Performance in Hamburg Die Freaks im Glaskasten

Dries Verhoeven stellt einen gottesfürchtigen Muslim, eine halbnackte Transexuelle und eine kleinwüchsige Prostituierte in einem Glaskasten aus. Mitten in der Hamburger Fußgängerzone. Die Passanten sind verstört. Zum Glück.

SPIEGEL ONLINE

von und Sara Maria Manzo (Video)


Zwischen einem Esprit-Shop und der Sparkasse kratzt ein "Allahu akbar" durch den Lautsprecher. Der Gebetsruf des Islam, der "Adhan", scheppert durch die Hamburger Fußgängerzone. So richtig laut, wie sonst nur in den "Tagesthemen". Ein schwarzbärtiger Muslim steht zwischen den einkaufenden Menschen und erhebt die Hände zum Gebet. Er fällt auf die Knie, berührt den Boden seines roten Teppichs mit der Stirn, richtet sich wieder auf, führt die Hände zu den Schultern und beginnt von vorn. Außer seinem schwarzen, knöchellangen Gewand trägt er noch einen durchdringenden Blick aus traurigen Augen - und eine schusssichere Weste.

"Ach, das ist so ein Fakir!", sagt eine alte Dame, die gerade vorübergeht. Ein Mädchen ruft hinterher: "Nee, nee, das ist www.muslim.de!"

Was auch immer "es" ist - es verstört den einkaufenden Hamburger. Da hilft es auch nicht, dass der Muslim nicht einfach so mitten in der Fußgängerzone steht, sondern in einem mannshohen Glaskasten. Am Kasten hängt dezent ein Schild, das dieses Gebet als Kunstperformance ausweist. Das Schild spricht von Angst und Orthodoxie, aber das hilft auch keinem Passanten.

Fotostrecke

10  Bilder
Minderheiten im Kasten: Wovor wir uns fürchten
"Muss man in der Öffentlichkeit beten? Soll ich jetzt auch ein Vaterunser runterleiern, oder was?", kommentiert empört eine jugendliche Hamburgerin.

Nach einer Viertelstunde Beten ist alles vorbei. Der Muslim setzt sich auf den Boden seines Glasquaders. Der Lautsprecher an der Decke verstummt. Rollläden scheppern auf allen vier gläsernen Seiten herunter, ratsch, ratsch, - und wieder ist Ruh. Verstörung bleibt.

Der Niederländer Dries Verhoeven hat sich diese Verwirrung gewünscht. Der Muslim ist Teil seiner Performance-Reihe "Ceci n'est pas…". An zehn aufeinanderfolgenden Tagen setzt er jeweils eine andere Person in den Glaskasten: Einen Soldaten, der mit Zimmermannshämmern eine Trommel zertrümmert. Einen Jungen, der auf Patronen sitzend eine Knarre putzt. Einen Transsexuellen mit Federboa. Dann noch eine Zwergwüchsige, die lasziv Rauch durch die Box bläst.

Was verbindet diese Personen? "Verletzlichkeit", sagt der Künstler.

Nach 15 Minuten Wuseltrubel in der Fußgängerzone rattern die Rollläden wieder hoch. Der Mann sitzt im Schneidersitz auf dem Boden der Box, flippt alle paar Sekunden eine Kugel an seiner Misbaha, der muslimischen Gebetskette, und guckt konzentriert. Aus seinem Lautsprecher rauscht es jetzt tief. Ein Haufen Leute beobachtet den Meditierenden gebannt, sogar Selfies, Ussies und Videos werden gemacht. Ich mit einem Betenden!

Seine Weste ist kugelsicher

Die Zuschauer starren den Mann an. Der Mann starrt die Zuschauer an. An der Scheibe treffen sich ihre Blicke. Die Scheibe markiert die Grenze zwischen Kunst und Realität, denkt man, doch für das Publikum existiert die Grenze gar nicht. Sie sehen einen Muslim, der genau das tut, was den Blicken des klassischen Mitteleuropäers sonst nur aus dem Fernsehen bekannt ist: Allah anrufen.

"Ich wollte die Leute, die sonst nicht ins Museum gehen, auch mal an Kunst teilhaben lassen", sagt Dries Verhoeven. "Ich wollte die Grenze zwischen Kunst und Realität aufheben. Was ist schon Kunst? Die Leute sollen ihre Köpfe schütteln, das ist Kunst."

Der muslimischen Performance hat er den Titel gegeben "Ceci n'est pas notre peur" - dies ist nicht unsere Angst. Mit magrittscher Ironie (René Magrittes berühmtes Bild "Ceci n'est pas une pipe" zeigt genau das, was es verneint, eine Pfeife) installiert er sehr genau das, was uns Angst einjagt: den betenden Muslim mit starrem Blick, den Fanatiker to be.

Wer an dem Mann im Kasten vorübergeht, bemerkt zunächst seine Weste. Eine Sprengstoffweste sei das, sagen manche, jedoch: Ceci n'est pas une Sprengstoffweste. Der Muslim will nicht angreifen, er muss sich schützen: Seine Weste ist kugelsicher. Ganz so wie die von Soldaten oder Polizisten im Anti-Terror-Einsatz.

Die Angst diktiere den Gedanken, sagt Dries Verhoeven. Er wünscht sich, dass die Passanten auf den zweiten Blick die Schutzkleidung erkennen mögen. "Wir sollten uns über die blinden Flecken in unserer Wahrnehmung klar werden, über die Klischees, in die wir seit 2001 fallen, dann sind wir gewarnt", sagt er.

"Ich glaub, der stirbt gleich", fürchtet eine junge Passantin und zupft die Kopfhörer aus ihren Ohren. "Da steht irgendwas mit Angst", meint eine andere. Ein Dritter erklärt seinen Kumpels: "Unten auf dem Boden hockt jemand, so mit kleinen Kugeln in der Hand, ganz cool eigentlich." Eine Schülerin, Muslima, legt stolz dar, wie im Islam gebetet wird. Einige hören ihr zu, einige wenden sich mit empört abendländischem Kopfschütteln ab.

Nach langem Starren marschiert eine ältere Dame - offensichtlich Christin - wutentbrannt Richtung Sparkasse davon. Wie denn dieser Kerl im Kasten schon aussähe. Man sei in Europa. Der Typ mache doch Angst, ruft sie laut. Nein, der Typ habe Angst, entgegnet ihr ein ebenfalls empörter junger Mann. Warum, bitte, müsste er sonst in einem Kasten aus kugelsicherem Plexiglas sitzen?


Die Performances "Ceci n'est pas.." des niederländischen Künstlers Dries Verhoeven sind im Rahmen des Kampnagel-Sommerfestivals noch bis einschließlich Samstag, 16. August, in der Hamburger Innenstadt (Spitaler Straße) zu sehen. Später wird das Werk in Helsinki und auch in Freiburg aufgeführt werden.

Mehr zum Thema


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 34 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
caone 15.08.2014
1. wasser
also kunst ist mittlerweile schon ein sehr verwässerter begriff, v.a. die definition des künstlers überzeugt mich nicht.... naja, kunst ist, wenn man trotzdem lacht...
keeyo 15.08.2014
2. Deutschland,Eine tolerante Gesellschaft?
Dass ich nicht lache ...
darkaluschi 15.08.2014
3. Sehr spannend
Dankeschön
Trainspotter 15.08.2014
4. Kunst?
Mit Kunst hat das ganze nicht viel zu tun. Und wie man sieht, werden die wenigsten zum positiven Denken angeregt.
wesmpipes 15.08.2014
5.
Ich finde den Muslim mutig, sich dem zu stellen und da mit zu machen. Auch alle anderen Akteure des Projektes sind mutig, dass sie sich sowas in unserer verstockten Gesellschaft trauen. Ich danke dem Muslim und auch den anderen Akteuren für ihren Mut, wünsche ihnen weiterhin gutes Gelingen und unserer Gesellschaft mehr Toleranz! !
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.