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12. August 2006, 14:14 Uhr

"Dreigroschenoper"

Tote Hose im Admiralspalast

Von Jenny Hoch

Es sollte ein verwegenes Experiment zwischen Anarchie und großem Geld werden: Theaterstar Brandauer inszeniert Brechts "Dreigroschenoper" mit Campino als Mackie Messer. Doch was als glanzvolle Wiedereröffnung des Berliner Admiralspalastes geplant war, entpuppte sich als brave Promi-Posse.

Brecht, der alte Weltverbesserer, wäre entsetzt gewesen: Das Volk musste draußen bleiben bei der Premiere seines gesellschaftskritischen Bettlerstückes "Dreigroschenoper". Hunderte Schaulustige wurden mit Absperrungen im Zaum gehalten, während die Schönen und Reichen über den roten Teppich durch den Innenhof des Admiralspalastes flanierten. Der Prosecco floss in Strömen und die Prominenz setzte sich im Blitzlichtgewitter in Szene. Da wirkte sogar der Bauschutt, der nicht mehr rechtzeitig hatte weggeräumt werden können, auf diese gewisse hauptstädtische Art glamourös.

Selten lösen Theaterpremieren so viel Trubel aus wie diese. Buchstäblich bis zur letzten Minute war unklar gewesen, ob sie überhaupt stattfinden würde. Die Sanierungsarbeiten an dem maroden Admiralspalast waren derart im Verzug, dass die Bauaufsicht es nach sechsstündiger Begehung zwei Tage vor der Premiere entnervt aufgab, alle Mängel zu protokollieren und die Freigabe des Gebäudes zunächst verweigerte. Der Schweizer Produzent Lukas Leuenberger, der mit Hilfe des Hauptsponsors Deutsche Bank das millionenschwere Event stemmt, kommunizierte mit der Investorengruppe des Admiralspalastes nur noch über Anwälte.

Dazu kam, dass das Ensemble wochenlang mitten im Schutt und Lärm proben musste, was einer harmonischen Zusammenarbeit ebenfalls eher abträglich war. Kurz: Die Nerven aller Beteiligten lagen blank, die Presse berichtete beinahe täglich über den Berliner Theater-Krimi und die ganze Nation inklusive Kanzlerin nahm Anteil am Brecht-Revival zum 50. Todestag des Dichters.

Tatsächlich verspricht diese Inszenierung einiges: Regie führt Klaus Maria Brandauer, Hollywoodstar a.D. und Burgtheaterschauspieler auf Lebenszeit. Um sich geschart hat er ein illustres Ensemble. Den Mackie Messer spielt Tote-Hosen-Sänger Campino, der sich mit diesem Auftritt demütig der Hochkultur annähert und zum ersten Mal nicht als Krawallpunk, sondern als Schauspieler auf der Bühne steht. Als Bettlerkönig Peachum ist der Fassbinder-Schauspieler Gottfried John zu sehen, als dessen Frau Mrs Peachum die DDR-Ikone Katrin Sass, seit "Good bye Lenin!" gesamtdeutscher Publikumsliebling. Die Burgschauspielerin Birgit Minichmayr ist Polly, Maria Happel die Spelunkenjenny, Michael Kind der Polizeichef Tiger Brown und Jenny Deimling seine Tochter Lucy.

Verspäteter Haifisch-Song

Die Erwartungen waren bei so viel geballtem Kreativ-Potenzial natürlich immens, obwohl laut einer Studie fast die Hälfte der Deutschen Brecht und seine Werke gar nicht kennen und im Feuilleton seit Jahren debattiert wird, ob Brecht lesen oder spielen heute überhaupt noch geht. Brandauer und den seinigen war's einerlei, es hieß, Berlin werde die gewaltigste "Dreigroschenoper" seit langem erleben, ohne die dem Regisseur verhassten Regietheaterideen und Modernisierungstendenzen zwar, dafür aber brandauerisch-barockes Schauspielertheater.

Als mit gut 20-minütiger Verspätung endlich das Deutsche Filmorchester Babelsberg im Graben Platz genommen hat und die obligatorische Brecht-Gardine beiseite geschoben ist, fängt das Regie-Event ganz gut an. Brandauer wirft dem Publikum den beliebten Gassenhauer, die "Moritat von Mackie Messer" erst einmal nicht zum Fraß vor, sondern lässt das Orchester das weltberühmte Haifisch-Motiv nur hie und da als Appetizer anspielen. Alles ganz schlicht und zurückgenommen. Die Bühne hat Ronald Zechner relativ leer gelassen, einige Requisiten wie große Schrank-Kisten, Stohballen, Leuchtreklamen und ein großer Käfig deuten die Spielorte Bettlergarderobe, Pferdestall, Bordell und Gefängnis an.

Auch den ersten Auftritt Mackie Messers inszeniert Brandauer angenehm unaufgeregt. Campino kommt als Gangsterboss mit schwarzem 20-Jahre-Anzug und Melone im Halbdunkel auf die Bühne und hat erst einmal wenig Text. Campino, auf dessen Erscheinen im Publikum sowohl verstrubbelte Hosen-Fans als auch Societydamen im kleinen Schwarzen sehnsüchtig warten, erscheint hier bewusst nicht als Star, sondern als Ensemblemitglied.

Den Punk gehörig ausgetrieben

Doch leider muss auch Campino irgendwann den Mund aufmachen, spielen und singen. Wie zu erwarten war und wie er selbst vorausgesehen hat, säuft er inmitten der Theaterroutiniers um ihn herum gnadenlos ab. Brav gescheitelt und ohne verstärkendes Mikrofon und wilde Konzertshow, steht da weder ein raubeiniger Mackie Messer auf der Bühne noch ein wilder Hosen-Sänger. Den Punk hat ihm Brandauer gehörig ausgetrieben. Übrig geblieben ist ein unsicher wirkender Andreas Frege - so heißt Campino mit bürgerlichem Namen - der so tut als ob. Der sich als Theaterlaie redlich bemüht und auch sympathisch rüberkommt, der aber schlicht und einfach kein Schauspieler ist.

Dass sich bis auf wenige Ausnahmen vor allem die Sprechszenen wie Kaugummi ziehen und eher langweilen als unterhalten, ist allerdings nicht seine Schuld. Brandauer inszeniert brav und mit wenig Verve. Die Gangsterbande singt durcheinander, oft rennen die Schauspieler unmotiviert hin und her. Die einzigen, die es hin und wieder rausreißen, sind die Frauen. Mirgit Minichmayr spielt ihre Polly wunderbar rotzig und zart zugleich, Katrin Sass liefert als Mrs Peachum eine tolle Slapstickeinlage und die Spelunkenjenny und Lucy geben ihre Songs mit schrägem Vibrato zum Besten.

Erst ganz am Ende, als der Gangsterboss Mackie für seine Missetaten Abbitte leistet, darf Campino das machen, was er am besten kann. Frontal zum Publikum ist er kurz der Bürgerschreck, als den ihn alle lieben. Gekrümmt und mit Reibeisenstimme schreit er dem Klassenfeind, der im hell erleuchteten Zuschauerraum sitzt, seine Wut entgegen: "Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?"

Darauf einen Prosecco.

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