Britinnen in Nazi-Deutschland "Wir hatten die beste Zeit unseres Lebens"

In den dreißiger Jahren schickten viele englische Familien ihre Töchter auf deutsche Schulen. Rachel Johnson, Schwester des Londoner Bürgermeisters, hat einige für ein Buchprojekt befragt. Im Interview spricht sie über die britische Begeisterung für das "Dritte Reich".

Getty Images

München, im Februar 1936. Daphne und Betsy, zwei Mädchen aus Oxford, entdecken den Charme einer Großstadt in Nazi-Deutschland. Rachel Johnson, 47, erzählt die merkwürdige Geschichte junger Engländerinnen in Hitlers Reich aus zwei (fiktiven) Perspektiven: aus der Sicht der Frauen damals und einer ihrer Enkelinnen heute. Die britische Presse lobte das Buch als unterhaltsam und detailgetreu. Johnson, die Schwester des Londoner Bürgermeisters, hat selbst erst vor wenigen Jahren entdeckt, dass ihre Familie enge Verbindungen nach Deutschland hatte.

SPIEGEL ONLINE: Mrs. Johnson, wie haben Sie herausgefunden, dass einige Frauen Ihrer Familie in den dreißiger Jahren in Bayern waren?

Johnson: Vor einigen Jahren hat die BBC in einer Film-Doku über meinen Bruder Boris versucht, einige Rätsel unserer komplizierten Familiengeschichte zu lösen. Wir dachten immer, dass die Mutter meines Vaters aus Frankreich stammt, aber wie sich herausstellte, war sie Deutsche. Wir hatten Vorfahren in München. Meine Großmutter mütterlicherseits ging als Schulmädchen in den dreißiger Jahren nach Bayern. Später, als ich verheiratet war, fand ich heraus, dass auch meine Schwiegermutter in München gewesen ist, ungefähr zur gleichen Zeit.

SPIEGEL ONLINE: Seltsamer Zufall.

Johnson: Noch seltsamer war, dass meine Schwiegermutter noch im April 1938 von England nach München geschickt wurde - zu einer Zeit, als Hitler längst nicht mehr als harmlos galt. Sie war beim "Anschluss" Österreichs dabei und sah Hitler im Wagen durch die Stadt fahren.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie sich entschieden, einen Roman darüber zu schreiben?

Johnson: Ich habe einen Beitrag fürs Radio über die englische Kolonie in Deutschland gemacht, hatte aber nicht genug Material für ein Sachbuch. Trotzdem faszinierten mich die englischen Mädchen. Sie lebten bis kurz vor Ausbruch des Krieges in Deutschland. Manche kamen dem Diktator dabei sehr nahe und verbrachten Zeit mit ihm und Hess. Eine Tochter auf ein deutsches Mädchenpensionat zu schicken, war in England damals Mode.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Johnson: Deutschland war ein Verbündeter, trotz aller Differenzen. Vergessen Sie nicht, dass der englische König Georg V. den Namen seines Adelsgeschlechts erst 1917 von "Sachsen-Coburg und Gotha" zu "Windsor" umgeändert hat. Es gab viele adelige Verbindungen und Freundschaften. Gleich zwei englische Zeitungen beschäftigten sich mit dem deutsch-britischen Verhältnis und druckten Artikel, wie schön Deutschland war, wie herrlich die Landschaft und wie großartig Hitler. Die Briten mochten die deutsche Sauberkeit.

SPIEGEL ONLINE: Wohin gingen die englischen Mädchen damals?

Johnson: Einige wohnten in Berlin oder Dresden, aber Bayern mit seinen Bergen, Schlössern, Museen und Bierkellern war attraktiver. Oberammergau hatte einen ausgezeichneten Ruf. Die Mutter meiner Mutter wohnte in den dreißiger Jahren in Regensburg, sie war Jüdin. Sie ging nach München in die Oper, fuhr in den Bergen Ski und verliebte sich später in einen Skilehrer aus Freiburg, ein Mitglied der NSDAP. Seine Familie nannte meine Oma "die Jüdin". Ihre Beziehung ging katastrophal schief, und sie kam zurück nach England. Während der Recherchen zu "Winter Games" habe ich ein Dutzend Frauen getroffen, die meisten über 90, die als Mädchen in Deutschland waren.

SPIEGEL ONLINE: Was haben sie erzählt?

Johnson: Sie sagten: "Wir hatten die beste Zeit unseres Lebens." Es gefiel ihnen im "Dritten Reich". Großbritannien war damals ein stickiges Land, in jeder Hinsicht. Viel Arbeitslosigkeit, schlechtes Essen, schlechte Luft. In Bayern war die Luft klar, das Leben gesund und es gab gutaussehende Männer. Keine Anstandsdamen, keine Eltern. Die Mädchen konnten ihr Glück nicht fassen. Sie hatten alles, Sex inklusive.

SPIEGEL ONLINE: Was hielten sie von den Deutschen?

Johnson: In meinen Interviews habe ich gefragt, ob sie sich verliebt hätten. Die Frauen antworteten: "Immer, und zwar in jeden." Sie wurden von den Deutschen gefeiert. Natürlich stammten diese Mädchen nicht aus armen Familien, außerdem war der Wechselkurs gut.

SPIEGEL ONLINE: War ihnen die Gefahr der Nazis bewusst?

Johnson: Überhaupt nicht. Wenn sie im Schwimmbad ein Schild mit der Aufschrift "Keine Juden" sahen, haben sie sich gefragt: Was ist ein Jude? Sie kannten keine Juden. Außerdem waren sie Mädchen aus der oberen Mittelschicht, ihre Väter waren beinahe zwangsläufig Antisemiten. Rechtes Gedankengut wurde damals auch in England populär. Die Familie meiner Schwiegermutter war insofern typisch für die heikle Einstellung englischer Aristokraten. Der Vater meiner Schwiegermutter hielt Reden im House of Lords und lobte Hitler als ordentlichen Burschen.

SPIEGEL ONLINE: Was haben die Frauen über Hitler gesagt, mit denen Sie gesprochen haben?

Johnson: Natürlich nichts besonders Gutes, allerdings haben sie auch nicht ihre Meinung darüber geändert, was sie vor dem Krieg in Deutschland erlebten. Vielleicht haben sie Nazis über die Straßen marschieren gesehen, aber insgesamt hatten sie Spaß. "Hitler war phantastisch, das Problem war nur, dass er etwas zu weit ging", erzählte mir eine. Die meisten konnten es später nicht glauben, dass diese netten Deutschen zu solchen Taten fähig waren. Für sie sah die Oberfläche glänzend aus. Von den Nürnberger Rassegesetzen hatten sie nichts gehört. Eine erzählte mir, dass ihr Musiklehrer verschwunden ist, ein Jude. Aufmerksam wurde niemand. Es war bewusste Blindheit.

SPIEGEL ONLINE: Wann änderte sich das?

Johnson: Spätestens im September 1939, nach Hitlers Invasion in Polen. Schon im Sommer hatten viele Briten Deutschland verlassen. Nur Unity Mitford blieb in München, eine rechtsextreme Britin, Hitler-Anhängerin und jahrelang Mitglied von Hitlers engstem Zirkel. Ihre Eltern versuchten, sie aus München wegzuholen, allerdings erfolglos.

SPIEGEL ONLINE: Trotz des Themas ist "Winter Games" kein trauriger oder tragischer Roman geworden. Wie waren die Reaktionen bislang?

Johnson: Es war nicht einfach, für das Buch Werbung zu machen. Viele Leute halten das Thema für zu schwierig. Neulich war ich auf der Jewish Book Week in London. Die erste Frage lautete: "Rachel, was fasziniert dich an den Nazis?"

SPIEGEL ONLINE: Sie waren zur Recherche auch in Berchtesgaden.

Johnson: Ich war zufällig im April dort, an Hitlers Geburtstag. Irgendjemand hatte Kerzen am Berghof angezündet, Hitlers früherer Residenz. Sehr seltsam. Die Berge und der Königsee sind wunderschön, aber es ist schwer, der düsteren Geschichte aus dem Weg zu gehen - "der schwierigen Vergangenheit", wie die Tourismusleute erzählten.

SPIEGEL ONLINE: Warum sind die Briten immer noch besessen von Nazis dem Zweiten Weltkrieg?

Johnson: Bizarr, oder? Ich glaube, es werden mehr Bücher in Englisch über die Nazi-Zeit als über jedes andere Thema geschrieben. Diese Phase fasziniert uns. Es war eine Zeit großer Gefahr, aber auch großer britischer Tapferkeit. Ich dachte, es könnte spannend sein, diesen Teil der europäischen Geschichte aus der Sicht von jungen, etwas naiven Mädchen zu erzählen.

Das Interview führte Christoph Scheuermann



© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.