstützen. Außerdem - zumindest teilweise - die öffentlichen Rundfunksender PBS und NPR, die unabhängigen Journalismus produzieren und Kinderprogramme ausstrahlen, darunter jahrelang die "Sesamstraße".

Die großen Institutionen wanken

Wohlgemerkt: Amerikas Top-Kulturstätten - Museen, Theater, Orchester - finanzieren sich weitgehend aus privaten Spenden, Investments, Eintritts- und Mitgliedsgebühren. Wie fragil solche Arrangements sind, zeigen die jüngsten Probleme selbst legendärer Häuser wie der New York Philharmonic, des Lincoln Centers und des Metropolitan Museums, deren Chefs kürzlich alle wegen der schiefen Finanzlage ihre Jobs verloren.

Selbst wenn sich Washington dabei sowieso heraushält, bleibt seine Rolle unverzichtbar, da es nicht nur den Nachwuchs fördert, sondern das kulturelle Bewusstsein auch abseits der Metropolen. Dabei bezieht das NEA nur 148 Millionen Dollar aus der Staatskasse - 0,03 Prozent des US-Verteidigungsbudgets (587 Milliarden Dollar), das Trump aber erhöhen will. Das kostet den Steuerzahler 48 Cent im Jahr, weniger als eine Briefmarke.

Metropolitan Opera in New York
AP

Metropolitan Opera in New York

Dahinter stecken also weniger finanzielle Argumente, sondern ideologische. Kunst und Kultur sind für die Konservativen rein persönliche Belange, in die sich der Staat nicht einzumischen habe. Auch erfüllten die Einschnitte Trumps Vision einer autokratisch-untergebildeten Macho-Nation.

Wobei er selbst auch von privat gesponsorter Kultur wenig hält: In der New Yorker Gesellschaft, deren Milliardäre sich als Kunstmäzene brüsten, ist Trump als knausriger Banause verrufen, und politische Shows wie die diesjährige Whitney Biennale dürften seine bewusste Ignoranz nur noch bestätigen.

Kein Wunder, dass die Kulturszene nun geschlossen auf die Barrikaden geht. "Der völlig falsche Ansatz zur völlig falschen Zeit", protestiert Hollywood-Veteran Robert Redford. Sein gemeinnütziges Sundance Institute, das Künstler fördert und ein namhaftes Filmfestival ausrichtet, bezieht auch Staatsgelder.

Veteranen, Delinquente, Drogenkranken

"Die Künste gehören zu den wichtigsten und wertvollsten Mitteln, Wissen zu verbessern und Erfolg zu fördern, von früher Kindheit an", schreiben Kinolegende Julie Andrews und ihre Tochter, die Autorin Emma Walton Hamilton, in einem Essay für CNN. Organisationen wie das NEA seien dabei "unschätzbar" - vor allem auch für "arme, urbane und ländliche Gemeinden", die nur schweren Zugang zu kulturellen Ressourcen hätten.

Robert Lynch verfolgt mit Americans for the Arts noch eine weitere Strategie. Die alten Grabenkämpfe haben ihn gelehrt: US-Politiker lieben "praktische Argumente". Sprich: Kulturinitiativen hätten ökonomischen Wert, indem sie Arbeitsplätze schafften und die Wirtschaft ankurbelten. Überdies habe sich gezeigt, dass sie den Verwundbarsten nutzten - Veteranen, Delinquenten, Drogenkranken. "Wir denken pragmatischer als die Deutschen", lacht Lynch.

Also putzen Lynchs Lobbyisten, Künstler im Schlepptau, die Klinken im Kongress, um die Abgeordneten, die Trumps Haushalt absegnen müssen, vom Schlimmsten abzubringen. Auch fluteten sie etablierte wie soziale Medien mit Appellen (#SaveTheNEA), vor allem in wichtigen Wahlbezirken - darunter Palm Beach, Trumps Florida-Residenz.

"Kultur", sagt Lynch, "ist die Grundlage jeder zivilisierten Gesellschaft." Das erweicht jetzt auch die ersten Republikaner. Mehrere Kongressmitglieder haben sich inzwischen für die Beibehaltung der Förderung ausgesprochen - in ihrem bisherigen, mageren Umfang.



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