Drehbuchlesungen Roter Plüsch und Pommesmief

Manche Sneak Preview kommt ganz ohne Film aus. Bei "Readings - Neues aus dem Giftschrank" öffnen Autoren ihre verborgenen Drehbücher.

Von Harriet Dreier


Lucy van Org: "Nur zwei Stunden geprobt"
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Lucy van Org: "Nur zwei Stunden geprobt"

Sieben leere Stühle und ein Pult stehen vor dem roten Plüschvorhang. An jedem Platz wartet eine Flasche Mineralwasser mit Glas. Im Gänsemarsch kommen acht Schauspieler mit Headphones und Drehbüchern auf die kleine Bühne von "Clärchens Ballhaus" in der Berliner Auguststraße. In verteilten Rollen lesen sie "Mamy Blue", ein bislang unverfilmtes Drehbuch der Berliner Autoren Andreas Klich und Josef Luszpinski. "Mamy Blue" handelt vom real existierenden Sozialismus: Wartburg, Westpakete, Bohnenkaffee, Kampfgruppenuniform und Jugendweihe sind die Stichworte, um die sich die Geschichte rankt. Man fühlt sich in Kindertage zurückversetzt, als noch Hans Paetsch mit seiner sonoren Stimme ein Hörspiel erzählte.

Am Pult sitzt als Erzählerin Radio-Fritz-Moderatorin Luci van Org, besser bekannt als "Lucilectric". Van Org: "Wir haben nur zwei Stunden vorher geprobt. Das Buch ist besser als 'Sonnenallee'." Als Sprecher dabei sind auch Jockel Tschiersch ("Manta, Manta", "Rosa Roth"), Michael Schönborn ("Stammheim") und Angela Hobrig ("Die Stille nach dem Schuss").

Die Schauspieler, die je zwei bis drei Rollen übernommen haben, agieren im Sitzen. Man sieht ihnen zu, wie sie sich küssen, sich anfeinden, verstohlen anblicken. Da sie alle multiple Persönlichkeiten sind, führt das zu merkwürdig-komischen Überschneidungen. Eben mimte Tatjana Blacher noch die stumme Schülerin Barbara, um in der nächsten Sekunde als Lehrerin Frau Loni dem Jungen neben ihr in den Schritt zu greifen. Tschiersch zeigt geradezu akrobatisches Talent in dem er seinen Dialekt alle zwei Minuten von fränkisch zu französisch zu polnisch wechselt.

Im Publikum sitzen Film- und Fernsehleute, Produzenten sowie Schaulustige und Schauspieler, die mal gucken, was die Konkurrenz so treibt. Im Saal herrscht konzentriertes Schweigen, von gelegentlichem Gelächter durchbrochen. Und über allem weht der strenge Geruch der Pommesfriteuse aus der Küche, der den Mief in der Geschichte richtig authentisch wirken lässt.

Für die "Readings" schlagen Produzenten, Redakteure, Agenturen und Dramaturgen ihre noch nicht produzierten Lieblingsdrehbücher vor. Es ist fraglich, ob hier womöglich spätere Filmhits zu Gehör gebracht werden - die ungewöhnliche Art des Vortrags hat jedoch Zugkraft und lässt kleinere Schwächen verzeihen. In jedem Fall weiß der Autor nach dem rund 90-minütigen Vortrag anhand der Resonanz der Schauspieler und des Publikums, wie es um sein Talent bestellt ist.

1999 startete Barbarella Entertainment im Kölner "Alter Wartesaal" Deutschlands erste öffentliche Drehbuchlesungen. Unter dem Titel "Readings - Neues aus dem Giftschrank" lasen an sechs aufeinander folgenden Montagen prominente Schauspieler in verteilten Rollen jeweils ein noch nicht verfilmtes Drehbuch vor Publikum. Mit dabei waren bisher Prominente wie Esther Schweins, Herbert Feuerstein, Peter Lohmeyer, Elke Heidenreich, Dorkas Kiefer, Ralf Richter oder Renan Demirkan. Mittlerweile haben sich die "readings" auch in Berlin und München etabliert. Ab 11. September finden das Event auch in Hamburg statt.

"Readings - Neues aus dem Giftschrank": Die nächste Lesung findet am 18. September in München, 25. September in Köln, 2. Oktober in Berlin und 9. Oktober ersmals auch in Hamburg statt.



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