Dr. Mitte "Geheim sein" als Geschäftsidee

Berichte über die Partymetropole Berlin Mitte haben Hochkonjunktur. Problematisch wird es nur, wenn die auflagenstärksten Blätter über die kleinsten Underground- Clubs berichten, findet Jürgen Laarmann und untersuchte aktuelle Nightlife-Rezeptionen...

Von Jürgen Laarmann


In keiner Stadt der Welt ist es so, dass wenn ein Partykeller für 30 Leute eröffnet, die sich weitestgehend privat treffen, schon wenige Tage später in den auflagenstärksten Blättern des Landes ("Stern", "Focus") darüber berichtet wird. Doch Artikel über "Clubkultur in Berlin" haben derzeit Hochkonjunktur und üben auf eine paradoxe Weise Einfluss auf das Geschehen in der Nacht der Hauptstadt aus.

Gewöhnt sind die Berliner an Geschichten, in denen "borderline" die irrsten Klischees und Stereotypen über das Nightlife transportiert werden und in denen für Insider der Szene ganz offensichtlicher Unfug steht. Im letzten Jahr noch wurde in fast allen Medien des Landes das Clubsterben der Clubs in Mitte und das Abwandern der Szene nach Friedrichshain festgestellt, was sich definitiv als falsch herausstellte

Neue Veranstaltungsorte wie das 103, der Mud Club, das Pogo, bzw. Pogo 2 oder der neue Cookies Club sind lebender Beweis dafür, dass die typische Mitte- Abrissbuden-Club-Kultur weiterlebt.

Nachdenklichkeit hingegen löste in der Clubszene der "Focus"-Artikel "Hipper als die Polizei erlaubt" aus. Das Faktenblatt fand heraus, dass "je unbekannter, desto besser" ist, und berichtete über die Clubs der Hauptstadt, die sich ein sehr geheimes Image geben, unter anderem deshalb, weil die angesagtesten "Hotspots" teilweise gerade halblegal und ohne Konzession betrieben werden.

Mehrseiter in nationalen Nachrichtenmagazinen gelten gemeinhin nicht als Prototyp geheimhaltender Maßnahmen, nun ist bei den Betreibern Nachdenken über die eigene Strategie im Umgang mit den Medien angesagt, die sich als zwiespältig herausstellt.

Einerseits lebt man gut von dem Hype über den "geheimen" Underground Berlins, andererseits werden schlafende Hunde geweckt, die lieber weiter schlummern sollten, wenn es nach den Betreibern ginge: Dorftouristen, Ämter, Wettbewerber.

Dabei wird nur allzu klar: Geheimsein ist ganz offensichtlich Geschäftsprinzip, bei dem es sehr genau auf die Dosierung ankommt, die Bude muss schließlich voll sein. "Nur für Freunde", steht an der Tür des Cookies. Um die laufenden Kosten zu decken, müssen es allerdings schon ein paar mehr sein und vor allem auch solche, die für die Drinks bezahlen.

Sich den Medien zu entziehen, schafft jedoch niemand mehr. Ein kleiner Laden, der als "Dirt"-Club total leergeräumt, mit Plattentellern auf einem Tapeziertisch und mit einem Haufen Müll in der Ecke ein Programm für wenige Dutzend Menschen offeriert, hat nicht die Möglichkeit, geheim zu bleiben. Die Journalistendichte der Hauptstadt macht es den Geheimveranstaltern nicht einfach, denn die Zunft lebt davon, "Geheimtipps" zu geben, die genau dann keine mehr sind. Schlechtestenfalls werden die Clubs wegen zu viel Publicity wieder geschlossen. Die nächste Stufe des Geheim-Ausgehens wird sich über Clubkarten, limitierte Eingangsschlüssel und die Verpflichtung bei Konventionalstrafen, etwas über den Laden zu berichten, definieren. Schwere Zeiten für Medienarbeiter!





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